Interview

Terror-Experte Guido Steinberg über 9/11: "Es war bekannt, dass das World Trade Center ein Ziel ist"

Weshalb waren die USA auf die Katastrophe nicht vorbereitet? Warum war der Einsatz im Irak ein "Sündenfall"? Und was wird aus Afghanistan? Ein Experten-Gespräch.
| Natalie Kettinger
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Wie ein Mahnmal ragen die Überreste des eingestürzten World Trade Centers nach dem Anschlag aus den Trümmern am Ground Zero.
Wie ein Mahnmal ragen die Überreste des eingestürzten World Trade Centers nach dem Anschlag aus den Trümmern am Ground Zero. © Alexandre Fuchs/AP/dpa

AZ-Interview mit Guido Steinberg: Der promovierte Islamwissenschaftler (53) ist Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik. Er gilt als einer der führenden Nahost- und Terrorismus-Experten.

AZ: Herr Steinberg, die meisten Menschen hatten vor den Anschlägen auf New York und Washington noch nie etwas von Al Kaida und Osama bin Laden gehört. Wie schnell war Ihnen klar, wer dahinter steckt?
GUIDO STEINBERG: Sofort. Ich hatte gerade eine Dissertation zu Saudi-Arabien abgeliefert und aus meiner Sicht war vollkommen klar, welche Gruppierung diese Ausrichtung hat und möglicherweise auch die Fähigkeiten.

Terrorismusexperte Guido Steinberg.
Terrorismusexperte Guido Steinberg. © Karlheinz Schindler/dpa-Zentralb

Bereits in den 90er Jahren gab es Hinweise auf Al Kaida

Al Kaida war doch eigentlich eine regionale Organisation, die zum Ziel hatte, die Regierungen von Ägypten und Saudi-Arabien zu stürzen. Warum wandten sich die Terroristen schließlich gegen die USA?
Das Feindbild USA gab es bei Al Kaida schon seit der Gründung 1988. Aber der Kampf gegen die USA war damals noch keine Strategie. Das hat sich nach dem Golfkrieg von 1990/1991 geändert. Die Präsenz von etwa 500.000 US-Soldaten auf saudi-arabischem Boden hat zu einer enormen Mobilisierung von Saudis geführt, die dann gemeinsam mit den Ägyptern den Nucleus von Al Kaida gebildet und sich auf eine Strategie geeinigt haben: die Amerikaner durch Angriffe auf die USA zum Rückzug aus der Region zu zwingen - mit dem Ziel, dann doch wieder Riad und Kairo zu bekämpfen. Das wollten sie mit dem Angriff auf New York und Washington erreichen.

Im Vorfeld des 11. September gab es Warnungen vor einem drohenden Anschlag mit Flugzeugen. Weshalb haben die USA nicht reagiert?
Tatsächlich war es so, dass es bereits in den 1990ern Vorfälle gab, die darauf hinwiesen, dass es Gruppen gibt, die Anschläge auf den internationalen Luftverkehr verüben wollen. 1994 hat Al Kaida einen Testlauf gestartet und eine Bombe an Bord einer Maschine gebracht, die von Manila nach Tokio flog. Bei der Detonation starb ein Passagier. Die Hinweise waren nicht so konkret, dass irgendjemand damit gerechnet hätte, dass Flugzeuge wie Raketen genutzt werden. Aber: Die Anschläge, die in den 90ern von Al Kaida und Kleingruppen aus ihrem Umfeld verübt wurden, wiesen in diese Richtung.

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Warum waren die USA dann so schlecht vorbereitet?
Meine Interpretation ist, dass die Neuorientierung der amerikanischen Nachrichtendienste vom Ost-West-Konflikt auf ein breiteres Aufgabenspektrum nicht gelungen ist. Nach 1989 bekamen die Nachrichtendienste in der gesamten westlichen Welt weniger Geld und weniger Personal. Der alte Groß-Konflikt war ja beendet - und die Konturen des neuen zeichneten sich noch nicht ab. Diese Schwächung, gepaart mit der fehlenden Erfahrung im Kampf gegen Gruppierungen ohne staatlichen Hintergrund, hat zu diesem Versagen geführt. Zumal es im Vorfeld eine ganze Reihe von Al-Kaida-Anschlägen gab, nach denen die Amerikaner eigentlich hätten reagieren müssen.

"Einmarsch im Irak der große Sündenfall der amerikanischen Terrorismus-Bekämpfung"

Zum Beispiel den Bomben-Anschlag 1993 in der Tiefgarage des World Trade Centers?
Genau. Es war bekannt, dass das World Trade Center ein Ziel ist. Der Attentäter, Ramzi Youssef, gehörte sogar zur Familie des späteren Chef-Planers der Anschläge vom 11. September, Khalid Sheikh Mohammed.

Nach 9/11 rief US-Präsident George W. Bush den "Krieg gegen den Terror” aus und führte die Nato nach Afghanistan. War das nicht eigentlich eine Überreaktion? Afghanistan hatte zwar den Tätern Zuflucht gewährt, jedoch nicht selbst angegriffen.
Ich habe das damals nicht für eine Überreaktion gehalten, weil Al Kaida genau davon profitiert hat, dass die Taliban ihr ein sicheres Rückzugsgebiet geboten haben. Zumal die Taliban kein monolithischer Akteur sind und zumindest eine Teilgruppe, das Haqqani-Netzwerk, ursächlich für den großen Erfolg von Al Kaida war. Es war folgerichtig, diese Strukturen zu zerstören. Der eigentliche Fehler beginnt damit, dass die USA geglaubt haben, es sei möglich, durch die Entsendung sehr großer Truppenkontingente das Land zu befrieden. Ein weiterer Fehler war, nach dem Sturz der Taliban 2001 auf eine vollkommene Neuordnung zu setzen. Der Afghanistan-Krieg hat zwar auch positive Ergebnisse hervorgebracht: Al Kaida wurde fast vollständig zerschlagen. Doch dann erfolgte mit dem Einmarsch im Irak der große Sündenfall der amerikanischen Terrorismus-Bekämpfung.

Präsident Bush nutzte 2003 den "Krieg gegen den Terror” - und imaginierte Massenvernichtungswaffen - als Vorwand dafür. Böse Zungen sagen, es ging ihm lediglich darum, Saddam Hussein zu stürzen, weil das seinem Vater im Golfkrieg 1990/91 nicht gelungen war. Was ist da dran?
Ich würde es ein bisschen anders darstellen: Teile von George W. Bushs Umgebung - sein Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, dessen Stellvertreter Paul Wolfowitz und Vize-Präsident Dick Cheney - hatten den Eindruck, 1991 eine wichtige Aufgabe nicht erledigt zu haben. Viel wichtiger war aber, dass die Bush-Administration glaubte, die Ursachen des 11. September im Autoritarismus des saudischen und ägyptischen Staates erkannt zu haben. Al Kaida ist in der Opposition gegen die Regierungen dort entstanden. Die Neokonservativen glaubten, durch den Sturz Saddam Husseins eine Muster-Demokratie bilden zu können, die dann die Region zu Reformen zwingt und damit die Ursache des islamistischen Terrors beseitigt. Diese Diagnose war richtig.

Aber?
Die Schlussfolgerung, dass man deshalb den Irak angreift, Saddam Hussein stürzt, die Armee auflöst und die Baath-Partei verbietet, war falsch.

"Die amerikanische Terrorismusbekämpfung ist eine Erfolgsgeschichte"

Weil aus den Entmachteten des alten Systems, in Kombination mit Al Kaida im Irak, eine neue Terrorgruppe entstand: der IS.
Ja. Das erfolgreiche Vorgehen gegen Al Kaida in Afghanistan wurde durch den Krieg im Irak und die Entstehung des IS vollkommen zunichte gemacht. Da ist eine Organisation entstanden, die für die Welt viel gefährlicher ist, als Al Kaida das je hätte werden können.

Wobei der Al-Kaida-Terror mit dem Sturz der Taliban doch nicht vorbei war. Was ist mit den Anschlägen 2004 in Madrid und 2005 in London?
Der letzte große Al-Kaida-Anschlag in der westlichen Welt - London - ist mittlerweile 16 Jahre her, und es gab sehr viele Attentate, die von den Amerikanern vereitelt wurden. Insofern ist die amerikanische Terrorismusbekämpfung eine Erfolgsgeschichte.

Das mag auf Al Kaida zutreffen. Der IS hingegen hat bis zuletzt Anschläge auch im Westen verübt. Wie passt das zusammen?
Da macht sich der epochale Fehler des Irak-Krieges bemerkbar: Er hat dazu geführt, dass der Dschihadismus quasi mutiert ist, indem Teile des alten Regimes von Saddam Hussein mit all ihrer Brutalität aber auch ihrer Effektivität und nachrichtendienstlicher wie militärischer Professionalität gemeinsam mit Dschihadisten eine neue Organisation geschaffen haben.

 "Al Kaida ist schwach, aber weiter präsent und das Haqqani-Netzwerk"

Lassen Sie uns Bilanz ziehen: Die Taliban sind wieder an der Macht, ein Spross des von Ihnen erwähnten Haqqani-Netzwerkes ist Innenminister, Anschläge gibt es auch weiterhin - ist der "Krieg gegen den Terror" also komplett gescheitert?
Nein. Aber in Afghanistan wurden jetzt wichtige Fortschritte geopfert. Seit dem Abkommen mit den Taliban im Februar 2020 ist klar, dass diese die Macht im Land übernehmen werden - auch, wenn das in Teilen der deutschen Politik nicht angekommen ist. Die Amerikaner wollten das Land verlassen und die Trump-Administration hat den Taliban versprochen, ihnen das Land zu übergeben, praktisch ohne Gegenleistung. Das Problem ist nun: Al Kaida ist schwach, aber weiter präsent und das Haqqani-Netzwerk, das sie jahrzehntelang geschützt hat, sitzt in der Regierung. Es besteht also die Möglichkeit, dass dort ein neues Rückzugsgebiet entsteht.

Wie viele Kämpfer hat Al Kaida aktuell in Afghanistan?
Ein paar Hundert. Dazu kommen zentralasiatische Gruppen wie die Islamische Jihad Union, die unter anderem das Sauerland-Attentat verüben wollte, mit ebenfalls einigen Hundert Mann, plus einige Hundert Uiguren, plus pakistanische Taliban, die Islamische Bewegung Usbekistans, 10.000 bis 15.000 Kämpfer des Haqqani-Netzwerkes und eben der IS. Wir haben dort also bis zu 20.000 Dschihadisten, von denen wir nicht wissen, wie viele bereit wären, auch im Ausland zu agieren.

Wie hoch ist also die Terror-Gefahr, die von dort ausgeht?
Sie wächst, weil es dort Organisationen und Strukturen gibt, die notwendig sind, um effektiv zu sein. Der IS hat Einzeltäter in Europa regelrecht zum Anschlag gecoacht, ihnen beigebracht, wie man einen Lkw nutzt - wie bei Anis Amri - oder wie man eine Bombe baut und sich Waffen verschafft. Das ist die große Neuerung im islamistischen Terrorismus: Al Kaida hat immer wieder versucht, Leute nach Europa zu bringen, und ist gescheitert. Der IS kontaktiert potenzielle Attentäter, die schon hier sind, und hilft ihnen mit Know-how. Wenn in Afghanistan jetzt der IS erstarkt, kann es erneut zu Anschlägen in Europa kommen, ohne dass auch nur ein Kämpfer das Land verlässt.

Welche geopolitischen Folgen hatte das Anti-Terror-Engagement der USA - vor allem mit Blick auf China und Russland?
Im Verhältnis zu Russland und China ist der militärisch-technologische Vorsprung der Amerikaner enorm geschmolzen. Viele Innovationen sind ausgeblieben, weil so viel Geld für die Kriege in Afghanistan und im Irak gebraucht wurde. Seit einigen Jahren arbeitet das Pentagon deshalb daran, den verbliebenen Vorsprung zu halten. Das heißt: raus aus den Kriegen in Afghanistan und Irak, wo man sich gegen schwache Gegner verkämpft hat. Begleitet wird das von einem Schwenk in der amerikanischen Politik, die nun die Konkurrenz zu China und mit einigem Abstand auch zu Russland für die große geopolitische Frage des 21. Jahrhunderts hält. Deshalb ist der Abzug aus Afghanistan verständlich. Ein langfristiges Problem sind allerdings die Bilder, die dabei entstanden sind. Sie lassen durchaus Zweifel an der Urteilsfähigkeit amerikanischer Sicherheitspolitiker zu.

War der 31. August 2021, also der Tag, an dem der letzte US-Soldat Afghanistan verließ, womöglich eine größere Zäsur in der Geschichte, als der 11. September 2001?
Ja. Ich glaube, dass im Moment eine Epoche zu Ende geht, die 1985 begonnen hat: die Übergangsphase vom Ost-West-Konflikt zum Beginn der Chinesisch-Amerikanischen Konfrontation. Der Rückzug der Amerikaner aus Afghanistan ist auch eine erste Folge des Aufstiegs Chinas.

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