Die vielen Skalps der Angela Merkel

Am 10. April 2010 ist Angela Merkel auf den Tag genau zehn Jahre lang Vorsitzende der CDU. Der Bonner Politikwissenschaftler und Merkel-Biograph Gerd Langguth erläutert im AZ-Interview, wie es Kohls einstigem „Mädchen“ aus dem Osten gelang, die westdeutsche Männertruppe zu domestizieren - und warum ihr heute kein Unions-Ministerpräsident das Wasser reichen kann.
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Gerd Langguth (63) kennt als früherer Politiker das Innenleben der Macht. Er war CDU-Vorstandsmitglied und saß von 1976 bis 1980 im Bundestag.
dpa Gerd Langguth (63) kennt als früherer Politiker das Innenleben der Macht. Er war CDU-Vorstandsmitglied und saß von 1976 bis 1980 im Bundestag.

Am 10. April 2010 ist Bundeskanzlerin Angela Merkel auf den Tag genau zehn Jahre lang Vorsitzende der CDU. Der Bonner Politikwissenschaftler und Merkel-Biograph Gerd Langguth erläutert im AZ-Interview, wie es Kohls einstigem „Mädchen“ aus dem Osten gelang, die westdeutsche Männertruppe zu domestizieren - und warum ihr heute kein Unions-Ministerpräsident das Wasser reichen kann.

AZ: Herr Professor Langguth, Bundeskanzlerin Angela Merkel ist seit zehn Jahren CDU-Chefin. Wie hat sie sich seit ihrem Amtsantritt 2000 verändert?

PROFESSOR GERD LANGGUTH: Als Person gar nicht so sehr. Sie ist natürlich selbstbewusster und politisch erfahrener geworden. Ansonsten ist sie bis jetzt ganz die junge Alte geblieben.

Und politisch? Aus „Kohls Mädchen“ ist „Mutti“ geworden, wenn man den medialen Etiketten glauben darf.

Dass sie als Kohls „Mädchen“ bezeichnet wurde, hat sie damals eher gestört – Merkel wollte aus eigener Kraft eine politische Autorität darstellen. Natürlich hat sie am Anfang ihrer politischen Karriere Helmut Kohl bewundert. Er war ja derjenige, der sie bereits im zarten Alter von 36 Jahren ins Kabinett gehievt hat. Und trotzdem wollte sie sich emanzipieren von den alten Männern der CDU, wie sie es ausgedrückt hat. Das ist ihr gelungen – gleichzeitig hat sie inhaltlich die Partei modernisiert.

Inwiefern ist sie heute wirklich Mutti?

Das ist ein Kunstbegriff, den Medienleute erfunden haben. Ich halte „Mutti“ aber für eine ehrenvolle und sehr positiv besetzte Bezeichnung, mit der normalerweise eine sehr fürsorgende Person gemeint ist – jedenfalls in funktionierenden Familien. Deshalb wird ihr der Name ganz recht sein.

Wie hat es Mädchen aus dem Osten geschafft, die alte westdeutsch-katholisch geprägte CDU so zu domestizieren?

Sie hatte Fortune: Mitten in der größten Krise der CDU, als es um den von Helmut Kohl zu verantwortenden Spendenskandal ging, war Merkel die Retterin. Sie war diejenige, die mit alldem nichts zu tun hatte. Als die Basis dann „Angie, Angie“ skandierte, hat sie diese Rufe beherzt aufgegriffen.

"Derzeit gibt es keinen in der Union, der Merkel das Wasser reichen könnte"

Und die CDU-Ministerpräsidenten? Lauern die nur darauf, Merkel abzusägen?

Die sind doch selber alle untereinander Konkurrenten, also nicht nur im Verhältnis zu Merkel. Derzeit gibt es keinen, der ihr das Wasser reichen kann. Auch der bayerische Ministerpräsident kämpft mehr um die eigene Autorität im Freistaat, als dass er die Kraft hätte, sich wirklich mit Merkel zu messen.

Horst Seehofer sagt über Merkel: „Wer sie unterschätzt, hat schon verloren.“

Das ist mal eine Aussage von Herrn Seehofer, der ich uneingeschränkt zustimme.

Wird ihr doch mal ein parteiinterner Konkurrenten gefährlich, pflegt Merkel ihn eiskalt abzuservieren. Man denke nur an Friedrich Merz.

Ja, die Zahl ihrer ‚Skalps‘ ist enorm. Merkel hat es oft geschafft, Leute zu beerben, die sie zuvor gefördert hatten. Da war etwa Lothar de Maizière, auf den sie gefolgt ist als damals einzige Vizechefin der CDU. Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble hat sie mit einem Doppel-Handkantenschlag aus deren Ämtern befördert – der eine musste den Ehrenvorsitz aufgeben, der andere den Parteivorsitz. Friedrich Merz hat sie ebenso aus dem Weg geräumt wie letztlich Edmund Stoiber. Und auch Seehofer muss sich umschauen, dass er nicht ihr nächstes Opfer wird.

Wie meinen Sie das?

Na ja, der kleine Aufstand der Berliner CSU-Landesgruppe gegen Seehofer in München neulich, das gab es in dieser Form noch nie. Da wartet Merkel einfach ab und lässt die Dinge auf sich wirken. Seehofer braucht aber Merkel mehr als sie ihn.

"Sie hat etwas mädchenhaft Insistierendes"

Hat Sie in punkto Machterhalt von Kohl gelernt?

Sie hat von Kohl manches gelernt – und ist trotzdem ganz anders: Kohl war sehr vernetzt in der CDU, ein Geschichtsdeuter und stark ideologisch geprägt. Merkel denkt nicht in ideologischen Kategorien. Sie ist eine nüchterne Physikerin, eine pragmatische Problemlöserin.

Auf internationaler Ebene gilt Merkel als Eiserne Lady. Wie wickelt sie die Mächtigen der Welt um den Finger?

Mit konsistentem Humor und aufdringlichem Charme hat Merkel selbst den hartleibigen George Bush zum Einlenken bewegt. Sie hat etwas mädchenhaft Insistierendes. Kann knallhart sein in der Sache, aber äußerst charmant im Ton. Und sie ist sehr fleißig, liebt die Details. Frau Merkel will stets nachweisen, dass sie die Akten besser kennt als ihre Verhandlungspartner.

Was tippen Sie: Wie lange hält sich Merkel noch in den eisigen Höhen der Macht?

Halten Sie sich fest: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat derzeit alle Chancen, an die 16 Jahre Kohl heranzukommen. Gegen die stärkste und stabilste Partei, die auch noch die Regierungschefin stellt, ist eine Koalition nur sehr schwer möglich. Warten wir es ab!

Interview: Markus Jox

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