Millionen-Coup: Bank-Einbrecher kamen durch manipulierte Tür

Beim Millionen-Coup in der Sparkasse Gelsenkirchen sind die Täter offensichtlich durch eine manipulierte Fluchttür in das Gebäude gelangt. Die Tür könne eigentlich nicht von außen geöffnet werden, teilte die Polizei mit. Durch die Manipulation habe sie aber nicht mehr richtig geschlossen und den Tätern sei "ein ungehinderter Zugang vom Parkhaus in das Sparkassengebäude möglich" gewesen.
Bei dem Einbruch Ende Dezember hatten die Täter mehrere Sicherheitssysteme überwunden und sich schließlich zielgerichtet mit einem 40 Zentimeter großen Loch direkt in den Tresorraum der Sparkassen-Filiale in Gelsenkirchen-Buer gebohrt. Dort räumten sie rund 3.100 Kundenschließfächer aus. Wie den Einbrechern dies gelang, ohne den Einbruchalarm der Bank auszulösen, ist eine zentrale Frage bei den Ermittlungen.
Geprüft werde unter anderem, ob die Alarmanlage ausgeschaltet oder kaputt war - oder ob es den Tätern gelungen sein könnte, sie zu überlisten, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) bei einer Sondersitzung des Innenausschusses. "Da stellen sich eine Reihe von Fragen."
230 Ermittler suchen nach der Bande
Die Polizei hat inzwischen 230 Beamte nur für die Ermittlungen in dem Fall abgestellt. Der Anspruch sei: "Das Ding klären wir auf", sagte Reul.
Die Arbeit sei allerdings mühsam. Im Tresorraum und dem danebenliegenden Archivraum hätten nach der Tat etwa 500.000 Gegenstände auf dem Boden gelegen. "Das sieht aus wie eine Müllkippe", sagte Reul. Alles müsse nun akribisch untersucht werden. "Auf jedem dieser Gegenstände könnten relevante Spuren sein."
Allerdings hatten die Täter den Tresorraum vor ihrer Flucht noch mit "verschiedenen chemischen Flüssigkeiten kontaminiert", um etwa DNA-Spuren zu verwischen, wie die Polizei mitteilte.
Hat ein Insider den Kriminellen geholfen?
Wer die Tür vom Parkhaus in die Filiale manipuliert hat, sei Gegenstand der Ermittlungen, sagte eine Polizeisprecherin. Zuletzt war schon viel darüber spekuliert worden, ob die Täter Hilfe von einem Insider hatten. Innenminister Reul betonte, dieser Frage müsse man nachgehen - es gebe aber noch keinen konkreten Verdacht.
Auf jeden Fall sei die Bande extrem zielgerichtet vorgegangen. "Man denkt, man ist in einem Kinofilm, was Professionalität und Kaltschnäuzigkeit angeht", sagte der Minister. "Dass das nicht klein Fritzchen war, der sich was ausgedacht hat, ist relativ wahrscheinlich."
Schließfächer wurden schon früh aufgebrochen
Wie lange die Täter für ihren Einbruch gebraucht haben, ist weiterhin unklar. Der Aufbruch der Bankschließfächer habe bereits am 27. Dezember um 10.45 Uhr begonnen, teilten die Ermittler weiter mit. In der Bank gab es laut Reul ein Computersystem, das jede einzelne Öffnung eines Schließfachs – egal ob mit Schlüssel oder mit Gewalt – protokolliert. Laut Polizei wurde die letzte Öffnung eines Schließfachs am 27. Dezember um 14.44 Uhr festgestellt.
Ob alle 3.100 Fächer in diesen vier Stunden geöffnet wurden oder ob die Technik anschließend schlicht keine Daten mehr erfasst habe, ließ eine Polizeisprecherin ausdrücklich offen. Entdeckt wurde der Einbruch jedenfalls erst zwei Tage später, am 29. Dezember, nachdem die Brandmeldeanlage der Sparkasse zum zweiten Mal ausgelöst hatte.
Höhe der Beute weiterhin unklar
Wie viel Geld und andere Wertsachen die Täter erbeutet haben, sei weiterhin reine Spekulation, betonte Reul. "Nicht mal die Sparkasse weiß, was da drin ist, weil jeder Einzelne in sein Fach das reintut, was er reintun möchte."
Über die Sparkasse ist der Inhalt jedes Schließfachs bis zu einem Wert von 10.300 Euro versichert. Allerdings haben zahlreiche Schließfachbesitzer über ihre Anwälte schon angegeben, dass sie deutlich höhere Werte in ihrem Fach gelagert hätten.
Anwälte drohen mit Klagewelle
Anwälte wollen die Sparkasse juristisch für den Schaden belangen. Der Bank drohe "eine Klagewelle ungeahnten Ausmaßes", sagte Rechtsanwalt Daniel Kuhlmann der Deutschen Presse-Agentur. Er sehe Anzeichen einer Pflichtverletzung des Geldinstituts. Anscheinend habe es keinen Erschütterungsmelder in dem Tresorraum gegeben, und die Einbrecher hätten sich möglicherweise ungestört 48 Stunden in der Bank aufgehalten.
Der Gelsenkirchener Sparkassenchef Michael Klotz hatte zuletzt Kritik an der Sicherheitstechnik zurückgewiesen. "Die Filiale mit dem Schließfachraum war nach dem anerkannten Stand der Technik gesichert", betonte Klotz. Die Maßnahmen seien laufend verbessert worden.
Reul sagte dazu im Innenausschuss, um alle Fragen der Haftung müsse sich die Sparkasse kümmern. "Wenn irgendwer einen Fehler gemacht hat, muss er haften. Das ist immer so im Leben."
Ermittler werten acht Terrabyte Daten aus
Die Ermittlungen wegen schweren Bandendiebstahls könnten sich noch längere Zeit hinziehen. "Wir haben es hier mit einem der größten Kriminalfälle in der Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen zu tun", sagte Gelsenkirchens Polizeipräsident Tim Frommeyer.
Schon jetzt seien acht Terrabyte an Daten zusammengekommen - darunter 10.000 Stunden Videomaterial aus Überwachungskameras. Man müsse den Ermittlern nun die nötige Zeit geben, appellierte Innenminister Reul. "Die eine Spur, die man ganz am Schluss findet, ist manchmal die, die einem hilft."