Zeit für Wiedergutmachung? König Charles auf Karibik-Reise

Ein falscher Blick, ein unpassendes Wort oder auch nur ein kritischer Zwischenruf: Auslandsreisen bergen für die britischen Royals stets diplomatische Risiken. Bei seiner Karibikreise steht König Charles III. (77) allerdings vor einer Herausforderung, die sich auch mit minuziöser Planung kaum entschärfen lässt.
Neun Tage lang reist der Monarch durch eine Region, in der die britische Kolonialgeschichte bis heute nachwirkt. Zunächst besucht er die Bahamas, anschließend Guyana und schließlich den Inselstaat Antigua und Barbuda, wo er am Gipfel der Commonwealth-Staaten teilnimmt. Königin Camilla (79) begleitet ihn beim letzten Teil der Reise. Auf den Bahamas sowie in Antigua und Barbuda ist Charles Staatsoberhaupt, Guyana wurde 1970 zur Republik. In den beiden Inselstaaten gibt es Bestrebungen, die Monarchie abzuschaffen.
Seit Jahren fordern karibische Staaten eine Aufarbeitung der britischen Rolle im transatlantischen Sklavenhandel und Wiedergutmachung, zuletzt wurden die Forderungen deutlicher. Für den König wird die Reise damit zur diplomatischen Gratwanderung. Der britische Historiker Anthony Seldon sprach gegenüber der BBC gar vom "größten Risiko seiner bisherigen Regentschaft". Etwa in Antigua sind britischen Medienberichten zufolge bereits Proteste angekündigt.
Die Frage nach der Wiedergutmachung
Der Palast kündigte an, Charles werde den "dunkelsten Tagen unserer Vergangenheit" nicht ausweichen. Im Mittelpunkt der Reise sollen jedoch die Gegenwart und Zukunft der besuchten Länder stehen. Einen Schwerpunkt bildet der Umweltschutz - eine Art "Komfortzone" für den König, wie Verfassungsexperte Craig Prescott von der Royal Holloway Universität der Deutschen Presse-Agentur sagte. Die schwierigen Fragen könnten also zunächst hinter verschlossenen Türen zur Sprache kommen.
Welche Erwartungen auf dem Commonwealth-Gipfel lasten, machte zuletzt Hilary Beckles deutlich. Der Vorsitzende der Reparationskommission der Karibischen Gemeinschaft (Caricom) forderte Charles im "Guardian" dazu auf, seinen Einfluss zu nutzen, um Gespräche über Wiedergutmachung voranzubringen.
Besonders heikel ist die Frage einer offiziellen Entschuldigung. Guyanas Präsident Irfaan Ali hatte eine solche Geste zuletzt gefordert. Commonwealth-Generalsekretärin Shirley Botchwey äußerte sich ähnlich. Zwar verurteilte Charles 2021 auf Barbados die Grausamkeit der Sklaverei, eine formelle Entschuldigung blieb jedoch aus. Auch diesmal ist keine geplant. Eine solche Geste könnte nach Einschätzung Prescotts die Forderungen nach Reparationen zusätzlich untermauern.
Die britische Regierung lehnt Reparationszahlungen bislang trotz der lauter werdenden Forderungen ab. Der Palast betont, dass Fragen zu Reparationen und Entschuldigungen Sache der Regierungen seien. Die Herausforderung für den König bestehe darin, die unterschiedlichen Positionen der Länder zu navigieren, sagt Prescott.
William und Kates PR-Desaster in Jamaika
Wie schnell die koloniale Vergangenheit einen königlichen Besuch überschatten kann, zeigte die Karibikreise von Prinz William (44) und Prinzessin Kate (44) im Jahr 2022. Der Besuch wurde von Protesten und Kritik begleitet. Jamaikas Regierungschef Andrew Holness machte im Beisein des Paares deutlich, dass sein Land eine Zukunft ohne die britische Monarchie anstrebt.
Für Kritik sorgten zudem unglückliche Bilder, auf denen die beiden jamaikanischen Kindern durch einen Drahtzaun die Hände reichten. Für Charles wird es nun darauf ankommen, nicht nur diplomatische Fehltritte zu vermeiden, sondern auch den Erwartungen an einen offenen Umgang mit der kolonialen Vergangenheit gerecht zu werden.