Interview

Kühlcontainer-Produzent im AZ-Interview: "Wir kühlen den Impfstoff"

Enrico Klauer, Chef der Kühltechnologie-Firma Mecotec, erklärt, wie das Präparat, auf dem die Hoffnungen aller Menschen ruhen, in alle Welt verteilt wird.
| Clemens Hagen
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Enrico Klauer, Chef der Kühltechnologie-Firma Mecote.
Enrico Klauer, Chef der Kühltechnologie-Firma Mecote. © Mecotec

München - Enrico Klauer im AZ-Interview: Der 50-jährige gelernte Elektrotechniker aus Zeitz in Sachsen-Anhalt gründet 2000 in Pforzheim die Kältetechnologie-Firma Mecotec. Seit 2012 befindet sich der Hauptsitz in Bitterfeld.

AZ: Herr Klauer, wie kommt man dazu, Kühlsysteme für Impfstoffe zu bauen, die bei mindestens minus 70 Grad gelagert und transportiert werden müssen?
ENRICO KLAUER: Ich bin in der Ex-DDR geboren und habe dort Elektroniker gelernt. Nach der Wende bin ich nach Nordrhein-Westfalen gegangen und habe dort begonnen, Geräte zu entwickeln und zu bauen, die - anstatt wie bisher mit Stickstoff - Kälte auf elektrischer Basis erzeugen konnten. Das war der Zeitpunkt, an dem mein Herz begann, für Kälte zu brennen. Mit dieser Leidenschaft habe ich mich dann selbstständig gemacht und mein eigenes Unternehmen gegründet.

Wie ging es weiter?
Die ersten Geräte haben wir so weiterentwickelt, dass hieraus Geräte für Kaltlufttherapien entstanden. Heute haben wir davon in ganz Deutschland 12.000 bis 13.000 Stück bei Ärzten und in Krankenhäusern zur Anwendung von physikalischen Therapien. Bei einer solchen Therapie wird mit Hilfe eines Schlauchs sehr kalte Luft auf die Haut geblasen. Zur Anwendung kommen diese Geräte bei Sportverletzungen, Entzündungen, Rheuma und im Beauty-Bereich, sie ersetzen die früheren Behandlungen mit klassischen Kältepacks.

"Unsere Auftragsbücher sind gut gefüllt"

Und wie kam es von der Schlauchtherapie zu einer Kältekammer?
Wir orientieren uns immer an den Bedürfnissen unserer Kunden. Irgendwann kamen Ärzte auf uns zu und fragten, ob wir nicht auch einen ganzen Raum kalt machen könnten. Da haben wir die Kaltraumtherapie für Anwendungen bis zu minus 110 Grad, auch Kryotherapie genannt, entwickelt. Darin sind wir heute weltweit Marktführer. Im nächsten Schritt haben wir geschaut, wo diese Technologie noch angewandt werden kann und den Bedarf im Pharmabereich gesehen, für den wir heute Kühlräume für die Produktion im tiefkalten Bereich bauen. Mit unseren Technologien, die rein auf elektrischer Basis funktionieren, können wir in Temperaturbereichen zwischen minus 50 Grad und minus 125 Grad kühlen.

So könnten die Kühlcontainer aussehen, in denen der Impfstoff in alle Welt transportiert wird.
So könnten die Kühlcontainer aussehen, in denen der Impfstoff in alle Welt transportiert wird. © Illustration: Mecotec GmbH

Man fröstelt beim Zuhören.
Aufgrund der weltweit zunehmenden Nachfrage haben wir uns dann entschieden zu expandieren. Wir haben heute Niederlassungen in den USA, in Singapur, Frankreich und arbeiten darüber hinaus mit einem weltweiten Netzwerk an Distributoren zusammen. Für eine gezieltere Spezialisierung haben wir uns entschieden, die Industrie- und Medizinsparte zu trennen und jedes Geschäft für sich weiter auszubauen. Zu diesem Zweck haben wir in diesem Jahr eine Firma in Sachsen gekauft, die Kühlgeräte für den industriellen Bereich herstellt. Dass dieser Zukauf ein Gewinn für die Firma ist, zeigt sich jetzt schon: Der erste Auftrag für diese neue Sparte sind die Kühlungen für Impfstoffhersteller.

Da müssten Ihre Auftragsbücher jetzt ordentlich gefüllt sein, oder?
Ja, die sind gut gefüllt. Es freut uns außerdem, dass wir diese Woche die erste Kühlanlage für die Lagerung der Covid-Impfstoffe direkt nach Herstellung an unseren Kunden übergeben konnten. Diese ist bereits zertifiziert vom renommierten Institut für Luft- und Kältetechnik in Dresden.

"Für die Kühlung von 5.000 Impfstoffdosen sind etwa 20 Kilo Trockeneis notwendig"

Um wie viele Anlagen handelt es sich?
Bei diesem Hersteller handelt es sich um eine stationäre Kühlanlage mit einer Kapazität von über zwei Millionen Impfstoffdosen.

Der Hersteller dürfte Biontech heißen, oder?
Hierzu können wir leider keine Aussage machen.

Wie sind Sie auf die Idee mit dem Kühlcontainer gekommen?
Bei der Entwicklung der stationären Anlage haben wir uns die Frage gestellt, wie sieht die Logistikkette nach der Kühlung aus, wenn der Impfstoff beim weiteren Transport bei konstant minus 70 Grad gekühlt werden muss? Hier haben wir Lösungsbedarf gesehen. Da wir schon Erfahrung mit Containern hatten, haben wir uns hingesetzt und einen Container entwickelt, in dem der Impfstoff bei bis zu minus 80 Grad transportiert und gelagert werden kann. Die Alternative für den Transport dieser Impfstoffe ist Trockeneis, aber da ist die Schwierigkeit, dass ein Liter Trockeneis bei Expansion zu gasförmigem CO2 einen Raum mit 7,5 Kubikmetern Luftinhalt kontaminiert. Es spricht also vieles für eine elektrisch betriebene, aktive Kühllösung anstelle einer passiven Kühllösung. Letztere kann für Transporte über kürzere Distanzen eingesetzt werden, zum Beispiel innerhalb Deutschlands. Aber die Pandemie ist überall auf der Welt: in Asien, Afrika, Südamerika, wo ein Vielfaches an Menschen lebt. Dort funktioniert das nicht mehr mit Trockeneis, denn die Laufzeit einer Trockeneispackung ist bereits am Flughafen beendet. Man muss bedenken: Für die Kühlung von 5.000 Impfstoffdosen sind etwa 20 Kilo Trockeneis notwendig.

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Haben Sie viel Konkurrenz auf dem Markt?
Natürlich gibt es Unternehmen, die versuchen, unsere Lösungen zu kopieren und in Einzelfällen gelingt ihnen vielleicht der Nachbau einer Anlage, die bis zu minus 60 Grad kühlen kann, aber wir sind der einzige Komplettanbieter für Transport- und Lagercontainer sowie Tiefstkühlhauslösungen für Temperaturen bis zu minus 80 Grad.

Was unterscheidet eine Anlage für Impfstoffkühlung - mobil oder stationär - von einer Kältekammer für Kryotherapie?
Die Technologie funktioniert bei beiden Produkten ähnlich über eine aktive Kühlung. Beim Impfstofftransport und dessen Lagerung spielen aber wesentlich mehr Aspekte hinein, die nicht in unserer Verantwortung liegen. So muss der Schutz der Ware über einen Begleitschutz gesichert werden.

"Wir sind stolz darauf,  zur Bekämpfung der Pandemie beitragen zu können"

Wie werden Ihre Container überhaupt transportiert? Schiff, Flugzeug, Lkw?
Die Anforderungen für den Transport per Schiff und Lkw sind überhaupt kein Problem, da es sich um einen Standard-20-Zoll-Container handelt. Global gesehen werden wir jedoch die Pandemie nur erfolgreich und in einem überschaubaren Zeitraum bekämpfen können, wenn wir den Impfstoff auch per Luftfracht verteilen und in großen Mengen lagern können. Fest steht, dass wir beim Lufttransport nicht mit einer aktiven, elektrischen Lösung im Flugzeug arbeiten können. Wir sind aber auch hier gerade dabei, eine geeignete Lösung zu entwickeln.

Wie viele Container, rechnen Sie, werden Sie bauen für den Impfstofftransport?
Es ist zu früh, hier Zahlen zu nennen. Wir werden so viele Container bauen wie für die Bekämpfung der Pandemie benötigt werden.

Mit wem verhandeln Sie denn jetzt - außer mit Biotechfirmen? Mit Ländern?
Wir verzeichnen eine hohe Nachfrage aus Asien und führen weltweit Gespräche mit Länder- und Regierungsvertretern sowie mit Hilfsorganisationen. Da die Logistik der Impfstoffe eine so große Herausforderung darstellt, dass sie keiner alleine bewerkstelligen kann, sprechen wir auch mit Zulieferern und sondieren mögliche Kooperationen. Alle ziehen an einem Strang. Wir sind stolz darauf, mit unseren Logistiklösungen zur Bekämpfung der Pandemie beitragen zu können. Und wir freuen uns darüber, dass der Impfstoff jetzt auch in Europa in Kürze zur Impfung bereit steht. Es ist ein Licht am Ende des Tunnels.

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