Muss der Elefant verhungern? Die Revolution frisst Ruperta

Der letzte Elefant von Caracas droht zu verhungern. Ruperta wird zum Sinnbild der Krise Venezuelas, dem ölreichsten Land der Welt. Sogar der Präsident schaltet sich ein. Der Zoo ist ein Panoptikum der Krise nach 18 Jahren Sozialismus. Die häufigste Art hier: Lauernde Geier.
| Georg Ismar/dpa
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Die 47 Jahre alte Elefantin Ruperta steht in ihrem Gehege im Zoo Caricuao in Caracas (Venezuela). Die abgemagerte Elefantin wird in dem sozialistischen Land immer mehr zum Politikum. Im Zoo fristen die Tiere ein trauriges Dasein, abgemagert, in desolatem Zustand.
Georg Ismar/dpa Die 47 Jahre alte Elefantin Ruperta steht in ihrem Gehege im Zoo Caricuao in Caracas (Venezuela). Die abgemagerte Elefantin wird in dem sozialistischen Land immer mehr zum Politikum. Im Zoo fristen die Tiere ein trauriges Dasein, abgemagert, in desolatem Zustand.

Der letzte Elefant von Caracas droht zu verhungern. Ruperta wird zum Sinnbild der Krise Venezuelas, dem ölreichsten Land der Welt. Sogar der Präsident schaltet sich ein. Der Zoo ist ein Panoptikum der Krise nach 18 Jahren Sozialismus. Die häufigste Art hier: Lauernde Geier.

Ruperta ist schwach auf den Beinen, die Haltung schlecht. Vor ein paar Wochen war sie fast nur noch ein trauriges dickhäutiges Skelett, sie hatte nach Aussagen von venezolanischen Veterinären fast 2.000 Kilogramm verloren. Die Bilder gingen um die Welt, peinlich für die regierenden Sozialisten. Ruperta wurde zur Staatsaffäre. Präsident Nicolás Maduro sprach jüngst von Märchen - seither scheint die 47-jährige Elefantenkuh aber wieder an Gewicht zuzulegen.

Es spricht für die Absurdität der multiplen Krise im Land mit den größten Ölreserven der Welt, dass auch der letzte Elefant von Caracas zum Politikum geworden ist. Es dauert, bis ein Fahrer gefunden ist, der sich traut, in den Zoo Caricuao zu fahren, der sich in einer der unsichersten Gegenden befindet. Die Szenerie wirkt einem Horrorfilm entsprungen. Es geht durch ein Tor, eine lange Einfahrt hoch, kein Mensch weit und breit, ein idealer Ort für komische Begegnungen. 

Für eine Kamera wird getötet

Ein Leben zählt in Krisenzeiten nicht mehr viel, für eine Kamera wird getötet. Der riesige Parkplatz ist überwuchert, vier andere Autos parken hier. Der Eingang zum Zoo: Kein Kassenhäuschen, Müll fliegt herum, verrostete Schilder vor den Gehegen. Für einen Besuch mit Kindern ist das wenig einladend. Eine gespenstische Stimmung.

Die Unsicherheit, der Nahrungsmangel, die Verschwörungstheorien der Sozialisten - der 630 Hektar große Zoo bietet ein Spiegelbild des Venezuela-Dramas. Zwei kraftlose Büffel liegen träge in der Sonne, über ihnen sitzen Hunderte schwarze Geier in den Bäumen, einer hat es sich vor einem Büffel auf der Erde bequem gemacht. Sie warten geduldig auf große Beute. Ein paar aggressive Affen laufen auf der Wiese herum, völlig abgemagert. Die Bäume kahl, die Wiese braun, kaum Menschen. Ein bisschen hat es was von einer Geisterbahn. Das Bison ist verdreckt, der Körper eingefallen, es kann kaum noch aufstehen.

Die traurigen Bilder machen weltweit die Runde

Und dann fällt der Blick unten auf das Gehege von Ruperta. Eine afrikanische Elefantenkuh. Seit die traurigen Bilder von ihr weltweit die Runde machten, wurde Ruperta zur Staatsaffäre. Auch die Tochter von US-Poplegende Michael Jackson, Paris Jackson, zeigte sich bestürzt und forderte Hilfe. "Das ist inhuman", twitterte Jackson. Veterinäre in Venezuela sehen Mangelernährung und eine schwere Durchfallerkrankung als Grund des Fast-Kollapses.

Ruperta steht in ihrem traurigen Terrain, kein Baum spendet Schatten, sie stützt sich auf dem Rüssel ab. Plötzlich taucht wie aus dem Nichts in einem neongelben Shirt ein junger Mann auf, Guillermo heißt er - er hat fast noch weniger als Ruperta auf den Rippen. Er ist Vertreter der Stiftung "La Esencia de lo Posible" (Lepo), "Die Essenz des Möglichen". Er kümmert sich nach eigenen Angaben schon länger um Ruperta. Der Mann wirkt wie ein Propagandabeauftragter der Regierung.

 "Das mit der Unterernährung ist falsch"

Ob man denn auch die Geschichten über den Elefanten gehört habe? "Das mit der Unterernährung ist falsch", sagt er. "Es wird hier versucht, Ruperta politisch zu instrumentalisieren." Ja, warum hat sie denn dann so dramatisch an Gewicht verloren? "Ein Leberschaden."

Wenig später wird es vollends seltsam. Ein junger Mann mit schlecht sitzender Krawatte, schwarzer Brille und Schirmmütze, Typ Spion, fragt nach der Uhrzeit, obwohl man keine Uhr trägt. Von nun bleibt er immer in Sichtweite, steht er in Kontakt mit irgend jemandem? Die Begleiterin drängt nervös zum Gehen, denn hier gibt es keine Polizei, aber seltsame Menschen, die eher wie Beobachter denn Besucher wirken.

"Die Revolution frisst Ihre Kinder." Dieser Spruch des Anwalts Pierre Vergniaud vor seiner Hinrichtung auf der Guillotine steht als Synonym für die Endphase der Französischen Revolution. Als aus einer großen Idee eine große Tragödie mit viel Leid wurde. In Venezuela ist die Revolution auch in Schieflage: Repression gegen Kritiker; Inflation und Misswirtschaft lassen das Land kollabieren. Es fehlt Geld für den Import von Lebensmitteln, Menschen sind unterernährt - es wird kaum noch was produziert. Und die Krise nach 18 Jahren Sozialismus macht auch nicht vor dem Zoo Halt. Die Revolution frisst sozusagen Ruperta. 

Lebensmittelsammlungen für das Tier

Dutzende Bürger und Künstler sammelten nach Bekanntwerden des Dramas Lebensmittel und brachten sie zum Zoo. Doch der lehnte die Annahme ab. Das wäre das Eingeständnis, dass auch für die Tiere nicht mehr genug zu Essen da ist. Ein solcher Elefant isst an die 40 Kilo pro Tag. Der Sozialistische Präsident Nicolás Maduro, der mit immer eisernerer Hand regiert, hatte in seiner sonntäglichen TV-Show eine andere Erklärung: "Unsere liebe Elefantin Ruperta ist halt in einem fortgeschrittenen Alter." Die Berichte der Unterernährung seien Märchen, eine Show der sozialen Netzwerke, wetterte er. Die Gegner wollten damit doch nur das Volk und die Kinder demoralisieren.

Der Biologe Alex Fergusson, Professor an der Universität Central in Caracas, hat mit Tierärzten gesprochen, die den Fall kennen. "Klarer Fall von Unterernährung." Fergusson sieht den Fall als pars pro toto, im einst reichsten Land Südamerikas gebe es heute Hunger. "Rund 4.000 Kinder sterben im Jahr an Unterernährung." Das Argument mit dem Alter sei im Übrigen Quatsch, ein Elefant könne 80 Jahre alt werden. Viele glaubten, dass Maduro eine bessere Ernährung angeordnet habe.

"Man weiß nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll", sagt er. "Das hat Züge einer Tragikomödie." Dann zählt er auf: Im ölreichsten Land der Welt gehe das Benzin aus. Es gebe riesige Wasservorkommen, dank des Orinoco, aber vielerorts kein Wasser. Venezuela habe die größten Vorkommen der Karibischen Kiefer, aber kaum noch Papier. Venezuela sei eines der Länder mit der größten Artenvielfalt der Welt. "Aber heute sind hier sogar Elefanten im Zoo vom Hungertod bedroht." 

Die Tiere aus dem schlimmsten Zoo der Welt

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