Drei Millionen Ferkel pro Jahr gemästet: Ein Schweine-Leben

In Bayern werden etwa drei Millionen Ferkel pro Jahr gemästet. Sie leben meist auf sehr engem Raum. Öko-Schweine sind nur eine Nische.
| Nina Job
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Ein Schweinchen spielt im Stroh.
Fredrik von Erichsen/dpa Ein Schweinchen spielt im Stroh.

München - Schweinefleisch ist mit Abstand das beliebteste Fleisch in Deutschland – gefolgt von Geflügel und Rind. Laut Thünen-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, isst jeder Deutsche statistisch gesehen 49,5 Kilogramm im Jahr (Stand: 2018).

Fast zwölf Prozent der Gesamtmenge wird in Bayern produziert: Rund 3,2 Millionen Schweine werden in 4.800 Betrieben gehalten. In der Zucht wird unterschieden zwischen Schweinefarmen, die Zuchtsauen und -eber halten, und denen, die Ferkel mästen. Die Zuchtsauen werfen bis zu 30 Ferkel im Jahr. Im Alter von drei Monaten werden sie in der Regel 111 Tage gemästet, bis sie schlachtreif sind.

Das Gros der Tiere wird in Ställen auf Spaltenböden gehalten. So viel Schweinefleisch, wie produziert wird, können wir gar nicht essen: Deutschland rangiert beim Export weltweit ganz vorn. Da das Fleisch von männlichen Ferkeln später bei fünf bis zehn Prozent einen urinartigen Geruch bekommt, werden die Kleinen in ihrer ersten Lebenswoche allesamt kastriert. Das geschieht in der Regel ohne Betäubung.

Bio-Schweinefleisch kostet etwa das Dreifache

Zum 1. Januar 2019 sollte eigentlich ein EU-Verbot kommen, das wurde um zwei Jahre verschoben. Laut Tierschutzbund müssen jedes Jahr etwa 20 Millionen Tiere diese Prozedur überstehen. Schmerzmittel gibt es erst danach. Bio-Schweinhalter nutzen häufig eine Art Impfung, um die Hormonbildung zu unterdrücken (Immunokastration). Doch diese Methode soll für Öko-Bauern 2021 verboten werden.

Die Bio-Schweinehaltung ist eine Nische. Nur 0,5 Prozent aller Schlachtschweine werden in Bayern ökologisch gehalten. Die Nachfrage ist bislang gering. Das liegt wohl vor allem am Preis: Bio-Schweinefleisch kostet etwa das Dreifache. Dazu kommt: Viele, die Bio-Produkte kaufen, bevorzugen Geflügel- oder Rinderfleisch. Bio-Schweine dürfen nicht auf Vollspaltenböden gehalten werden. Eine Einstreu und zumindest ein befestigter Auslauf sind Pflicht. Freilauf auf einer Weide ist nicht vorgeschrieben.

Die AZ erklärt die Unterschiede zwischen den Haltungsformen...

Haltung von Schweinen: Geburt

Lustig sind sie nicht, die ersten Tage eines Ferkels in konventioneller Haltung. Die Muttersau ist in eine Bucht eingepfercht, damit sie ihre Kleinen in der Enge nicht erdrückt. Durchschnittlich zwölf Ferkel und die Mutter teilen sich vier Quadratmeter. Platz zum Herumtollen haben die Kleinen nicht. Drei Eingriffe ("Manipulationen") müssen sie in den ersten Tagen überstehen: Das gefühllose Ende des Ringelschwänzchens wird kupiert, da Schweine auf engem Raum leicht aggressiv und zu Schwanzbeißern werden.

Das Kupieren soll Entzündungen vorbeugen. Außerdem werden die Eckzähne abgeschliffen, damit sie das Gesäuge nicht verletzen. Zudem werden die männlichen Ferkel kastriert. Ohne Narkose. 2021 soll damit endlich Schluss sein.

Haltung von Schweinen: Aufzucht

Nach drei bis vier Wochen werden die Ferkel von ihrer Mutter getrennt. Zuerst haben die Schweinchen 0,15, dann 0,2 Quadratmeter Platz. Mit 20 Kilo Lebendgewicht haben sie Anspruch auf 0,35 Quadratmeter. Häufig werden die Tiere gruppenweise in Flatdecks gehalten. Das sind flache Buchten mit vollständig perforiertem Boden ohne Einstreu. Pro Quadratmeter sind darin vier bis fünf Ferkel untergebracht. Flatdecks können bis zu drei Etagen übereinandergestapelt werden, man spricht dann von einer Ferkelbatterie.

92 Prozent der Schweine in konventioneller Haltung werden auf Vollspalten- oder Teilspaltenboden gehalten. Urin und Kot fallen durch die Spalten. In der sechs- bis achtwöchigen Aufzuchtphase legen die Tiere durchschnittlich 435 Gramm am Tag zu. Die Muttersau wird nach wenigen Tagen neu besamt.

Haltung von Schweinen: Futter und Mast

Wenn ein Mastschwein mit etwa zehn Wochen ein Gewicht von 25 bis 30 Kilo erreicht hat, kommt es in den Mastbetrieb. Dort stehen die Tiere meist in riesigen Hallen in Betonbuchten in Sechser- bis Zwölfer-Gruppen um einen Futtertrog. 0,5 bis einen Quadratmeter haben sie Platz. Stroh oder Einstreu sind nicht vorgeschrieben.

Der Deutsche Tierschutzbund kritisiert, dass durch die Überfütterung der Bewegungsapparat und das Herz-Kreislauf-System schnell überlastet sind. Die ständige Haltung auf Vollspaltenböden führt zudem zu Klauenverletzungen. Auslauf haben die Tiere nicht. Auch Möglichkeiten, sich im Dreck zu suhlen oder zu scheuern, sind nicht vorhanden. Ab dem vierten Mastmonat nehmen die Schweine bis zu einem Kilo am Tag zu.

Heu und Stroh würde den Tieren bei der Verdauung helfen und sie beschäftigen. In konventionellen Betrieben ist aber nur ein geringer Anteil vorgeschrieben, oft werden dem Futter Holzfasern beigefügt. Die Hauptnahrung ist Kraftfutter aus verschiedenen Getreidesorten, Fetten, Proteinen und Chemikalien. Obwohl Antibiotika als Zusatz europaweit verboten sind, wird das Gesetz immer wieder umgangen, um Krankheiten vorzubeugen.

Haltung von Schweinen: Tod

Eine Sau aus konventioneller Haltung wird im Alter von sechs bis sieben Monaten geschlachtet. Dann wiegt sie 110 bis 120 Kilogramm. Die Tiere werden meist zwischen Mitternacht und dem frühen Morgen abgeholt. Nach dem Abladen bleiben sie zunächst in Gruppen in einem Wartestall. Bevor den Tieren die Halsschlagader durchtrennt wird, werden sie meist mit Kohlendioxid betäubt. Auf diese Weise können viele Tiere auf einmal betäubt werden.

Bei der alternativen Elektrobetäubung wird dem Schwein eine Zange und meist auch eine Herzdiode angesetzt, die Strom durch das Gehirn und das Herz leitet. Laut einer Studie der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf führt die Betäubung mit Kohlendioxid beim Schwein zu "ausgeprägter Atemnot und Erstickungsgefühl".

Haltung von Schweinen: Bio-Geburt

Einen echten Eber bekommen die wenigsten Sauen zu sehen, auch Öko-Tiere nicht: Die meisten Ferkel entstehen durch künstliche Befruchtung. Ab dem siebten Monat wird die Sau erstmals besamt. Danach ist sie drei bis vier Monate trächtig, bevor sie etwa zwölf Ferkel wirft – im Schnitt 2,2 Mal pro Jahr. 7,5 Quadratmeter Platz hat jede säugende Sau, zusätzlich 2,5 Quadratmeter Auslauffläche. Ausreichend Platz ermöglicht natürliches Sozialverhalten, außerdem können die schwächeren Tiere den Stärkeren ausweichen, es kommt zu weniger Aggressionen.

Weil Eber das Hormon Androstenon produzieren und das Fleisch unangenehm danach schmeckt, werden den männlichen Ferkeln bis zum siebten Tag die Hoden abgeschnitten. Bei Öko-Tieren geschieht das mit Betäubung und Schmerzmitteln. Die Schweinchen bleiben 40 Tage bei der Sau, trinken Muttermilch, spielen, wühlen im Dreck.

Haltung von Schweinen: Bio-Aufzucht

Nach 40 Tagen Mutterwärme kommen die Bio-Ferkel in die Aufzucht. Die Trennung von der Mutter ist für die Tiere eine große physische und psychische Belastung. Die Stresssituation schwächt die Abwehrkräfte und führt zu einer verminderten Nahrungsaufnahme. Die Ferkel brauchen nun künstliche Wärme: Ein geschützter Bereich im Stall wird auf 24 Grad erwärmt, Durchzug kann tödlich sein. Manche Bauern setzen die Ferkel auch in beheizte "Wärmekisten".

Zudem haben die Bio-Schweinchen mehr Platz als konventionell aufgezogene: Mindestens 0,4 Quadratmeter Fläche müssen jedem ab einem Gewicht von 30 Kilo zur Verfügung stehen. Und bereits als kleines Öko-Schwein gehört – ab dem 24. Lebenstag – auch Auslauf dazu. Die Tiere bekommen sehr nährstoffreiches Futter und Wühlerde. Die Tränkebecken müssen laut EU-Regel täglich gereinigt werden.

Bio-Haltung von Schweinen: Futter und Mast

Hat der Öko-Züchter keinen eigenen Mastbetrieb, werden die Jungtiere auf einen Transporter geladen und zu einem solchen gefahren. Hier werden die größten Unterschiede zur konventionellen Haltung deutlich: Die Schweine müssen mindestens einen befestigten Auslauf haben. Freilandhaltung oder Auslauf auf eine Weide ist aber auch bei Öko-Betrieben nicht Pflicht. Im Idealfall können die Ferkel draußen spielen, nach Fressen suchen und ihren Nestbautrieb ausleben.

Weil sie in Gruppen und nicht einzeln gehalten werden, haben die sozialen Tiere Kontakt zu anderen. Gesetzlich vorgeschrieben sind draußen – je nach Gewicht – zwischen 0,6 und 1,2 Quadratmeter pro Tier. Zusätzlich steht ihnen im Stall eine Fläche von 1,1 bis 1,5 Quadratmetern zur Verfügung. Auch dort ist alles streng geregelt: Bio-Schweine dürfen nicht auf Vollspaltenböden gehalten werden. Mindestens die Hälfte des Bodens muss mit Stroh eingestreut sein. Neben der biologischen Nahrung wird den Öko-Schweinen außerdem noch Raufutter angeboten: Gras, Stroh oder Heu. Das sorgt für Beschäftigung und Abwechslung und ist gut für die Verdauung.

Bio-Haltung von Schweinen: Tod

Etwa sieben Monate nach der Geburt wird das Schwein geschlachtet. Zwischen 110 und 115 Kilo bringt es dann auf die Waage. Per Bolzenschuss wird es meist betäubt, dann mit einem Kehlschnitt getötet. Eine Ausnahme bilden die XXL-Schweine: Sie dürfen ein Jahr lang leben. Die Tiere werden bis zu einem Lebendgewicht von 180 Kilo gemästet. Der Metzger produziert aus ihrem Fleisch hochwertigen Schinken oder Edelsalami – Luxus-Artikel an der Fleisch-Theke.

Lesen Sie hier: So werden Hühner aufgezogen und geschlachtet

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