80 Jahre Kriegsbeginn: Das Grauen als Gaudi - Erinnerungen an eine schreckliche Zeit

AZ-Autor Karl Stankiewitz hat den Krieg in München mit- und überlebt. Die Feldzüge erscheinen dem Zehnjährigen und seinen Freunden wie ein großes Abenteuer - bis der reale Horror sie einholt.
| AZ
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Empfehlungen
Ein Bild der Zerstörung: die Innenstadt von München mit der Ruine der Frauenkirche im Februar 1945.
Walter Frentz/Ullstein Ein Bild der Zerstörung: die Innenstadt von München mit der Ruine der Frauenkirche im Februar 1945.

München - Bis der Krieg ausbrach, brachen wir in Jubel aus, wir dummen Buben im zehnten bis elften Lebensjahr. Feierlich verkündete uns Herr Gierster, der Direktor des städtischen Kinderasyls: Deutsche Soldaten seien am frühen Morgen dieses 1. September 1939 irgendwo im Osten über irgendeine Grenze marschiert und jetzt müssten wir uns alle schützen. Dann bekam jeder "Zögling" eine der längst bereitliegenden Gasmasken. Wir mussten sie gleich ausprobieren. Toll. Wir beglotzten uns gegenseitig wie komische Marsmännchen.

Wir erwarteten den Krieg wirklich wie eine Mordsgaudi. Unbekannte Abenteuer schienen bevorzustehen. Vielleicht von jener Wild-West-Art, wie ich sie aus den Tom-Mix-Hefteln kannte.

Kriegsbeginn vor 80 Jahren - Erinnerungen an die grausame Zeit

Buchstäblich zu unserem Leidwesen wurden nun allerdings die abenteuerlichen Geländespiele nach Ausbruch des Krieges immer deutlicher Bestandteil einer vormilitärischen Ausbildung - mit viel Feind und Ehr, später auch mit Kleinkalibergewehr und Handgranaten. Im Kinderheim herrschte bald ebenfalls Drill. Fräulein Maria Fick achtete jetzt streng darauf, dass wir mit stramm ausgerichtetem Arm "Heil Hitler" riefen, bevor wir von Erzieherinnen von der Hochstraße über den Gebsattelberg zur Schule am Maria-Hilf-Platz geführt wurden.

Unsere neuen Schulfreunde dort waren Arbeiterkinder, die den Krieg wohl etwas anders empfanden als wir. Neben mir saß der Fischer Hermann, den sein Vater trotz Gestapo-Verhören von den Braunhemden fernhalten konnte. Später buddelte er ein wertvolles Kruzifix aus dem Schutt und versteckte es (heute ist es in der Heiligkreuzkirche aufgestellt). Noch später erwarb er unter dem Künstlernamen Philipp Arp den Ruf eines kongenialen Nachfolgers von Karl Valentin (seine Witwe Anette Spora leitet heute das Theater im Sozialamt).

Erinnerungen aus der Kindheit: "Die Hitlers" waren in der Familie verhasst

Man munkelte von Halbwüchsigen, die sich im Auer-Mühlbach-Gehölz insgeheim träfen. Diese "Ankerblase" pflegte ein äußerst distanziertes Verhältnis zu den uniformierten "Hajottlern". Eines Tages wurden sie von der Polizei aufgegriffen. Gegen Kriegsende wurde auch ein etwas älterer Freund wegen Schwarzhandels festgenommen; sein Vater, ein ranghoher russischer Kollaborateur, konnte ihn bald befreien. Mit strengem Schweigegebot.

In der achtköpfigen Familie meiner aus Österreich stammenden Großeltern im Schlachthofviertel waren "die Hitlers" verhasst. Nur Onkel Franz spielte bei denen mit. Er lief gern in brauner SA-Uniform herum und ohrfeigte mich, wenn ich nicht den vorgeschriebenen Kurzhaarschnitt hatte. Mein Vater - Ruhrkumpel, weltkriegserfahren und 1933 als Gewerkschaftssekretär abgehalftert - besuchte uns kurz nach der Scheidung nochmal. Nie vergaß ich seine Worte: "Diesen Krieg kann Deutschland nicht gewinnen." Mutter sprach von Wunschdenken. Wir immer noch kriegsbegeisterten Kinder indes waren irritiert, denn noch wurde an allen Fronten gesiegt.

Klasse musste zum Kartoffelkäfersammeln bei Ismaning

Natürlich hatten wir unseren Kenntnisstand fast ausschließlich aus der nationalsozialistischen Propaganda. Selten hörte man in vertrautem Kreis "Radio London" aus einem abgedichteten Volksempfänger. Im Pausenhof der Wirtschaftsoberschule an der Herrenstraße lasen wir uns gegenseitig Feldpostbriefe von älteren Brüdern oder Freunden vor, die ganz anders klangen als die manipulierten Meldungen aus dem Oberkommando der Wehrmacht. Briefe mit dem Absender Paris indes dienten eher der erotischen Fortbildung.

Bevor uns dann Frontsoldaten im Fach Waffenkunde unterrichteten, musste die ganze Klasse zum Hopfenzupfen in die Holledau ausrücken. Oder zum Kartoffelkäfersammeln auf dem städtischen Petershof bei Ismaning. Dort parodierte Kurt Gessl (später Kollege bei der Abendzeitung) den widerlichen Minister für Volksaufklärung, Joseph Goebbels: "Während die englische Jugend mehr und mehr verkommt, steht die deutsche Jugend im heroischen Kampf gegen den Kartoffelkäfer."

Inzwischen war ich zum Jungenschaftsführer aufgerückt und bekam eine rot-weiße "Affenschaukel". Nun sollte ich dazu beitragen, dass sich die zehn "Mann", die mir anvertraut waren, dem vom allerhöchsten Führer verkündeten Leitbild anglichen: "Zäh wie Leder, flink wie Windhunde, hart wie Kruppstahl..." Solche Pimpfe konnten die ersten Brandbomben, deren minimale Schäden im März 1940 am Alten Rathaus zu besichtigen waren, kaum aus der altersgemäßen Fassung bringen. Der Kriegsverlauf anfangs auch nicht. Obwohl die Sommerferien ausfielen.

Bombenangriffe mehrten sich - sie brachten Angst 

Stattdessen wurden wir Halbwüchsigen an der "Heimatfront" eingesetzt. Die Bombenangriffe mehrten sich. Sie brachten Angst und Arbeit.

Während Mütter und Kinder, auch meine Geschwister, aus der berstenden Stadt aufs Land in Sicherheit gebracht wurden, verkündete Hitler im September 1944 den "Volkssturm". Der erfasste schon die Sechzehnjährigen. Ich kam noch einmal davon. Doch Herr Karrer, der "Präfekt" des (ursprünglich katholischen) Internats Albertinum, der jetzt nur noch in der braunen Uniform eines "Politischen Leiters" herumstolzierte, beförderte mich zum "Melder".

Ich bekam einen Stahlhelm, der vor herabstürzenden Trümmern schützen sollte. Mitten in den Bombennächten, ehe noch die Sirenen „Entwarnung“ signalisierten, musste ich mit meinem Rad ins Zentrum ausrücken, um Großbrände in den Bunker des Gauleiters zu übermitteln. Nie werde ich diese Fahrten in die Hölle vergessen, vor allem nicht das flammende Inferno der Oper.

Zur Bergung von Bombenopfern und deren Habseligkeiten wurden alle Klassenkameraden befohlen. Dabei musste aber der Unterricht weitergehen - in einer Art Wanderschule. Eine Lehranstalt nach der anderen wurde ausgebombt, so dass wir Oberschüler von der Innenstadt in die Isarvorstadt und schließlich nach Schwabing wechseln mussten.

Das wiederum war, weil oft auch die öffentlichen Verkehrsmittel ausfielen, mit weiten Anmärschen verbunden.

Ein Bild der Zerstörung: die Innenstadt von München mit der Ruine der Frauenkirche im Februar 1945.
Ein Bild der Zerstörung: die Innenstadt von München mit der Ruine der Frauenkirche im Februar 1945. © Walter Frentz/Ullstein

Anfang 1945: Einige Mitschüler als "Flak-Helfer" eingezogen

Als das menschliche Kanonenfutter anscheinend rar wurde und die Kampffront näher rückte, erschien ein tadellos geschniegelter Offizier der Waffen-SS in der Klasse; mehrmals versuchte er, uns für seine Elite-Armee anzuwerben. Doch keiner meldete sich; die Kämpfer mit dem Totenkopfzeichen hatten längst einen üblen Ruf.

Anfang 1945 wurden einige Mitschüler als "Flak-Helfer" eingezogen. 45 Angehörige des Volkssturms, keiner älter als 17 Jahre, wurden am Nordrand Münchens stationiert, denn dort befand sich einer der größten militärisch-industriellen Komplexe im Reich.

Außerdem lauerten bei Lohhof etwa 1500 Jugendliche, die man schnell noch in der Waffen-SS-Schule bei Unterschleißheim rekrutiert und an der Panzerfaust ausgebildet hatte.

Und schließlich standen kaum 20 Jahre alte Männer in einem Reichsarbeitsdienstlager zum Abwehrkampf bereit. Der begann an jenem 29. April um 12.30 Uhr. Erst um 18 Uhr war der verzweifelte, sinnlos befohlene Widerstand einer missbrauchten Jugend von der Übermacht gebrochen. Die Amerikaner bargen 40 Gefallene und etwa 200 Verwundete. Die Toten auf deutscher Seite wurden nicht gezählt, nur die etwa 700 Gefangenen. Es war die letzte große Schlacht auf deutschem Boden.

Amerikaner marschierten in München ein

Sowohl vor dem Einsatz an der Flak wie vor dem Volkssturm und der Waffen-SS hatte mich meine Liebe zur See geschützt: Als die Einberufung unseres "weißen Jahrgangs" 1928 bevorstand, meldete ich mich zur Kriegsmarine. In Wehrertüchtigungslagern an der Ostsee und am Bodensee war ich als Angehöriger der Marine-HJ schon ausgebildet worden, in Wien hatte ich eine Offiziersbewerber-Prüfung bestanden. In den Wehrpass wurde gestempelt: "Angenommen als Kfrw. beim 2. Admiral der Nordsee". Die Einberufung sollte im April 1945 erfolgen. Sie erfolgte - angesichts der Lage - nicht mehr.

Am 30. April, als sich Adolf Hitler und Eva Braun im Berliner Bunker das Leben nahmen, marschierten die Amerikaner in München ein.


Der Beitrag stützt sich auf "Eine Jugend in München" von Karl Stankiewitz und ein entstehendes Buch über "Münchner Meilensteine".

 

Foto-Schätze: Seltene Aufnahmen aus München kurz nach dem Krieg

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare Empfehlungen
0 Kommentare
Artikel kommentieren