"Auf brutalste Art attackiert": Mutmaßlicher Anschlag auf CSD trifft Berlin "mitten ins Herz"

Vielleicht ist Berlin an kaum einem Tag so sehr Berlin: Hunderttausende feiern den Christopher Street Day. Doch dann fährt ein Fahrzeug in eine Menge. Der Schock sitzt tief. Die Fragen sind groß.
von  den dpa-Reportern
Trauer beim Christopher Street Day in Berlin.
Trauer beim Christopher Street Day in Berlin. © Sebastian Gollnow/dpa

Es sollte das größte Wochenende in der Geschichte des Berliner Christopher Street Days werden, ein Zeichen für eine offene Gesellschaft in schwierigen Zeiten. Hunderttausende feiern in der Hauptstadt. Doch in die Bilder von Regenbogenflaggen und Glitzer reihen sich plötzlich Fotos von Notarztwagen und Rettungsdecken.

In der Nähe des Potsdamer Platzes fährt ein Fahrzeug gegen 22.00 Uhr am Tiergarten in eine Menschenmenge. Mindestens eine Person kommt ums Leben, etliche weitere Menschen werden teils schwer verletzt.

Noch sind die Hintergründe unklar, die Polizei findet das Fahrzeug nur verlassen vor und sucht nach möglichen Tatverdächtigen. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) sagt, es sei zu früh, um von einem Terrorangriff zu sprechen. Aber er sagt auch etwas, was nicht so klingt, als sei für ihn ein Unfall die wahrscheinlichste Erklärung.

"Es ist ein Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft - nach einem friedlichen und bunten CSD wurde die Versammlung für ein tolerantes und friedliches Berlin auf brutalste Art attackiert", teilt Wegner mit, der am Samstagabend vor Ort ist. "Berlin ist die Stadt der Freiheit - und unsere Freiheit ist heute aufs Schrecklichste angegriffen worden."

Sarah Connor: "Mir fehlen die Worte"

Der Tiergarten ist Berlins grüne Lunge, ein großer Park, der seit jeher auch ein Treffpunkt für die queere Community ist. Die Demonstration zum CSD führte durch die Stadt zur bekannten Siegessäule. Bei der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor singt an dem Abend auch Popstar Sarah Connor, kurz darauf wird das Gelände wegen der Lage geräumt.

"Mir fehlen die Worte, ich finde es furchtbar", sagt Connor später in einem Video bei Instagram. Sie drückte den Betroffenen und Angehörigen ihr Beileid aus. Die Schocknachricht von der "Berlin Pride" geht um die Welt, die britische BBC und die "New York Times" berichten.

Die Polizei prüft, ob auch eine Stichwaffe eingesetzt wurde. "Es ist Bestandteil der Ermittlungen, ob es eine zweite Tatphase nach der Fahrphase gab", sagt der Polizeisprecher. Das sind Worte, die technisch klingen, und doch eine große Sprengkraft haben, sollten sie sich bewahrheiten.

In der Nacht wird dann bekannt, dass die Polizei einen mutmaßlichen Verdächtigen identifiziert hat. "Der Mann ist polizeibekannt und wird der islamistischen Szene in Berlin zugerechnet", sagt Polizeisprecher Florian Nath.

"Kann man sich kaum vorstellen"

Die Menschen, die vorher noch gefeiert haben, verteilen sich jetzt in der Stadt oder gehen nach Hause. Am Nollendorfplatz ist auch in der Nacht noch etwas los. Ein Gastwirt hat gerade erst von der Nachricht gehört. "Schon krass, kann man sich kaum vorstellen."

An anderer Stelle erzählt ein junger Mann, er sei im Tiergarten gewesen. "Wir wurden dann von einem Polizisten rausgeleitet, alleine sollten wir den Tiergarten nicht verlassen. Das war schon crazy, wir haben das grad erstmal realisiert." Der CDU-Politiker Stefan Evers schreibt auf der Plattform X: "Es trifft unsere Stadt mitten ins Herz."

Noch sind viele Antworten nicht gefunden, vielleicht werden sie auch an diesem Wochenende nicht gefunden. Mit dem Christopher Street Day setzen sich Menschen seit langem für die Rechte schwuler, lesbischer und anderer queerer Leute ein. Die Bilder dazu zeigten bisher viel buntes Leben. Seit Samstagabend zeigen sie auch Menschen, die sich geschockt in den Armen liegen.

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