Interview

Annalena Baerbock: "In der Politik geht es nicht um Liebe"

Annalena Baerbock, die Kanzlerkandidatin der Grünen, erklärt, warum es mit der SPD einfacher wäre, Veränderungen herbeizuführen - und was sie an Linken stört
| B. Junginger
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Sie kämpft gegen zwei Männer um die Kanzlerschaft: Annalena Baerbock.
Sie kämpft gegen zwei Männer um die Kanzlerschaft: Annalena Baerbock. © Kay Nietfeld/dpa

AZ-Interview mit Annalena Baerbock: Die 40-jährige Grünen-Politikerin ist seit 2018 mit Robert Habeck Bundesvorsitzende ihrer Partei. Sie tritt bei der Bundestagswahl als Kanzlerkandidatin an.

AZ: Frau Baerbock, wie wollen Sie verhindern, dass das Fernseh-Triell am Sonntag wieder zur großkoalitionären Paartherapie zwischen Armin Laschet von der Union und Olaf Scholz von der SPD wird?
ANNALENA BAERBOCK: Es ist ja sehr deutlich geworden, dass es kaum einen Unterschied zwischen SPD und Union mit Blick auf den Klimaschutz gibt. Die Große Koalition hat versäumt, die Weichen für die Zukunft zu stellen. Insofern geht es gerade um einen Zweikampf zwischen dem Weiter-so der GroKo und einer echten Erneuerung. Für die trete ich als grüne Kanzlerkandidatin an.

Womit wollen Sie noch punkten, was erhoffen Sie sich vom Dreikampf?
Wer wirklich Veränderung in unserem Land will, der sollte am besten die Grünen wählen - das gilt nicht nur für den Klimaschutz. Wir erleben ja beispielsweise auch bei den Schulen, wie groß der Handlungsbedarf ist, angefangen bei schnellem Internet bis hin zu genügend Lehrkräften und pädagogischem Personal. Kinder, Jugendliche und ihre Familien gehören in den Fokus einer nächsten Bundesregierung. Das gleiche gilt für den Ausbau der Digitalisierung in unserem Land. Da sind wir auf den hinteren Plätzen unter den Industriestaaten. Da müssen wir jetzt volle Kanne anpacken.

Baerbock: Für einen Aufbruch braucht es Grün

Für eine Regierung brauchen Sie Partner. Sie haben kürzlich massiv bezweifelt, dass die Linkspartei regierungsfähig wäre, weil sie etwa das transatlantische Bündnis ablehnt und Europa skeptisch sieht. Ist es jetzt nicht endgültig Zeit für eine glasklare Absage an ein Bündnis mit der Linkspartei?
Es geht nicht so sehr darum, was nicht geht, sondern darum, was alles geht in diesem Land. Wir können einen echten Aufbruch schaffen, aber dafür braucht es Grün an führender Stelle der nächsten Bundesregierung. Wir können uns den Stillstand, den wir in den letzten Jahren erlebt haben, nicht weiter leisten. Blicken wir auf die Corona-Pandemie: Herr Scholz und Herr Laschet sagen, dass Schulen und Kitas nicht mehr geschlossen werden sollen, aber ihre Parteien, die ja in der aktuellen Bundesregierung sind, schaffen nicht mit ausreichender Hartnäckigkeit die Voraussetzungen dafür. Da Kinder derzeit nicht geimpft werden können, ist es wichtig, dass ihr Umfeld den bestmöglichen Impfschutz hat. Heißt also: Impfen, Impfen, Impfen. Und natürlich in den Schulen und an den Arbeitsplätzen testen. Die Kinder haben in den letzten Monaten alles gegeben, jetzt müssen die Erwachsenen - und allen voran die Politikerinnen und Politiker - alles geben, damit die Orte der Kinder, die Kitas und Schulen, offen bleiben.

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Mit Laschet oder Scholz werden Sie sich arrangieren müssen. Wenn die SPD etwa knapp vor der Union landet, wäre dann trotzdem noch Schwarz-Grün oder Jamaika möglich?
Ich kämpfe mit Leidenschaft und Energie um jede Stimme für einen echten Aufbruch. Und der geht am besten mit Grün im Kanzlerinnenamt. Am liebsten würde ich gemeinsam mit der SPD regieren, aber es macht auch in diesem Fall einen riesigen Unterschied, ob Grün an führender Stelle Verantwortung trägt oder nur mitregiert. Aber dafür brauchen wir noch deutlich mehr Stimmen. Wo wir am Ende stehen und was möglich ist, werden wir am 26. September sehen. Natürlich muss der Kern einer Zusammenarbeit Klimaschutz, einen starken sozialen Zusammenhalt und internationale Verantwortung umfassen.

Baerbock: "Mit der SPD gibt es größere Schnittmengen als mit der Union"

Noch vor einigen Wochen, als die Union noch stärker war, schien alles auf Schwarz-Grün, Grün-Schwarz oder ein Jamaika-Bündnis hinauszulaufen. Davon redet jetzt bei den Grünen kaum jemand mehr. Warum ist denn die schwarz-grüne Liebe so erkaltet?
In der Politik geht es für mich nicht um Liebe, sondern um echte Veränderung. Wenn ich erlebe, dass die Menschen in der Pflege in den letzten Jahren alles gegeben haben, dann möchte ich, dass sie mehr von uns bekommen als nur Applaus. Vielmehr braucht es bessere Arbeitsbedingungen, faire Löhne und neue Arbeitszeitmodelle wie zum Beispiel eine 35-Stunden-Woche. Ich will die Menschen, für die in der Corona-Pandemie applaudiert wurde, in den Mittelpunkt unserer Politik stellen. Das sind vor allem die sozialen Berufe, Fachkräfte im Gesundheitsbereich, Kassiererinnen und Kassierer - sie alle brauchen bessere Arbeitsbedingungen. Und um den Niedriglohnsektor zu bekämpfen, brauchen wir einen Mindestlohn von zwölf Euro als Untergrenze. Und natürlich gibt es gerade in diesem sozialpolitischen Bereich größere Schnittmengen mit der SPD als mit der Union.

 

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