Dr. Stefan Woinoff im Interview über Einsamkeit im Alter

Gleichaltrige sind der Schlüssel zum Glück, sagt Beziehungsexperte Stefan Woinoff. Denn: Allein zu sein verkürzt das Leben.
| Eva von Steinburg
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Ein älterer Mann auf einem Bankerl am See: Kleine Auszeiten allein sind sogar gut – ständig alleine zu sein, macht aber krank, meint Dr. Stefan Woinoff.
Matthias Balk/dpa Ein älterer Mann auf einem Bankerl am See: Kleine Auszeiten allein sind sogar gut – ständig alleine zu sein, macht aber krank, meint Dr. Stefan Woinoff.

München - Speziell vor Alterseinsamkeit hat jeder Fünfte Angst. "Einsamkeit – die unerkannte Krankheit", das neue Buch von Manfred Spitzer ist ein verstörender Wachruf. "Schmerzhaft" und "tödlich" nennt der Psychiater das Phänomen Einsamkeit – da es das Leben verkürze.

Auch in München nimmt die Zahl einsamer Menschen dramatisch zu. Psychotherapeut Stefan Woinoff, Beziehungsexperte des Datingportals Zweisam.de, hat Tipps für ein erfülltes Leben im Alter. Auf der Messe "Die 66" referiert er am Samstag über "Einsamkeit adé". Der 59-Jährige ist Experte für die Liebe 50plus.

AZ: Herr Woinoff, wer fühlt sich heute einsam?
STEFAN WOINOFF: Am ehesten die, die alleine wohnen und Single sind: junge Leute, die einen Partner suchen und ältere Menschen, die keinen mehr haben. Mehr Frauen sind einsam, wegen des Frauenüberschusses unter den Senioren. Bei ihnen ist zudem das Bedürfnis nach engen und tiefen Kontakten ausgeprägter.

Warum tut Einsamkeit weh?
Neue Ergebnisse der Hirnforschung zeigen, dass beim Einsamkeits-Gefühl im Limbischen System des Hirns das Schmerzzentrum aktiviert wird. Das Bild des MRT zeigt’s. Wer sich einsam fühlt, spürt Schmerz. Deshalb wirken sogar gängige Schmerzmittel gegen diese Gefühle – aber nur kurzfristig.

Das hat die Evolution mit Einsamkeit zu tun

Wie verkürzt Einsamkeit das Leben?
Die negativen Gefühle lösen Dauerstress aus, was den Blutdruck erhöht und das Herz-Kreislaufsystem belastet. Das gesundheitliche Risiko steigt, wie mit 15 Zigaretten am Tag. Dann gibt es noch den Teufelskreis von Depression, Schlafstörung, Scham und sozialem Rückzug.

Der Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein ist wichtig.
Männer brauchen weniger Menschen, fühlen sich damit auch weniger allein. Frauen brauchen mehr soziale Kontakte, sonst fühlen sie sich nicht gut. Alleinsein ist das eine. Aber Einsamkeit ist das deutliche und schmerzhafte Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Der eine erlebt das in einer anonymen Wohnwabe wie im Ein-Zimmer-Appartement in der Großstadt, der andere in der Ehe.

Sie behaupten, Einsamkeit versetzt den Körper in Alarmstimmung.
Das ist eine Erkenntnis aus der Evolutionsbiologie: Der Mensch hat zwei oder vier engste Freunde, dazu 15 gute Freunde und noch Bekannte. 150 Menschen, so groß war vor 50.000 Jahren die Ursprungssippe. Als Zoon politikon, als Gemeinschaftswesen, bedeutete damals Einsamkeit, von der Sippe ausgeschlossen zu sein. Das war gleichbedeutend mit höchster Lebensgefahr. Deshalb funkt das Gehirn heute noch Alarm.

Was hilft und beruhigt in dieser Situation?
Interessant ist, dass sich viele Senioren einsam fühlen, obwohl sie mit einem Kind oder mit Enkeln wohnen. Am besten und nachhaltigsten gegen Einsamkeit hilft, Menschen zu treffen und sich einen Partner auf Augenhöhe zu suchen.

Sie ermutigen Best-Ager die späte Liebe zu wagen und ihre Bedenken über Bord zu werfen?
Eine Beziehung auf Augenhöhe macht glücklich. Für ältere Männer sind gleichaltrige Frauen der Schlüssel zum Liebesglück, weil sie entspannter sind und nicht so hohe Ansprüche an den Partner und das Leben an seiner Seite haben wie deutlich jüngere Frauen.

Hilft Geld gegen Einsamkeit?

Wie wichtig ist Sexualität?
Ich kann Männern nur sagen: Auch eine Frau jenseits der 50 ist lustorientiert. Inzwischen gibt es sogar Kuschelkurse für ältere Herrschaften – körperliche Berührung und Zärtlichkeit ohne – und mit Erotik.

Interessant ist der Zusammenhang zwischen Geld und Einsamkeit.
Mit Geld lässt sich das Gefühl der Einsamkeit sehr gut verdrängen. Laut einer Studie gilt diese Gleichung: je höher der Verdienst, desto geringer die Einsamkeit. Man konsumiert, um dem Gefühl der Einsamkeit zu entfliehen. Wer viel Geld hat, wird zudem oft als attraktiv wahrgenommen.

Haben Sie Tipps für Einsame?
Tun Sie etwas, bei dem Sie sich angenommen und aufgehoben fühlen. Gehen Sie in den Chor, helfen Sie ehrenamtlich anderen Menschen, das ist extrem gut. Oder spielen Sie ein Instrument. Auch die Natur kann Geborgenheit geben.

Die britische Premierministerin Theresa May hat gerade ein "Ministerium für Einsamkeit" eingerichtet. Bei uns fordert Karl Lauterbach, der gesundheitspolitische Experte der SPD, einen Einsamkeitsbeauftragten in der Regierung.
Das ist richtig. Das Thema sollte mehr in die öffentliche Debatte, denn Einsamkeit nimmt als Problem stark zu. Das Thema muss auf den Tisch, weg vom Tabu und der Peinlichkeit, die klischeehaft mit Einsamkeit verbunden wird.

Sie raten älteren Menschen, ihre Einsamkeit nicht als gottgegeben hinzunehmen.
Ja. Denn erst hat man einen Riesen-Freundeskreis. Dann sterben die Freunde langsam weg oder man hat sich zerstritten. Der soziale Tod kommt oft vor dem körperlichen Tod. Es heißt, wer einsam ist, ist selber schuld – den mag keiner. Doch das stimmt nicht, wenn der Partner stirbt oder Freunde wegziehen. Diese Einsamkeit ist unverschuldet. Mein Rat: Trauen Sie sich. Man kann bis ins hohe Alter nette neue Kontakte knüpfen – oder auch eine neue Liebe finden.

Lesen Sie auch: Rathaus-CSU will Fachstelle gegen Einsamkeit einrichten

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