Christian Wulff - der Prozess des Jahres

Christian Wulff steht ab heute vor Gericht, zwischen Messerstechern und Geldbeutelräubern. Der frühere Bundespräsident hofft, dass er rehabilitiert wird und neu anfangen kann
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Die Wandlungen des Christian Wilhelm Walter Wulff: In der oberen Reihe sieht man die Anfänge bis zum Ministerpräsidenten, in der unteren Reihe erst als Bundespräsident, dann direkt nach dem Rücktritt, dann viele Monate danach, schließlich ein Bild aus diesen Tagen.
Die Wandlungen des Christian Wilhelm Walter Wulff: In der oberen Reihe sieht man die Anfänge bis zum Ministerpräsidenten, in der unteren Reihe erst als Bundespräsident, dann direkt nach dem Rücktritt, dann viele Monate danach, schließlich ein Bild aus diesen Tagen.

BERLIN Es ist ein Novum in der deutschen Geschichte: Ab heute steht erstmals ein ehemaliges Staatsoberhaupt vor Gericht. Christian Wulff muss sich wegen Vorteilsnahme verantworten. Er wollte diesen Prozess unbedingt – das Ansinnen der Staatsanwaltschaft, das Verfahren gegen eine Geldzahlung einzustellen, hat er abgelehnt. Denn er sieht sich als unschuldig und will dies richterlich bestätigt haben. Doch das könnte nach hinten losgehen: Der Ausgang des Verfahrens ist völlig offen, und so oder so wird nochmal die ganze Affäre im Detail aufgewärmt.

Es geht jetzt noch um 719,40 Euro. So viel ist an strafrechtlich verfolgbaren Vorwürfen übrig geblieben. Die Anklage dreht sich um eine Nacht in München, wo Christian Wulff mit seiner Bettina auf die Wiesn ging. Die Babysitterkosten für Söhnchen Linus (damals vier Monate) in Höhe von 209,40 Euro sowie Teile der Hotelkosten im Bayerischen Hof in Höhe von 510 Euro übernahm Filmproduzent David Groenewald. Aus Freundschaft, sagen Wulffs Anwälte – auch ein Politiker dürfe doch Freunde haben.

Das Strafrecht sieht das skeptischer: „Ein Amtsträger, der für die Dienstausübung einen Vorteil fordert, sich versprechen lässt oder annimmt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.“ Natürlich dürften Politiker Freunde haben, so Strafrechtsprofessor Uwe Hellmann: „Probleme tauchen auf, wenn die Freundschaft noch eine geschäftliche Seite hat.“

Und die gibt es bei Wulff und Groenewald: Am Tag nach der Wiesnsause schrieb der Filmproduzent dem Ministerpräsidenten, er möge doch bitte bei dem damaligen Siemens-Chef Peter Löscher um Unterstützung für eins seiner Projekte bitten. Das tat Wulff. Und deswegen steht er heute vor dem Landgericht Hannover, nach Ismail E. („Messerstiche auf Ehefrau“) und vor Henry S. („versuchter Raub eines Portemonnaies“).

Er joggt viel und spielt mit seinem Sohn

Dann wird der 54-jährige CDU-Mann wieder ins Rampenlicht treten, das er seit seinem Rücktritt im Februar 2012 gemieden hat. 22 Verhandlungstage sind angesetzt, 46 Zeugen geladen. Wulffs Anwalt Bernd Müssig hat schon Max Strauß und Oberst Georg Klein, der das Bombardement von Kundus befahl, verteidigt.

Das einzige, was Wulff seither über sich sagt, ist, dass er dem Rechtsstaat vertraut. Doch Vertraute geben Einblicke: Er lebt vom Ehrensold, wohnt in einer Wohnung in der Nähe von Altkanzler Gerhard Schröder. Er ist viel draußen, joggt und wandert. Er verbringt viel Zeit mit seinem Sohn Linus (fünf), bringt ihm Radfahren bei und geht mit ihm zum Fußball. Er bereitet – seltene – Reden vor, etwa bei der deutsch-japanischen Gesellschaft. Er hat nach dem Rücktritt erst drastisch abgenommen und nun wieder zugelegt. Die schwarze hauptstadt-schicke Nerd-Brille hat er wieder gegen ein randloses Modell getauscht.

Tatsächlich aber wartet er: bis der Fall endlich abgeräumt ist und er irgendwo neu anfangen kann. Mit der Anklage am Hals ist er kaum vermittelbar. Und, so zitieren ihn Vertraute: „Ich liebe meine Frau noch immer.“

Die Ehe mit Bettina (40) ist in die Brüche gegangen. Anfang 2013 verkündeten die beiden die Trennung. Zuvor hatte sie versucht, mit einem Buch Aufmerksamkeit und Mitleid zu erregen. Die Häme und der Spott, die sich dann aber über sie ergossen, habe sie bis heute nicht überwunden, berichten Menschen, die ihr nahestehen. Nun arbeitet sie wieder als PR-Agentin und tritt an der Seite von Stefan Schaffelhuber auf, einem Münchner Flavio-Briatore-Verschnitt. Bevor er Bettina kannte, sagen alte Gefährten von Christian Wulff, gab es keine Luxus-Schnorr-Geschichten wie die, die ihn das Amt gekostet haben.

 

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