Die unfassbare Akte Anis Amri

Fingerabdrücke am Lkw, mögliche Pläne eines Selbstmordattentats und etliche kriminelle Taten: Im Fall des Terrorverdächtigen gibt es immer mehr Details.
| Tobias Wolf
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Mit diesen beiden Bildern fahndet das BKA nach dem Verdächtigen Anis Amri.
BKA/dpa/AZ Mit diesen beiden Bildern fahndet das BKA nach dem Verdächtigen Anis Amri.

Noch ist Anis Amri auf der Flucht, doch es kommen immer mehr pikante Details über den 24 Jahre alten Tunesier ans Licht. Er gilt als dringend tatverdächtig, den Lkw in den Berliner Weihnachtsmarkt gesteuert zu haben. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist er wirklich der Täter", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) gestern.

Was wir über den Mann, der wahrscheinlich zwölf Menschenleben auf dem Gewissen hat, Neues wissen:

Fingerabdrücke am Lkw

Am Dienstag, nachdem der Anschlags-Lastwagen abgeschleppt und genauer durchsucht wurde, fanden die Ermittler im Fußraum bereits die Geldbörse mit den Duldungspapieren von Amri. Jetzt konnten auch seine Fingerabdrücke am Fahrerhaus sichergestellt werden, wie Thomas de Maizière mitteilte. Zudem seien weitere Hinweise gefunden worden. Details nannte der Minister allerdings nicht.

Selbstmordattentäter

Nach "Spiegel"-Informationen hatten die Sicherheitsbehörden bereits vor Monaten vage Hinweise darauf, dass sich der Tunesier, der als islamistischer Gefährder galt, im Chat mit einem Hassprediger als möglicher Selbstmordattentäter anbot. Entsprechende abgefangene Äußerungen seien aber so verklausuliert gewesen, dass sie nicht für eine Festnahme gereicht hätten. Nach einem Bericht der "New York Times" soll sich Amri im Internet auch über den Bau von Sprengsätzen informiert haben. Anschlagspläne hätten die Ermittler aber nicht finden können.

Die bizarre Jagd auf Anis Amri: Das Staatsversagen

Aufenthalt in Deutschland

Amri kam nicht über die Balkan-Route nach Deutschland, sondern lebte schon jahrelang in Europa. Er reiste 2015 aus Italien kommend über Freiburg nach Deutschland ein.

Die deutschen Behörden hatten den 24-Jährigen, der mit verschiedenen Namen vor allem in Nordrhein-Westfalen und Berlin agierte, monatelang auf dem Radar. Er geriet schnell an Salafisten. Inoffiziell bestätigten Sicherheitskreise gestern, dass es das Netzwerk rund um den im November festgenommenen Abu Walaa war. Walaa gilt als salafistischer Chefideologe und IS-Unterstützer. Dennoch konnte Amri nichts nachgewiesen werden. Er verhielt sich während seiner Observation in Berlin als Kleindealer so unauffällig, dass die dortige Generalstaatsanwaltschaft ihre Beobachtung einstellte. Auch ob der IS – wie behauptet – tatsächlich Verbindungen zu Amri hatte, konnte bislang nicht bewiesen werden.

Obwohl sein Asylantrag abgelehnt wurde und er in Abschiebehaft saß, scheiterte seine Abschiebung nach Tunesien – weil er keinen Pass hatte. Das Land hatte zunächst bestritten, das Amri Tunesier sei. Seine Papiere seien laut NRW-Innenminister Ralf Jäger ausgerechnet erst zwei Tage nach der Berliner Bluttat eingetroffen.

Fahndungen und Razzien

Die Ermittler erhöhten am Donnerstag den Fahndungsdruck. Die Bundesanwaltschaft hat inzwischen Haftbefehl erlassen. Die Berliner Polizei stürmte einen Moschee-Verein im Stadtteil Moabit – laut "Berliner Zeitung" sogar mit Blendgranaten. Amri soll früher dort verkehrt haben. Auch in NRW gab es Polizeieinsätze. In Emmerich im Kreis Kleve durchsuchten Beamte eine Flüchtlingsunterkunft. Dort war der Tunesier laut "Spiegel " offiziell gemeldet. Im direkten Zusammenhang mit dem Anschlag wurde aber bislang niemand festgenommen.

Kriminelle Vergangenheit

Laut Berichten aus Italien und Tunesien ist Amri auch dort oft kriminell aufgefallen. Gefängnisstrafen wegen diverser Straftaten sollen auf sein Konto gehen, darunter Raub, Körperverletzung und Brandstiftung. "Er schuf in der Klasse ein Klima des Schreckens", schreibt "La Stampa" über die kurze Zeit des Tunesiers an einer Schule auf Sizilien 2011. Als man versuchte, ihn zur Raison zu bringen, habe Amri rebelliert. "Seine Geschichte als Migrant endete mit dem Versuch, die Schule anzuzünden", berichtet das Blatt unter Berufung auf seine Strafakte.   

AZ-Kommentar Anis Amri: Ein Würstchen

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