Wie gut sind wir auf den Coronavirus vorbereitet?

Die AZ befragt Münchner Ärzte, Geschäfte, MVG und Deutsche Bahn zum Coronavirus.
| Paul Nöllke und Lucia Nussrainer
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Arzt Falk Stirkat.
Stirkat Arzt Falk Stirkat.

Leere Lebensmittelregale, überfüllte Wartezimmer und abgesagte Großveranstaltungen: Die Angst vor dem Coronavirus hinterlässt auch in Bayern ihre Spuren. Doch ist die Sorge angebracht? Sind die Arztpraxen auf eine Epidemie vorbereitet? Werden die Lebensmittel knapp? Wie sicher sind Bahnreisen und der öffentliche Nahverkehr? Die AZ hat bei Ärzten, Großhändlern, Lebensmittelläden, der Bahn und MVG nachgefragt und verschiedene Antworten bekommen.

Arzt kauft Schutzkleidung im Baumarkt

Große Sorgen um das Virus macht sich der Erlanger Arzt Falk Stirkat. In einem Brandbrief wandte er sich letzte Woche an Innenminister Joachim Herrmann und das bayerische Gesundheitsamt. Ärzte würden mit dem Virus "vollständig allein gelassen". So sei ihm gesagt worden, er solle eine Schutzausrüstung im Baumarkt kaufen, bevor er einen Patienten mit Coronaverdacht behandle. Eine Kollegin habe statt Schutzkleidung eine Taucherbrille benutzen müssen. "Das war nachts, da war der Baumarkt halt zu", sagt Stirkat der AZ. "Sie hatte nur die Taucherbrille als Schutz."

Arzt Falk Stirkat.
Arzt Falk Stirkat. © Stirkat

Stirkat will keine Panik erzeugen. "Das hilft niemandem", sagt er. Dennoch müsse gesagt werden, dass man schlecht auf Corona vorbereitet gewesen sei. "Das Virus überträgt sich schnell", so Stirkat. "Es ist selten tödlich, wir hoffen, dass es nicht dahin mutiert." Der Arzt wünscht sich, dass nun ein Umdenken einsetzt und sich das Land besser auf künftige Epidemien vorbereitet.

Auch die deutschen Praxisärzte sehen dringenden Handlungsbedarf bei Schutzausrüstung für Ärzte und Pfleger. "Der Grundbestand, über den die Kollegen in ihren Praxen verfügen, wird bundesweit nicht ausreichen, wenn die Zahl der Verdachtsfälle steigt", sagte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen. "Und darauf deutet ja alles hin." Die Vereinigung sei schon mit dem Gesundheitsministerium im Gespräch, um Lösungen zu finden.

Bayern: Fahrdienst führt Hausbesuche durch

In Bayern sei die ausreichende Versorgung mit Schutzkleidung wohl bald auch nicht mehr gegeben, bestätigt die KBV Bayern. Allerdings gebe es hier seit letzter Woche einen Fahrdienst, der Hausbesuche durchführe und der Laborproben zur Bestimmung von Coronaviren bei Betroffenen abholen kann. So müssen Menschen, die Sorge haben, sich das Virus eingefangen zu haben, nicht in eine Klinik oder Praxis gehen. "Davon raten wir sowieso ab", sagt ein KBV-Sprecher.

Martin Eulitz, Pressesprecher der KBV, erklärt das neue Vorgehen: "Treten Krankheitssymptome (Fieber, Husten) auf, sollte unter der Telefonnummer 116117 Kontakt mit dem Ärztlichen Bereitschaftsdienst aufgenommen werden. Dann wird entschieden, ob der Fahrdienst zu dem Patienten geschickt wird."

Die Ärzte raten Betroffenen, Ruhe zu bewahren. "Selbst wenn jemand einen Coronaverdacht hat, soll er nicht irgendwo hinrennen", mahnte der KBV-Chef. Bürger mit Erkältung sollten zunächst einfach zu Hause bleiben. Auch Infizierte liefen nicht in Gefahr, sofort schwer krank zu werden, unterstrich Gassen. "Es ist keine Erkrankung, bei der Sie vom frühen Morgen bis zu den Mittagsstunden körperlich verfallen."

Besonnenheit ist also das Gebot der Stunde. Denn trotz aller Warnungen: Auf die Frage, ob die Praxen die Lage insgesamt bewältigen könnten, erklärt Gassen: "Ein klares Ja!"

Corona: Das sagen die Ärzte

In Münchner Arztpraxen herrscht der Ausnahmezustand. "Hier ist die Hölle los", erzählt Ruza Milanovic, Medizinische Fachangestellte in einer Münchner Arztpraxis. Dennoch, versichert sie, würde alles ganz normal weiterlaufen. "Wir sind hier sehr gelassen", sagt sie. "Die Ärzte, aber eigentlich auch unsere Patienten." Einen Coronafall hatten sie noch nicht in ihrer Klinik.

Auch in der Praxis von Tanja Goldbrunner ist viel los. Die Ärztin erzählt, dass sie sich von der Politik alleingelassen fühlt. "Wenn ein Minister Spahn sagt, wir seien gut vorbereitet, dann fühlt man sich ehrlich gesagt veräppelt", sagt Goldbrunner der AZ. In ihrer Praxis gebe es keine Schutzkleidung, auch Desinfektionsmittel würde langsam zur Neige gehen. "Das ist ein riesiges Problem für uns." Dennoch macht sie Mut: "Wir schaffen das schon!"

Auch die Angestellte eines großen Hygienebedarf-Händlers erzählt: "Die Belieferung an Hausärzte ist nicht mehr möglich." Und weiter: "Die Produkte sind komplett ausverkauft." So gebe es von ihrem Unternehmen weder Schutzmasken, noch Desinfektionsmittel, Gesichtsmasken oder sogar Kittel. "Das liegt auch daran, dass die Produktion in China ausfällt", so die Angestellte. Die meisten Produkte würden in dem Land hergestellt. Die Zukunft sei daher ungewiss, die Firma rechne mit wirtschaftlichen Verlusten.

Corona: Das sagen die Händler

Leere Regale sind kein Grund zur Sorge – zumindest laut führender bayerischer Lebensmittelhändler. "Wir haben natürlich eine verstärkte Nachfrage", erklärt die Sprecherin der Rewe-Group. "Aber es gibt keine Engpässe in der Versorgung." Dennoch würde das Unternehmen ihre Rewe- und Pennymärkte nun öfter beliefern. "Wir sind gut auf die Situation eingestellt", versichert die Sprecherin. Sorge um Lebensmittel-Engpässe müsse sich niemand machen.

Ähnlich ist die Lage auch bei Aldi-Süd: "Die Versorgungslage ist gut", versichert eine Sprecherin des Discounters. Doch auch Aldi würde in manchen Filialen eine erhöhte Nachfrage nach Konserven feststellen. Das Unternehmen hat seine Hygienemaßnahmen angepasst, um die Sicherheit der Kunden und Mitarbeiter zu gewährleisten. Dazu gehörten auch Informationen zu Desinfektionsmitteln, Handhygiene oder zur Husten- und Nießetikette. Der Konzern prüfe derzeit auch die Teilnahme seiner Mitarbeiter an Messen, internationalen Großveranstaltungen oder Auslandsreisen genauer als üblich.

Auch Edeka-Märkte sollen laut dem Unternehmenssprecher weiterhin gut versorgt werden. "Wir beobachten die aktuellen Entwicklungen rund um das neuartige Coronavirus sehr genau", so der Sprecher.

Corona: Das sagen Deutsche Bahn und MVG

Flüge werden annulliert, Großveranstaltungen abgesagt und auch die Deutsche Bahn hat sich auf das Coronavirus vorbereitet. "Wir haben die Entwicklungen genau im Blick", erklärt ein Sprecher auf AZ-Anfrage. Bis jetzt fahren die Züge ganz regulär – allerdings mit verschärften Hygienemaßnahmen. "Wir reinigen unsere Züge öfter und achten dabei vor allem auf saubere Toiletten und Badezimmer."

So seien auch die Reinigungskräfte der Bahn bereits unterrichtet worden, Seifen- und Desinfektionsspender regelmäßig nachzufüllen. Auch die Mitarbeiterräume würden öfter gereinigt als sonst. "Wir achten aber genau auf die Lage", sagt der Sprecher. "Dazu sind wir mit dem Robert-Koch-Institut und der Charité in Berlin in Kontakt."

Auch die Münchner MVG hat sich auf den Coronavirus vorbereitet. "Wir informieren unsere Fahrgäste über die effektivsten Hygienevorschriften", erklärt Matthias Korte, Sprecher der Verkehrsgesellschaft. Die MVG würde die kommenden Tage über Plakate und Bildschirme über die Hygienemaßnahmen informieren. "Das ist das effektivste Mittel, um das Risiko einzudämmen." Es bestehe aber kein Grund zur Sorge: "Es ist wie im gesamten öffentlichen Raum", so Korte. "Es liegt an jedem, sich hygienisch zu verhalten."

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