AZ-Kommentar: Vermintes Terrain

Audio von Carbonatix
Die AfD als neue NSDAP? Ein geschmackloser und geschichtsvergessener Vergleich des Zentralrats der Muslime (Randnotiz: Die Rolle hoher islamischer Geistlicher während des Holocaust ist ein Kapitel, mit dem sich die Verbände nach wie vor schwer tun).
Kritik verdient die neue Strategie der Rechtspopulisten trotzdem. Wer Muslime pauschal als potenzielle Verfassungsfeinde einstuft, somit Gräben zwischen „ihnen“ und „uns“ schaufelt, befördert indirekt das Geschäft der Terroristen. Ausgegrenzte lassen sich nämlich leichter rekrutieren.
Trotzdem muss man kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass die AfD mit ihrer auf Islam und Islamismus zugespitzten Programmatik Erfolg haben wird – zumindest solange, wie die anderen Parteien einen großen Bogen um das Thema machen oder ihm allenfalls ein paar Allgemeinplätze widmen („Die Anschläge haben mit dem Islam nichts zu tun“). Zu vermint scheint das Terrain.
Bedauerlich, denn auch unter den gläubigen Muslimen gibt es gerade in Deutschland etliche, die grundlegende Reformen in der islamischen Theologie und Ethik fordern. Diese Kräfte werden von den etablierten Parteien alleine gelassen.
Einer der wenigen Politiker, der sie unterstützt, sich traut, Probleme zu benennen, ist Cem Özdemir. Ausgerechnet ein Grüner? Nein, gerade ein Grüner. Errungenschaften, die seiner Partei besonders wichtig sind – Gleichberechtigung von Mann und Frau, Respekt vor gleichgeschlechtlicher Liebe, Trennung von Staat und Kirche – werden von den konservativen Islamverbänden nicht offensiv genug verteidigt.
Solche Probleme anzusprechen, sollte zum Mainstream der Parteien gehören. Dann können die großen Vereinfacher von der AfD auch nicht mehr behaupten, Tabus zu brechen.