Münchnerin Luise Simon: Die stille Helferin

Als Züge voller Geflüchteter 2015 am Hauptbahnhof ankamen, war Luise Simon sofort dort. Heute erinnert sich die 83-Jährige an die erschöpften Gesichter und weiß, warum sie seit dreißig Jahren in der Asylhilfe tätig ist.
| Helena Ott
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"Willkommen in München" steht auf einem Schild am Bahnhof.
"Willkommen in München" steht auf einem Schild am Bahnhof. © Nicolas Armer/dpa

MünchenEs war warm in München Anfang September 2015, als die ersten Züge aus Ungarn am Bahnhof ankamen. Aus jedem Zug stiegen über hundert Menschen aus: Syrer, Afghanen, Eritreer, Somalier. "Ihre Gesichter sahen völlig erschöpft aus", erinnert sich Luise Simon. Viele Männer und Frauen hatten Kleinkinder auf dem Arm, aber kaum Gepäck dabei. Die damals 78-jährige Helferin musste aufpassen, dass sie niemanden umrennt auf den Gleisen. "Das waren Menschen über Menschen."

Simon sah genau hin: Wer verletzt war oder zu erschöpft, den brachte sie direkt zu einem der Rettungswagen, die draußen vor dem alten Hauptbahnhofgebäude standen. Alte, Kranke und Mütter mit Kleinkindern führte sie in die mittlerweile abgerissene Schalterhalle, wo fast der ganze steinerne Fußboden mit kauernden oder liegenden Menschen belegt war.

"Für mich stand das außer Frage, dass ich da hingehe", sagt die jetzt 83-Jährige fünf Jahre später. Sie sitzt im Büro ihrer ehemaligen Chefin und Leiterin des Sozialdienstes der Inneren Mission, Elisabeth Ramzews. Vor 30 Jahren hat Simon ihre Arbeit als hauptamtliche Asylberaterin begonnen. Anstatt mit über sechzig in Rente zu gehen, wechselte sie ins Ehrenamt. Bis heute berät sie Geflüchtete in Münchner Unterkünften.

Asylhilfe: berührend und zerstörerisch

Luise Simon heißt eigentlich anders, sie möchte nicht, dass ihr Name in der Zeitung steht, auch weil sie schon Drohungen von Rechten bekommen habe.

In ihrer Arbeit hat sie die berührenden und die zerstörerischen Seite der Asylhilfe kennengelernt. Sie hat Menschen Fuß fassen sehen und menschliche Enttäuschungen erlebt.

Aber für Simon war immer klar, dass jeder Mensch ein würdiges Leben verdient hat. Luise Simon ist eine echte Erscheinung. Die 83-Jährige ist über 1,80 Meter groß und trägt das weiße Haar offen bis zur Schulter, elegant an der Seite mit zwei Spangen nach hinten gesteckt. Ihr Gang ist aufrecht, wie der einer Ballettlehrerin.

Die Tage am Bahnhof waren ein Gefühlschaos für sie: Freude über die vielen freiwilligen Helfer, die an ihrer Seite standen und die große Not der Menschen, die aus den Zügen stiegen. In den Tagen am Bahnhof musste sie immer wieder "an das Ende des Dritten Reichs" denken, sagt Simon. Als in ihrem Heimatort in Oberfranken damals auch täglich Züge mit Flüchtlingen aus Ostpreußen oder Donauschwaben ankamen.

Viele Hilfsgüter müssen verteilt werden, vor allem Wasser und Lebensmittel.
Viele Hilfsgüter müssen verteilt werden, vor allem Wasser und Lebensmittel. © Sven Hoppe/dpa

Die Leute im Ort seien jeden Tag zu den Gleisen gelaufen, um zu sehen, ob Angehörige unter den Ankommenden waren. Gerade, weil Simon das als achtjähriges Mädchen miterlebt hat, sei sie gerührt gewesen darüber, dass neben den Hilfsorganisationen und Helfervereinen so viele Privatpersonen Wasser, Decken und Kleider zum Bahnhof brachten und mitanpackten.

München: Weltstadt mit Herz

"Da war für mich München wirklich einmal Weltstadt mit Herz", sagt Simon. "Es war ein richtiger Akt der Nächstenliebe." Auch, dass die Bundeskanzlerin eine "so menschliche" Entscheidung getroffen habe. Simon erinnert sich an einen syrischen Jungen, der auf den Schultern seines Vaters saß und einen Karton hielt. "Danke Deutschland" stand da und mit Buntstiften hatte er eine kleine Deutschlandfahne gemalt.

Doch die Helferin sah auch menschliche Abgründe: Da hätten junge Männer Zuginformationen aus den Automaten gedruckt und die Zettel anstatt richtiger Tickets an Geflüchtete verkauft. "Die hab ich sofort bei der Polizei gemeldet."

Helfer stehen am 06.09.2015 im Hauptbahnhof in Dortmund (Nordrhein-Westfalen) zwischen Spendenpaketen. In den frühen Morgenstunden werden die ersten Züge aus München mit Flüchtlingen erwartet.
Helfer stehen am 06.09.2015 im Hauptbahnhof in Dortmund (Nordrhein-Westfalen) zwischen Spendenpaketen. In den frühen Morgenstunden werden die ersten Züge aus München mit Flüchtlingen erwartet. © Maja Hitij/dpa

Anstatt zu warten, bis andere etwas tun, handelt sie. Wenn sie von den Gemeinschaftsunterkünften, der Zeit am Hauptbahnhof oder ihren Erlebnissen auf der Straße erzählt, bekommt man das Gefühl, dass Simon einen inneren Seismographen hat, der blitzschnell zwischen Recht und Unrecht unterscheiden kann.

Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt schon 25 Jahre lang mit Geflüchteten gearbeitet hat - so einen Ansturm wie 2015 hatte sie noch nicht erlebt. Nicht nach dem Jugoslawienkrieg und nicht, als Anfang der Nullerjahre Tausende aus dem Irak, Iran und aus Afghanistan flohen. Die Menschen, die jetzt kamen, hatten Fußmärsche über mehrere Ländergrenzen und Krieg und Terror hinter sich. Viele wurden in die Bayernkaserne, in eine Aufnahmeeinrichtung in der Boschetsriederstraße oder eine in der Baierbrunner Straße gebracht.

Luise Simon hilft in vielen Bereichen

Luise Simon pendelte zwischen den Unterkünften und ihrer Wohnung. Sie und ehrenamtliche Kolleginnen halfen Männern, die Familienmitglieder suchten, begleiteten Menschen, die ins Krankenhaus mussten und versuchten Schulplätze für Kinder zu finden.

"Ein Vater mit zwei Kindern kam völlig verzweifelt zu uns", sagt Simon. Sein herzkrankes Baby und seine Frau steckten in der Türkei fest. Der Säugling werde sterben, wenn er nicht operiert wird. Simon erreichte bei der Ausländerbehörde, dass der Mann nicht nach Brandenburg weiterreisen musste. Wenige Wochen später kam seine Frau in der Bayernkaserne an und das Baby wurde in einer Münchner Klinik am Herzen operiert.

Es dauerte lange, bis Neuankömmlinge mit dem Nötigsten versorgt waren. "Es war eine Zeit, in der wir von früh um sieben bis Abends um 18 Uhr gearbeitet haben", sagt Simon.

Herbst 2015: Eine Mutter mit ihrem Kind spricht mit einer Helferin.
Herbst 2015: Eine Mutter mit ihrem Kind spricht mit einer Helferin. © Sven Hoppe/dpa

Nachdem die größte Not beseitigt war, versuchte Simon, etwas Ablenkung und Freude ins Leben der Geflüchteten zu bringen. Beim Zirkusdirektor von Roncalli bettelte sie um Karten und fuhr mit einer Gruppe Kinder zur Vorstellung.

"Diese Frau ist ganz außergewöhnlich", sagt die Ehrenamtskoordinatorin Elisabeth Ramzews, als Luise Simon beim AZ-Interview kurz den Raum verlässt. Lob und Würdigung sind der Rentnerin unangenehm. Für ihre Flüchtlingshilfe hat sie eine große Auszeichnung bekommen, will aber auf keinen Fall, dass das in der Zeitung steht.

Sie käme eben aus der "Kriegsenkelgeneration" erklärt sie. Sie könne sich erinnern, als ihre Familie in ein Zimmer ihres Hauses umzog, um Platz für Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg zu machen. Wie sie dort mehrere Monate mit zunächst Fremden unter einem Dach lebten.

Berufswunsch: "was Soziales"

"Eigentlich wollte ich immer "was Soziales" machen, sagt Luise Simon. Ihre Mutter habe sie nicht gelassen. Sie wollte, dass die Tochter ein Handwerk lernt. Simon wurde Schneiderin, später Hauswirtschafterin. Aber mit 53 Jahren erfüllte sie sich ihren Wunsch: zog von Franken nach München und wurde bei der Inneren Mission Asylberaterin.

Damals habe es noch nicht die Strukturen von heute gegeben. Aber Geflüchtete, wenn auch nicht in der gleichen Zahl wie 2015, die gab es schon. Simon und ihre Kolleginnen und Kollegen betreuten die Menschen in einer Giesinger Unterkunft in der Untersbergstraße.

Einmal sei Simon von einem Bewohner fast vergewaltigt worden. "Der wollte Geld von mir." Simon deutet jetzt mit den Armen an, wie der Mann über ihr war. "Da habe ich auf einmal eine irre Kraft bekommen und ihn weggestoßen". Sie habe so laut "raus hier" gerufen, dass der Angreifer flüchtete. "Unter vielen guten Menschen, gibt es in jeder Schicht auch Schlechte", sagt sie.

Helfer haben am Hauptbahnhof Schlafsäcke für die Geflüchteten gesammelt.
Helfer haben am Hauptbahnhof Schlafsäcke für die Geflüchteten gesammelt. © Sven Hoppe/dpa

Wegen Corona musste die Helferin eine Pause einlegen. Sie gehört mit ihrer Diabeteserkrankung selbst zur Hochrisikogruppe. "Aber langweilig wird mir nicht", sagt Simon. Mittags kocht sie eine größere Portion und bringt es einem albanischen Nachbarn, der seine kranke Frau pflegt.

Vor der Pandemie fuhr die 83-Jährige zweimal pro Woche in eine Gemeinschaftsunterkunft. Aber wenn sie die Tore der Einrichtungen nach ihrem ehrenamtlichen Dienst verlässt, hört die Arbeit nicht auf. "Vieles geschieht auch einfach unterwegs" sagt Simon.

Sie gibt ein paar Beispiele: Vor ein paar Tagen habe sie in der Nähe einer S-Bahn Station einen Blinden gesehen, der über mehrere E-Roller stolperte. Sie sei schnell hingelaufen, "habe ihn am Arm gepackt".

Simon gehört nicht zu Kritikern der jungen Generation. Hilfsbereitschaft gäbe es in jeder Altersgruppe und unter Menschen jeglichem Bildungsgrad. "Aber durch Smartphones sind alle so beschäftigt mit sich, dass sie nicht mehr sehen, was um sie passiert."

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