Interview

Ulrich Wickert: "Notre-Dame ist für mich ein Stück Heimat"

Ulrich Wickert ist erst vor wenigen Tagen in Paris gewesen – und an der nun zerstörten Kathedrale. In der AZ erklärt er, warum das Gotteshaus für Frankreich wichtig ist.
| Rosemarie Vielreicher
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Für Ulrich Wickert hatte Notre-Dame immer eine große Bedeutung.
Uwe Zucchi/dpa Für Ulrich Wickert hatte Notre-Dame immer eine große Bedeutung.

Der frühere Moderator der "Tagesthemen" und Autor Ulrich Wickert zahlreicher Bücher lebte und arbeitete lange in Paris. In der AZ spricht er über die Feuer-Tragödie von Paris.

AZ: Herr Wickert, wie traurig macht Sie die Feuer-Tragödie von Paris?
Ulrich Wickert: Es schmerzt mich sehr, denn Paris und Notre-Dame sind für mich ein Stück Heimat. Ich bin dort zur Schule gegangen und habe zehn Jahre als ARD-Korrespondent in Paris gelebt. Erst vor ein paar Tagen bin ich noch dort gewesen. Als ich gestern die Sondersendung im französischen Fernsehen verfolgt habe, konnte ich nicht glauben, dass das möglich ist.

Waren Sie bei Ihrem Paris-Besuch auch bei der nun zerstörten Kathedrale?
Ja, ich bin über den Vorplatz von Notre-Dame gegangen und habe mich über diese Tausenden von Touristen geärgert.

Notre-Dame ist ein festes Symbol für Paris

Aber nicht nur für Touristen ist Notre-Dame ein Anziehungspunkt. Was bedeutet das Gotteshaus für die Franzosen?
Wenn Sie in Paris unterwegs sind, kommen Sie immer an Notre-Dame vorbei und sehen das Gebäude ständig. Es ist ein festes Symbol für Paris – und für die Identität Frankreichs.

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Inwiefern?
Das Gebäude steht einerseits für den Glauben, aber genauso für das Weltliche und für das Kulturelle. Das französische Volk hat immer noch eine starke katholische Identität. Notre-Dame spielt hier eine wichtige Rolle. Denken Sie zurück an den Heiligen Ludwig, der dem König von Konstantinopel finanziell geholfen und dafür 1237 die angebliche Dornenkrone von Jesus Christus bekommen hat.

Diese berühmte Dornenkrone konnte aus dem Feuer gerettet werden.
Ja, und auch das Hemd des Heiligen Ludwigs. Gott sei Dank! Sie kennen sicher auch den Spruch: "Paris ist eine Messe wert." Er hat auch mit Notre-Dame zu tun. Der spätere Heinrich IV. war Protestant. König von Frankreich konnte man aber nur als Katholik werden. Deswegen hat er sich gesagt: "Paris ist eine Messe wert" und er war bereit, zum Katholizismus zu konvertieren. Er wurde schließlich in dieser Kirche gesalbt. Auch Napoleon hat sich dort zum Kaiser ernennen lassen. Eine weitere Erinnerung: Von der Trauerfeier für Mitterrand gibt es ein berühmtes Foto von Helmut Kohl, dem eine Träne über die Backe läuft – das war auch in Notre-Dame!

"Wir müssen uns um Notre-Dame kümmern"

Das waren katholische und weltliche Erinnerungen. Und die kulturelle Identität?
Anfang des 19. Jahrhunderts hat Victor Hugo den Roman "Der Glöckner von Notre-Dame" geschrieben. Das war ein riesiger Erfolg und die Franzosen haben sich dadurch wieder darauf zurückbesonnen: Wir müssen uns um Notre-Dame kümmern! Ganz fertig war die Kirche damals noch nicht und zudem etwas verstaubt – also wollte man sie renovieren. Der damals in Frankreich sehr berühmte Architekt Viollet-le-Duc hat die Kirche fertig gebaut und renoviert. Er hat auch einige Dinge geschaffen, die wir heute von Notre-Dame kennen.

Welche zum Beispiel?
Dieser gruselige Wasserspeier etwa, den man oft auf Postkarten sieht.

Wie fühlt sich der Verlust für Frankreich jetzt an?
Im Fernsehen hat man gesehen: Die Menschen standen meistens da und haben geschwiegen. Manche haben geweint. Als es schon dunkel war, haben Tausende Zuschauer angefangen, katholische Kirchenlieder zu singen. Diese Gemeinschaft zeigt: Man hält im Leid zusammen. Ich habe heute auch mit einem guten Freund in Paris telefoniert. Er sagte mir, der Brand von Notre-Dame habe dazu geführt, dass die Franzosen alle Streitigkeiten erstmal vergessen.

"Momentan herrscht das Gefühl der Gemeinschaft"

Kann das die Franzosen wieder stärker vereinen?
Für den Moment werden sie sich zusammenraufen. Macron sollte am Montag ja eine ganz wichtige Rede im Fernsehen halten. Es ging um Reformen als Antwort auf die Gelbwesten. Die aufgezeichnete Rede wurde aber nicht ausgestrahlt und die neue Version wird eine andere sein. Ich vermute, dass ihm der Vorfall etwas nutzen wird. Man weiß zwar nicht – auch hinsichtlich des Europawahlkampfes –, wie lange die Franzosen zusammenhalten werden, aber momentan herrscht das Gefühl der Gemeinschaft.

Es wird auch schon über den Wiederaufbau gesprochen.
Es gibt schon die ersten zwei Großspenden – ich glaube, das wird Schule machen. Andere reiche französische Familien werden auch spenden.

Aber wie viel wird all das letztendlich kosten?
Es wird in die Milliarden gehen, aber das Geld wird zusammenkommen. Die Frage bleibt: Wie lange wird der Wiederaufbau dauern?

Was schätzen Sie?
Jetzt müssen sich erstmal die Experten einen Überblick verschaffen, was noch steht und was nicht. Aber der ehemalige Kulturminister hat bereits gesagt: "Jetzt fangt nicht an über Jahrzehnte zu reden, das kann man in drei Jahren machen – wenn man will".

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