Interview

Impfstoff-Zulassung dauert an: "Malaria steht hinten an"

Die Uni Oxford meldet einen Erfolg in Sachen Impfstoff – doch im Vergleich zur rasanten Entwicklung bei Corona dauert es noch bis zur Zulassung. Warum?
| Rosemarie Vielreicher
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Peter Kremsner.
Peter Kremsner. © Christoph Schmidt/dpa

Ein kleiner Insektenstich kann den Tod bringen: Malaria. Die Tropen-Krankheit - 1880 von Alphonse Laveran entdeckt - gehört zu den häufigsten Infektionskrankheiten weltweit. Jedes Jahr schaffen rund 400.000 Menschen den Kampf nicht. Trotzdem gibt es noch keinen Impfstoff dagegen.

Malaria-Impfstoff: Warum dauert die Zulassung so lange?

Die Universität Oxford hat nun vor wenigen Tagen verkündet, ihr Vakzin namens "R21/Matrix-M" habe in der Phase-II-Studie (450 Menschen in Burkina Faso) eine Wirksamkeit von 75 Prozent erzielt.

Es brauche jetzt noch eine Phase-III-Studie; der Leiter des Projekts hofft auf eine Zulassung bis Ende des kommenden Jahres. Aber auch das erscheint lang - im Vergleich zur rasanten Entwicklung der Corona-Impfstoffe. Warum ist das so?

Die AZ hat beim Infektiologen und Tropenmediziner Professor Dr. Peter Kremsner aus Tübingen nachgefragt. Er arbeitet selbst an einem Malaria-Impfstoff.

AZ: Herr Kremsner, warum klappt die Entwicklung beim Corona-Impfstoff so schnell, beim Malaria-Vakzin aber nicht?
Peter Kremsner: Um die Gründe auf den Punkt zu bringen: Geld. Wir haben 100 Milliarden Euro an öffentlichen Mitteln aus der EU und den USA im Jahr 2020 für die Covid-19-Impfstoffforschung bekommen. Das hat diese so beflügelt und befeuert. Bei Malaria haben wir nicht ein Hundertstel davon jemals erhalten.

Aber auch an Malaria sterben jährlich Hunderttausende - sollte man nicht auch hier zügig eine Immunisierung vorantreiben?
Ich sehe das schon so. Malaria ist neben Tuberkulose, Aids und jetzt Covid-19 die wichtigste Infektionskrankheit weltweit - sie ist aber nicht vordergründig bei uns in Europa. Sie ist weit weg und betrifft besonders afrikanische Kinder. Man muss ganz klar sagen: Das pekuniäre Interesse daran ist geringer. Ich finde das auch traurig, aber das ist unsere Welt. Geld bestimmt den Lauf der Dinge.

Der Malaria-Erreger ist kein Bakterium oder Virus, sondern ein Parasit: ein Plasmodium. Erschwert auch das die Impfstoff-Entwicklung?
Ja, der Erreger ist sehr viel komplexer. Es gibt viel mehr Gene und Antigene und damit Zielpunkte für Impfstoffe als etwa beim Coronavirus. Bei diesem gibt es eigentlich nur eine wirklich interessante Angriffsstelle für den Impfstoff. Als die Chinesen die Virussequenz Anfang 2020 ins Netz stellten, haben sofort alle 300 Impfstoff-Kandidaten-Programme das gleiche Antigen gewählt. Das hat auch zum schnellen Erfolg geführt.

Und bei Malaria?
Bei Malaria gibt es dagegen Hunderte, wenn nicht Tausende verschiedene mögliche Zielantigene. Es gibt verschiedene Ansätze, einer davon ist der von den Kollegen in Oxford, der wiederum einem anderen Impfstoff-Kandidaten, dem RTS,S sehr stark ähnelt, ja nahezu identisch ist. Das ist wie bei Biontech, CureVac und Moderna, die auch alle sehr, sehr ähnlich sind. Wir haben selbst auch einen Malaria-Impfstoff in Entwicklung, bei dem die Phase-III-Studie im Herbst beginnen wird.

So funktioniert das Vakzin

Wie funktioniert Ihr Vakzin?
Der Ansatz: Wir nehmen den Erreger, schwächen ihn ab und spritzen ihn - ähnlich wie bei den bewährten Impfungen gegen Masern, Gelbfieber oder Mumps. Das funktioniert ganz gut, wir haben eine Wirksamkeit von 85 Prozent bei jungen Europäern, die zuvor noch nie Malaria hatten. Wir sind sehr zuversichtlich und ich hoffe und glaube, dass es demnächst eine erste Malaria-Impfung zur Zulassung schaffen wird. Es ist höchste Zeit!

Wie lange dauert eine Impfstoff-Entwicklung normalerweise?
Bei einem normalen Impfstoff dauert es zehn bis 20 Jahre von der Idee bis zur Zulassung. Bei Covid-19 ist das jetzt gigantisch schnell gewesen. Bei Ebola ging es auch etwas schneller, aber auch da hat es zwei, drei Jahre gedauert.

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Einer Infektion mit MalariaParasiten kann man nur schwer aus dem Weg gehen, außer dass man sich vor einem Stich so gut wie möglich schützt. Wird es möglich sein, eine Malaria-Impfung flächendeckend umzusetzen?
Das ist grundsätzlich möglich, aber hängt wieder von den Produktionskapazitäten ab. Und solange Covid-19 im Vordergrund steht und die reichen Länder daran interessiert sind, wird das viele Kapazitäten binden. Da muss sich die Malaria hinten anstellen.

Bis 2025 sollen 25 Länder Malaria-frei sein

Die WHO hat das Ziel ausgerufen, bis 2025 weitere 25 Länder Malaria-frei zu bekommen - ist das realistisch?
Es ist ein gutes Ziel und möglich, aber man soll ja immer hochstreben, um dann zumindest einen Teil davon zu schaffen.

Was macht Malaria so gefährlich?
Man steckt sich durch den Stich einer infektiösen Anopheles-Mücke an. Ohne Behandlung kann man daran schnell sterben - nach fünf bis sieben Tagen kann es zu spät sein. Am besten ist es, wenn man am ersten oder zweiten Krankheitstag zum Arzt geht und die Diagnose gestellt wird, dann ist Malaria gut therapierbar.

... was allerdings für Menschen in abgelegenen Gebieten der Welt nicht so einfach ist, in diesem kurzen Zeitraum zu einem Arzt zu kommen.
Das ist wiederum ein Problem: Viele Kinder, die daran sterben, leben in abgelegenen Dörfern mit schlechter Gesundheitsversorgung.

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