Erfolgreicher Start für Riesenexperiment in Genf

Genf (dpa) - Mit einem Bilderbuchstart ist die größte Forschungsmaschine der Welt in Betrieb gegangen. Die Wissenschaftler am Europäischen Zentrum für Teilchenphysik CERN schickten erfolgreich die ersten Strahlen aus Atomkernen durch den fast 27 Kilometer langen Teilchenbeschleuniger LHC.
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Die Illustration zeigt die Kollision von Atomkernen, Tausende von neuerzeugten Teilchen fliegen dabei in alle Richtungen.
dpa Die Illustration zeigt die Kollision von Atomkernen, Tausende von neuerzeugten Teilchen fliegen dabei in alle Richtungen.

Genf (dpa) - Mit einem Bilderbuchstart ist die größte Forschungsmaschine der Welt in Betrieb gegangen. Die Wissenschaftler am Europäischen Zentrum für Teilchenphysik CERN schickten erfolgreich die ersten Strahlen aus Atomkernen durch den fast 27 Kilometer langen Teilchenbeschleuniger LHC.

In der Supermaschine sollen künftig fast lichtschnelle Atomkerne kontrolliert zusammenstoßen, um fundamentale Fragen der Physik zu beantworten: Was geschah beim Urknall? Woraus besteht das Universum? Woher kommt die Masse? Und wo ist die Antimaterie? Die Vorbereitungen für den LHC (Large Hadron Collider), der den Spitznamen «Weltmaschine» bekam, laufen seit 25 Jahren.

«Es ist ein fantastischer Moment», sagte Projektleiter Lyn Evans, der im CERN-Kontrollzentrum bei Genf den Startschuss für die ersten schnellen Atomkerne (Protonen) gegeben hatte. «Wir können nun eine neue Ära im Verständnis des Beginns und der Entwicklung des Universums erwarten.» Exakt um 9.33 Uhr hatte es erstmals auf einem der Kontrollschirme geblitzt: Evans konnte melden, dass der Protonenstrahl erfolgreich die ersten 3 der insgesamt 26,7 Kilometer langen, mit starken Magneten bestückten Vakuumröhre durchquert habe.

Schrittweise wurde danach jeweils ein neuer Strahl in die acht Sektoren des Ringbeschleunigers geschossen. Um 10.28 Uhr brach wie bei einem gelungenen Raketenstart Jubel im Kontrollzentrum aus. Zwei Blitze auf einem Bildschirm kündeten davon, dass ein im Uhrzeigersinn laufender Protonenstrahl erstmals durch die gesamte Röhre gerast war - nur rund eine Stunde nach dem Beginn der Versuche. Evans war begeistert von dem Tempo, mit dem dieser Schritt glückte. Die Experten hatten mit mehreren Stunden gerechnet.

Nach einer kurzen Unterbrechung wegen einer Warnung im Kühlsystem der ultrakalten Maschine gelang es den Physikern dann am Nachmittag um 15.03 Uhr, durch die gegenläufige Röhre des LHC ebenfalls einen Protonenstrahl zu schicken. Die schnellen, gegenläufigen Atomkerne sollen künftig innerhalb riesiger Nachweisgeräte kontrolliert zusammenstoßen. Befürchtungen, dabei könnten Schwarze Löcher entstehen, die die Erde verschlucken, nannten die Forscher «absurd». Solche Kollisionen ereigneten sich unkontrolliert permanent im All und in der Erdatmosphäre.

Mit ersten Ergebnissen der gigantischen Wissenschaftsmaschine ist frühestens im nächsten Jahr zu rechnen. Die Inbetriebnahme der Anlage musste mehrfach um mehrere Monate verschoben werden.

«Man könnte sagen: Das ist ein kleiner Schritt für ein Proton, aber ein großer Sprung für die Menschheit», beglückwünschte Nigel Lockyer vom TRIUMF-Laboratorium in Kanada die CERN-Forscher in Anlehnung an Neil Armstrongs Ausspruch beim Betreten des Mondes.

Der derzeitige CERN-Generaldirektor Robert Aymar sprach von einem großen Tag für das Europäische Laboratorium. «Der LHC ist eine Entdeckermaschine», sagte Aymar. Das Forschungsprogramm setze «eine Tradition der menschlichen Neugier fort, die so alt ist wie die Menschheit selbst». Die Forscher hoffen, dank des LHC in den nächsten 15 Jahren bahnbrechende neue Einblicke in die Physik zu bekommen. «Das ist ein historischer Moment», sagte auch der designierte CERN- Generaldirektor Rolf-Dieter Heuer, der zum Jahreswechsel das Amt übernimmt. «Ich bin schlichtweg begeistert.»

Der Teilchenbeschleuniger verläuft 100 Meter unter der Erde im Grenzgebiet Frankreichs und der Schweiz, die Planungen für das Projekt liefen seit 1983. Der «Large Hadron Collider» (großer Hadronen-Speicherring) ist nach CERN-Angaben die größte Maschine, die Menschen je gebaut haben. Dem Forschungszentrum zufolge hat der Bau des Ringbeschleunigers alleine rund drei Milliarden Euro gekostet. Aus Deutschland flossen nach Angaben des Bundesforschungsministeriums rund 800 Millionen Euro in den LHC - über den von den Mitgliedstaaten getragenen CERN-Etat. Deutschland ist der größte Geldgeber des CERN.

Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der auch EU- Ratsvorsitzender ist, sprach in Paris von einem «sehr großen Erfolg für Europa, das seine weltweite Führung in wichtigen Bereichen der Wissenschaft zeigt, wenn es seine Bemühungen und besten Kompetenzen zusammenzuführen versteht». Auch Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) betonte in einem Grußwort, das CERN sei ein gutes Beispiel für die Internationalität der Forschung. Die CDU- Forschungspolitikerin Katherina Reiche forderte anlässlich des LHC- Starts mehr politisches Engagement für internationale Großforschungsanlagen in Deutschland.

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