Schlechtes Deutsch, deshalb kein Spenderherz

Wegen mangelnder Sprachkenntnisse kam ein herzkranker Iraker nicht auf die Warteliste für Spenderorgane. Vor Gericht gab es nun einen Vergleich.
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Hier wurde dem irakischen Flüchtling verweigert, auf die Warteliste für Transplantationen zu kommen: Das Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen
Hier wurde dem irakischen Flüchtling verweigert, auf die Warteliste für Transplantationen zu kommen: Das Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen

 

Wegen mangelnder Sprachkenntnisse kam ein herzkranker Iraker nicht auf die Warteliste für Spenderorgane. Vor Gericht gab es nun einen Vergleich.

Bielefeld - Das Herz von Hassan Rashow-Hussein schlägt nur noch mit 24 Prozent seiner Leistung – er braucht dringend ein neues. Doch das Herz- und Diabeteszentrum (HDZ) in Bad Oeynhausen weigerte sich 2010, den irakischen Flüchtling kurdischer Abstammung auf die Warteliste für Spenderorgane zu setzen. Der Grund: Der 62-Jährige spreche kaum Deutsch. Seitdem kämpft er vor Gericht gegen die Klinik – am Freitag endete der Streit mit einem Vergleich.

Darf man einem Patienten wegen mangelnder Sprachkenntnisse eine lebensrettende Transplantation verweigern? Ja, das meint das Herzzentrum in Bad Oeynhausen – ein renommiertes Transplantationszentrum. Wegen seines arg holprigen Deutschs könne Rashow-Hussein nach der OP „die Anweisungen, Ratschläge und die Aufklärung von Ärzten und Pflegepersonal nicht in die Tat umsetzen“, so Klinik-Leiter Jan Gummert. Die HDZ-Ärzte berufen sich auf die Richtlinien der Bundesärztekammer. Auch sprachliche Schwierigkeiten können eine Nichtaufnahme auf die Warteliste bedeuten, heißt es da. Die medizinischen Bürokraten nennen das eine „mangelnde Komplianz“.

Eine Entscheidung, die für Rashow-Hussein den Tod bedeuten kann. Denn statistisch stirbt jeder zweite Transplantationspatient, während er auf ein Spenderherz wartet. Und der Iraker kam nicht mal auf die Liste. „Sie haben mir Hoffnungen gemacht und mich am Ende fallen lassen“, so der Herzkranke, der vor über 13 Jahren aus seinem Land floh und seitdem in Deutschland lebt. Gemeinsam mit Anwalt Cahit Tolan geht er gegen die Ärzte vor. Dass sein Mandant nach rund 13 Jahren noch nicht richtig Deutsch kann, dürfe bei einer Entscheidung über eine Transplantation keine Rolle spielen, meint der Jurist: „Unsere Organe müssen sich nicht integrieren – die sind schließlich bei jedem Menschen gleich.“

Weil er kein Geld für Prozesse hat, muss Rashow-Hussein erst einmal Prozesskostenhilfe einklagen. Zwei Gerichte schmettern das ab, das Bundesverfassungsgericht gewährt sie ihm. 10000 Euro will der 62-Jährige von der HDZ-Klinik – wegen Diskriminierung. Am Freitag dann der Prozess in Bielefeld. Beide Parteien einigen sich auf einen Vergleich. Der Iraker bekommt 5000 Euro. Der Vorteil für die Klinik: Weil es keinen Schuldspruch gibt, kommt sie um die drohende schlechte PR herum.

Seit der Ablehnung der Ärzte in Bad Oeynhausen ist Rashow-Hussein in Münster in Behandlung. Dort konnten die Mediziner sein krankes Herz stabilisieren. Auf derWarteliste steht er jetzt auch. „Wir haben einen Vertrag mit einem Dolmetscherbüro, wir können hier alle gängigen Sprachen abdecken“, so Arzt Jörg Haier zur „Nordwest Zeitung“. Die wird Rashow-Hussein aber nicht mehr brauchen. Denn mittlerweile verstehe er alle medizinisch relevanten Begriffe.

 

 

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