Abitur nach erst fünf Jahren in Deutschland: Jetzt will Rama Ärztin werden

Rama ist erst seit fünf Jahren in Deutschland – und hat das Abitur geschafft. Nun will sie Ärztin werden. Auch weil sie schon viel Leid gesehen hat in ihrem Leben.
| Laura Meschede
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Abdulmunaam Abdulhadi (l.), seine Tochter Rama und ihre Mutter Tahani. Wegen Corona sind bei der Abiturzeugnisvergabe die Schulleiter Reinhard Rolvering und der Oberstufenkoordinator des Gymnasiums Neubiberg, Philipp Holly, nur als Pappfiguren anwesend.
Abdulmunaam Abdulhadi (l.), seine Tochter Rama und ihre Mutter Tahani. Wegen Corona sind bei der Abiturzeugnisvergabe die Schulleiter Reinhard Rolvering und der Oberstufenkoordinator des Gymnasiums Neubiberg, Philipp Holly, nur als Pappfiguren anwesend. © Thomas Klinker

München - In ihrer mündlichen Ethik-Abiturprüfung musste Rama (20) eine Karikatur analysieren. Ein Affe, ein Elefant und ein Fisch waren darauf zu sehen. "Für einen fairen Wettbewerb müsst ihr alle dieselbe Aufgabe lösen: Bitte klettert auf einen Baum!", stand sinngemäß darüber. "Das hat mich", sagt Rama, "stark an meine eigene Situation erinnert."

Vor fünf Jahren ist Rama von Syrien nach Deutschland geflohen. Im Juni hat sie am Gymnasium in Neubiberg ihr Abitur gemacht. Manchmal kam sie sich dabei vor wie der Fisch, der im Klettern gegen den Affen antreten soll.

Zweier-Abitur in einer fremden Sprachen mitten in der Corona-Krise

Bei der Analyse von Schiller und Goethe beispielsweise. Oder bei den komplizierten Mathe-Textaufgaben, bei denen sie erst einmal den ganzen Textblock verstehen musste, bevor sie mit dem Rechnen beginnen konnte.

Dass Rama die Abiturprüfungen trotzdem geschafft hat und das auch noch mit einem Schnitt von 2,4, mitten in der Corona-Krise, in einer fremden Sprache, nach so kurzer Zeit, das liegt sicher vor allem an ihrem außergewöhnlichen Talent und Durchhaltevermögen. Es hatte aber auch, das betont sie immer wieder, mit der Hilfe durch den Neubiberger Helferkreis zu tun.

Wie viel Prozent der geflüchteten Schülerinnen und Schüler in Deutschland ihr Abitur machen, ist unklar. Aber klar ist: Es sind bei Weitem nicht so viele, wie es sein könnten. Denn die Hürden sind hoch.

Rama hätte eigentlich eine Begabtenklasse besuchen sollen, damals noch, in Syrien. Mit vier wurde sie eingeschult, ein Sonderfall, weil sie in der Vorschule schnell gelernt hatte und unterfordert war; die Begabtenklasse hätte an die 9. Klasse angeschlossen.

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Es war schon alles ausgemacht gewesen, als der Krieg ihr einen Strich durch die Rechnung machte. Ihr Bruder, damals 13, wurde von den Splittern einer Bombe getroffen, die neben ihm explodierte, überhaupt fielen andauernd Bomben, die Familie entschied, zu fliehen. Die Begabtenklasse war keine Option mehr.

"Dass ich mein Abitur auf deutsch machen würde, damit hätte ich nie gerechnet"

Rama hat ein rundes Gesicht und eine weiche Stimme. Sie wählt ihre Worte mit Bedacht, entschuldigt sich immer wieder für ihre "schlechte Grammatik", obwohl sie fast niemals Fehler macht. "Dass ich mein Abitur auf deutsch machen würde, damit hätte ich nie gerechnet", sagt sie. "Auf der Liste der Sprachen, die ich lernen wollte, stand Deutsch eigentlich ganz unten."

Und am Anfang war es auch gar nicht so einfach, in Deutschland anzukommen. In der Erstaufnahmeeinrichtung war es voll und laut. "Lernen", sagt Rama, "war dort eigentlich unmöglich." Aber die Familie hatte Glück: Schon nach zwei Monaten fand sie eine Wohnung, in die sie ziehen konnte.

Gerade in Bayern ist das nicht selbstverständlich: Allgemein gilt hier für Geflüchtete eine Pflicht zur Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften. Familien mit kleinen Kindern sind davon zwar theoretisch ausgenommen; der Münchner Mietmarkt macht es jedoch auch diesen oft unmöglich, die vollen Heime zu verlassen. "Für mich war es gut, dass ich sehr schnell in die Schule gehen konnte", sagt Rama. "Das hat mir sehr geholfen."

2015 kommen am Münchner Hauptbahnhof viele geflüchtete Familien an. Auch Rama (Foto unten Mitte) musste ihre Heimat Syrien in diesem Jahre verlassen. Ihre Familie ist geflohen, nachdem eine Bombe ihren Bruder verletzt hat.
2015 kommen am Münchner Hauptbahnhof viele geflüchtete Familien an. Auch Rama (Foto unten Mitte) musste ihre Heimat Syrien in diesem Jahre verlassen. Ihre Familie ist geflohen, nachdem eine Bombe ihren Bruder verletzt hat. © Sven Hoppe/dpa

Unterstützung vom Neubiberger Helferkreis

Die Wohnung der Familie Abdulhadi ist hell und gemütlich eingerichtet; neben der großen grauen Couch im Wohnzimmer hängt eine Pinnwand mit einem großen Plakat. "Petra und Gerd wünschen dir viel Erfolg beim Abitur", steht in großen Buchstaben darauf. Darunter sind verschiedene Postkarten mit Sprüchen geklebt, "Du bist affenstark, du schaffst das" und "Ich will, ich kann, ich werde die Prüfung bestehen."

"Das haben mir Gerd und Petra am Morgen meiner Abiprüfungen vor die Haustür gelegt", sagt Rama und lächelt. Gerd und Petra sind Mitglieder des Neubiberger Helferkreises und inzwischen eng mit der Familie Abdulhadi befreundet. "Die beiden gehören quasi zur Familie", sagt Rama.

Von Anfang an, erzählt sie, habe der Helferkreis sie unterstützt. "Die ersten Leute, mit denen ich deutsch gesprochen habe, die waren vom Helferkreis", sagt Rama.

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Die Neubiberger Helfer gaben ehrenamtlich Deutsch-Nachhilfe, sie unterstützten bei Dokumenten und redeten Rama Mut zu, wenn ihr die Erinnerung an die Bomben oder die Schwierigkeiten in der Schule diesen raubten.

"Nicht alle Menschen aus Syrien, die ich kennengelernt habe, hatten so eine Unterstützung", sagt Rama. "Aber wenn man jemanden alleine lässt und er kämpft und kämpft und kämpft und kommt alleine trotzdem nicht weiter, dann gibt der irgendwann auf."

Und nach einigem Nachdenken fügt sie hinzu: "Ich denke, das Leben ist wie ein Buch. Jeden Tag schlägt man eine neue Seite auf, aber was vorher passiert ist, das bleibt festgeschrieben. All die Leute, die mich unterstützt haben, die bleiben festgeschrieben."

Rama will später mal Ärztin werden

Ramas großes Ziel ist es, Ärztin zu werden. Ihr Schulpraktikum hat sie in der Chirurgie absolviert. "Ich durfte ein Armgelenk stabilisieren, der Chefarzt stand nur daneben, um einzugreifen, falls ich etwas falsch mache", erzählt sie und ihre Augen leuchten. Ihre Seminararbeit hat sie über Hepatitis geschrieben; medizinische Zusammenhänge faszinieren sie.

Eigentlich wollte sie immer Ärztin werden, irgendwie, aber zu einem unumstößlichen Plan ist das erst mit der Bombe geworden. Rama war 15, als die Bombe vor ihren Augen ein kleines Kind traf. Es verlor seinen Fuß, es schrie. "Dass ich da nichts tun konnte, das war schrecklich", sagt Rama. "Natürlich, ich bin hingerannt, ich habe es mit einem Tuch verbunden, aber so richtig helfen, so wie ein Arzt helfen könnte, konnte ich nicht." Fortan möchte sie immer helfen können.

Beim Lernen hat sie oft an dieses Ziel gedacht; es hat sie motiviert, wenn ihr die Aufgaben gerade mal wieder unüberwindlich schwer schienen. "Das Problem waren vor allem die Fragen", sagt sie. "Ich arbeite immer mit, ich weiß fast immer die Antworten, aber oft konnte ich die Frage nicht richtig verstehen."

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Wenn die Lehrer nett waren, dann halfen sie, indem sie die Fragen umformulierten. "Und zum Glück waren die meisten Lehrer nett", sagt Rama. Lernen musste sie trotzdem viel; auf ihrem Smartphone hat sie Fotos der Bücherberge gespeichert, die sie für die Prüfung durchgearbeitet hat; der Stapel ist bedrohlich hoch.

Mit ihrem Abitur-Ergebnis war sie nicht zufrieden; die Corona-Zeit, in der die Schüler zuhause lernen mussten, statt den Unterricht besuchen zu können, hat alles noch einmal weiter erschwert. Aber beschweren möchte Rama sich nicht.

Ihr großes Ziel ist ein Medizinstudium

Jetzt, wo sie fertig ist, will sie erst einmal ein Praktikum in einer Klinik machen, danach vielleicht bei den Johannitern arbeiten. "Als Muslime feiern wir kein Weihnachten", sagt sie. "Das heißt, ich könnte immer an den Weihnachtstagen arbeiten und anderen Menschen ermöglichen, das Fest bei ihrer Familie zu verbringen."

Ihr großes Ziel ist ein Medizinstudium. Einfach wird der Zugang dazu nicht; die Wartelisten der Medizin-Studiengänge sind oft so lang, dass Studienbewerberinnen jahrelang auf einen Platz warten müssen. Aber im Notfall würde Rama auch warten, das ist es ihr wert. "Ich habe", sagt Rama, "ein gutes Gefühl."

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