Machtkampf im Vatikan

Wurde Papst Benedikt zwischen den Intriganten im Kirchenstaat zerrieben?
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Keine Fotomontage: Wenige Stunden, nachdem Papst Benedikt seinen Rücktritt ankündigt, schlägt im Petersdom in Rom ein Blitz ein.
dpa Keine Fotomontage: Wenige Stunden, nachdem Papst Benedikt seinen Rücktritt ankündigt, schlägt im Petersdom in Rom ein Blitz ein.

 

Die Vatileaks-Affäre hat offenbart, welche Intrigen sich hinter den Mauern des Kirchenstaats abgespielt haben. Am Ende könnte Benedikt für diesen Kampf keine Kraft mehr gehabt haben

ROM Seine Kraft reiche nicht mehr. Das hat Papst Benedikt XVI. als Begründung für seinen Rücktritt genannt. Er ist fast 86 Jahre alt, müde und schwach – man kann ihn verstehen. Das Papstamt ist anstrengend. Doch es war womöglich noch mehr, was den Papst so viel Kraft gekostet hat.

„Er hat sehr gelitten unter manchen Dingen, die dieses Amt mit sich bringt“, sagt der Fundamentaltheologe und Papst-Vertraute Max Seckler. „Man kann sich schwer vorstellen, welche Intrigen es da in Rom gibt. Das hat ihn sehr belastet.“ Papstbruder Georg Ratzinger nannte Spekulationen, Benedikt sei wegen der Intrigen zurückgetreten, „pure Märchen“. „Durch die Wahl der Kardinäle ist er ja in sein Amt gebracht worden, eine Intrige hätte ja keine Aussicht, da irgendeine Änderung zu bringen“, so Georg Ratzinger.

Doch da hat er offensichtlich den Vatileaks-Skandal vergessen. Er hat offenbart, wie es zugeht hinter den Mauern des Vatikan, und dass man sich im Kirchenstaat sehr wohl auf Intrigen und Machtkämpfe versteht. Dutzende Briefe und Geheimdokumente waren damals direkt vom Schreibtisch des Papstes geklaut und den Medien zugespielt worden.

War es der Kammerdiener alleine?

Ein Gericht hat den päpstlichen Kammerdiener Paolo Gabriele für die Tat verurteilt, doch viele glauben, dass er nur auf Anweisung von Drahtziehern handelte. Zumal die Indiskretionen auch weitergingen, als Gabriele in Haft saß. Ziel der Intrigen war es offensichtlich, vor allem einen Papst-Vertrauten schlecht dastehen zu lassen: Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Er ist immerhin der zweitwichtigste Mann im Vatikan und wurde von Benedikt im Herbst 2006 ins Amt geholt.

Ihn schlecht aussehen zu lassen, war nicht schwer: Der Italiener gilt tatsächlich als machthungrig, wenig diplomatisch und überfordert. Er ist ein Außenseiter in der Vatikan-Diplomatie. Ihm werden viele Kommunikationspannen zur Last gelegt – unter anderem, dass Benedikt die Versöhnung mit den Piusbrüdern vorantrieb, nicht wissend, dass deren damaliger Bischof Williamson zuvor den Holocaust geleugnet hatte.

"Bertone bleibt, basta, basta."

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner berichtete jetzt in der „Frankfurter Rundschau“ ungewöhnlich offen, dass er sich selbst beim Papst für die Entlassung Bertones eingesetzt hatte: „Ich habe gesagt: Heiliger Vater, Sie müssen Kardinal Bertone entlassen! Er ist der Verantwortliche.“ Benedikt habe erwidert: „Bertone bleibt, basta, basta basta.“ Ein Pensionierungsgesuch Bertones hatte der Papst erst vor wenigen Monaten abgelehnt.

Auch die Ablösung von Vatikanbank-Chef Ettore Gotti Tedeschi soll auf Bertones Konto gehen – weil er nicht wollte, dass Tedeschi die Geldwäsche-Vorwürfe gegen die Bank aufarbeitet. All das geht aus den Vatileaks-Dokumenten hervor.

Doch was, wenn diese Papiere nur eine Seite zeigen? Wer hat in der Kurie etwas davon, Bertone schlecht aussehen zu lassen? Die Spekulationen schießen ins Kraut. Sind es alte Anhänger von Papst Johannes Paul II.? Das vermutet zumindest die italienische Zeitung „La Repubblica“. Sie sollen sich vor den Kopf gestoßen gefühlt haben, weil Benedikt Posten mit seinen eigenen Vertrauten besetzte. Sie sahen offenbar ihre Felle davonschwimmen.

Seltsame Solidaritätsadresse

Immerhin: Der Vorgänger Bertones, Angelo Sodano, hat noch viele Anhänger in der Kurie. Der enge Vertraute von Papst Johannes Paul II. galt schon bei der letzten Wahl als „papabile“, als papsttauglich. Und mit Befremden hatten Benedikt-Getreue eine von Sodano öffentlich bei der Ostermesse 2010 ausgesprochene Solidaritätsadresse für den Papst aufgenommen.

Mitten im tobenden Missbrauchsskandal sagte Sodano: „Das Volk Gottes ist mit dir und wird sich nicht vom Gerede der herrschenden Meinungen beeinflussen lassen.“ Der Vatikan musste später klarstellen, dass Sodano mit dem Wort „Gerede“ nicht die Opfer sexuellen Missbrauchs herabwürdigen wollte. Papstsprecher Federico Lombardi sagte, dass Benedikt um Sodanos Ansprache nicht gebeten hatte.

Der Papst wurde aber auch von anderen Seiten bedrängt: Reformer hielten seinen Versöhnungskurs mit den Piusbrüdern für falsch, reaktionäre Kräfte fanden Benedikt dafür zu lasch und zu liberal. Dazu kommen diverse landsmannschaftliche Bündnisse: die spanischsprachigen Kirchenfürsten, die alteingesessenen Italiener in der Kurie.

Wenn der scheue Denker Benedikt, der sich lieber mit theologischen Fragen beschäftigt, für diesen zermürbenden Machtkampf am Ende keine Kraft mehr hatte – man könnte es verstehen.

 

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