Der glückliche Verlierer

Thorsten Schäfer-Gümbel galt als Witzfigur von Ypsilantis Gnaden. Bei seinen Reden schlafen die Zuhöhrer fast ein. Dennoch ist der hessische SPD-Spitzenkandidat ein Mann mit Zukunft. Die AZ hat ihn im Wahlkampf begleitet.
| Abendzeitung
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Empfehlungen
Dass er den Höllenjob als Spitzenkandidat macht, wird Thorsten Schäfer-Gümbel hoch angerechnet.
dpa Dass er den Höllenjob als Spitzenkandidat macht, wird Thorsten Schäfer-Gümbel hoch angerechnet.

Thorsten Schäfer-Gümbel galt als Witzfigur von Ypsilantis Gnaden. Bei seinen Reden schlafen die Zuhöhrer fast ein. Dennoch ist der hessische SPD-Spitzenkandidat ein Mann mit Zukunft. Die AZ hat ihn im Wahlkampf begleitet.

Es gab Witze über die dicken Brillengläser. Über Schäfer-Gümbel, das „Riesenbaby“. Sein Kopf wurde als „Denkbeule“ und „Eierkopf“ verspottet. Sein Name war eine Steilvorlage: „Gimpel“, „Prömpel“, „Mümpelpümpel“. Thorsten Schäfer-Gümbel war der Depp der Nation.

Wie fühlt sich so einer? TSG, wie die hessische SPD ihren Spitzenkandidaten nennt, gibt sich übertrieben gut gelaunt. Schwungvoll erklimmt er seinen Wahlkampfbus. Dabei hat am Abend vorher Generalsekretär Norbert Schmitt überraschend den Bettel hingeschmissen. Noch ein schwerer Rückschlag für die Hessen-Sozis. Doch Schäfer-Gümbel verkündet mit breitem Grinsen: „Ich habe prima geschlafen letzte Nacht. Sonntagabend schauen meine Frau und ich immer Tatort, trinken guten Rotwein dazu – da kann mich nichts erschüttern.“

So ganz will ihm das niemand glauben. Der knappe Wahlausgang ohne rot-grüne Mehrheit, der erste gescheiterte Versuch einer Links-Tolerierung, dann noch einer. Und am 8. November schließlich wurde der ehemalige Mitarbeiter des Gießener Baudezernenten zum Spitzenkandidaten ernannt. Ein fleißiger Zuarbeiter, ja, aber ein Hinterbänkler. Er soll jetzt einen SPD-Landesverband retten, der in Umfragen zwischen 23 und 26 Prozent dümpelt, der noch mehr danieder liegt als die Bayern-SPD. Und er hat dafür noch knapp eine Woche Zeit.

Er hat keine Chance. Er wird die Wahl verlieren. Das weiß er. Aber dass er sich dem Höllenjob stellt, wird seine große Chance sein.

Bis zu 18 Stunden am Tag kämpft er um Stimmen

Sein Programm ist mörderisch. Bis zu 18 Stunden am Tag ist Thorsten Schäfer-Gümbel unterwegs, schüttelt Hände, hält Reden, verteilt Flyer. Heute führt ihn sein Wahlkampf unter anderem ins Johannisstift, eine Jugendhilfeeinrichtung für schwer erziehbare Mädchen in Wiesbaden. Während er sich erklären lässt, wo die Schwierigkeiten dieser gefallenen Mädchen liegen, beäugen diese ihn finster und mit verschränkten Armen. „Hmm, okay“, sagt Schäfer-Gümbel immer wieder und fragt: „Und was kann die Politik da ändern?“ Man merkt: Er will Vertrauen erwecken – doch charismatisch ist was anderes. Viel zu oft wirkt Schäfer-Gümbel nicht wie die Hauptperson, sondern wie ein mitreisender Referent. Ein netter Referent, zugegeben.

„Dass ich mal Spitzenkandidat werde, das lag ja überhaupt nicht in meiner Lebensplanung“, sagt Schäfer-Gümbel zur AZ. „Das Paket, das mir da auf die Schultern gelegt wurde, das ist richtig heftig.“ Mit seiner Frau, Historikerin Annette, habe er seine Kür nur kurz am Telefon besprechen können. „Wenn sie nein gesagt hätte, hätte ich es gelassen. Meine Ehe ist mir wichtiger als die Partei.“ Jetzt sieht er seine drei Kinder ab und zu beim Frühstück, schluckt Vitamine und Mineralpulver, um fit zu bleiben. Von seinem Gießener Heilpraktiker hat er sich Atemtechniken gegen Stress zeigen lassen.

Mittlerweile freut sich Schäfer-Gümbel, dass er bekannter ist, „als so manch anderer SPD-Spitzenkandidat nach zwei Jahren“. Stolz erzählt er, dass es „Aha-Effekte“ gebe, wenn er in Berlin auftauche: „Vor Weihnachten wurde ich noch geprügelt für meinen Vorschlag einer Zwangsanleihe bei den Reichen. Jetzt hat das SPD-Präsidium die Solidaritätsabgabe für Bildung als Teil des Konjunkturpakets beschlossen.“

Schäfer-Gümbel ist der Lucky-Loser: Er weiß, dass das Wahlergebnis am 18. Januar desaströs ausfallen wird. Er weiß aber auch: Die Verluste werden Ypsilanti zugeschlagen werden. Schäfer-Gümbel stellt inzwischen klar Führungsansprüche. Wenn Ypsilanti, wie es fast alle in Hessen erwarten, am Wahlabend ihre Ämter niederlegen wird, will Schäfer-Gümbel neu anfangen mit der Hessen-SPD. Dass er die gescheiterte Links-Tolerierung gemeinsam mit Ypsilanti eingefädelt hat, werden die Leute bald vergessen haben.

"Die SPD ist nicht brutal."

Nur bei einem Thema verliert Schäfer-Gümbel seine gute Laune: Wenn man ihn auf den Umgang der Hessen-Sozis mit den vier Abweichlern anspricht. Auf dem Parteitag in Frankfurt hatte die Abgeordnete Ulli Nissen unter dem Beifall der Delegierten gerufen, der Abweichlerin Carmen Everts sollten „die Beine abfaulen“. Tatsächlich hatte Everts als junges Mädchen ein Bein bei einem Unfall verloren. Das Schlagwort von der brutalen Partei machte die Runde. Schäfer-Gümbels Miene erstarrt: „Das stimmt nicht. Die SPD ist nicht brutal. Ich habe klar gesagt, dass diese Äußerungen inakzeptabel sind, Frau Nissen hat sich entschuldigt.“

Inzwischen ist der Schäfer-Gümbel-Bus beim TSV 1880 Dreieichenhain angekommen, wo der Kandidat zur Arbeitsmarktpolitik sprechen soll. Die SPD-Basis begrüßt ihn freundlich-abwartend. „Der wurde ja ein bisschen aus dem Nichts hervorgezaubert, wir kennen den ja auch noch nicht richtig“, hesselt die 62-jährige Waltraud Freeman. Fast schüchtern winkt der schlaksige TSG von vorne ins Publikum, und als er sich hinsetzt, sacken seine Schultern nach unten. Drei Monate sind zu wenig Zeit, um die Rolle des feurigen Wahlkämpfers zu lernen. Blutleer auch seine Rede: Ganz ehemaliger Referent jongliert er mit Zahlen, redet von der öffentlichen Investitionsquote, schwadroniert länglich über die Reform des EU-Vergaberechts. Auch Angriffe auf Roland Koch verdienen diesen Namen kaum. Im Publikum gähnt einer.

Nur im direkten Gespräch, da blüht Thorsten Schäfer-Gümbel auf. Da ist er ganz der sympathische Schwiegersohn-Typ. Beim Besuch im Robert-Krekel-Haus, einem Altenheim der Arbeiterwohlfahrt, plaudert er mit der 95-jährigen Käthe Müller über die Lokalzeitung, das Enkelkind, ihren Schlaganfall. „Alles Gute für Sie“, ruft sie ihm hinterher. Der 87-jährige Josef Liebenstein hält ihm freudestrahlend sein Parteibuch unter die Nase: „Ach, das ist ja noch vom Willy“, blättert Schäfer-Gümbel das abgegriffene Heftchen durch. Nach ein paar Schulterklopfern und Fotos ist der Wahlkampf-Tross wieder verschwunden, Liebenstein blickt seinem Spitzenkandidaten noch lange nach. „Das ist ein Guter“, sagt er. „Und man muss ja nehmen, wen man kriegt, gell?“

Annette Zoch

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – mitdiskutieren Empfehlungen
0 Kommentare
Artikel kommentieren