ZOB: Münchens vergessene Flüchtlinge

Am Hauptbahnhof herrscht wieder der Normalzustand. Ganz anders am ZOB: Dort kommen jede Nacht Asylsuchende an, die Hilfe brauchen.
| Natalie Kettinger
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Bislang haben die Angels nur einen Anhänger, in dem sie die Spenden für die Flüchtlinge lagern. Sie wünschen sich zwei Wohncontainer.
Petra Schramek 7 Bislang haben die Angels nur einen Anhänger, in dem sie die Spenden für die Flüchtlinge lagern. Sie wünschen sich zwei Wohncontainer.
Diese Eritreer warten seit Stunden auf den Bus nach Hamburg.
Petra Schramek 7 Diese Eritreer warten seit Stunden auf den Bus nach Hamburg.
Eintopf, Datteln, Kaffee und ganz viel Zucker: Die Münchner Volksküche kocht für die Flüchtlinge am ZOB mit.
Petra Schramek 7 Eintopf, Datteln, Kaffee und ganz viel Zucker: Die Münchner Volksküche kocht für die Flüchtlinge am ZOB mit.
Habdi hat Zahnschmerzen. Eine Ärztin untersucht ihn im Freien.
Petra Schramek 7 Habdi hat Zahnschmerzen. Eine Ärztin untersucht ihn im Freien.
Engel in Aktion: Helferin Ursula Büch (l.) und Sabrina Maier, die Gründerin der „ZOB Angels“, verteilen Essen und heiße Getränke an die Flüchtlinge.
Petra Schramek 7 Engel in Aktion: Helferin Ursula Büch (l.) und Sabrina Maier, die Gründerin der „ZOB Angels“, verteilen Essen und heiße Getränke an die Flüchtlinge.
Plastikbecher mit Datteln für die Wartenden.
Petra Schramek 7 Plastikbecher mit Datteln für die Wartenden.
Hilfe am Busbahnhof: die ZOB Angels.
Petra Schramek 7 Hilfe am Busbahnhof: die ZOB Angels.

München - Die Straßensperren am Hauptbahnhof sind aufgehoben, die Notzelte des Medizinischen Katastrophendienstes abgebaut. In der alten Schalterhalle sitzt ein Häuflein Helfer an einem Biertisch – und wartet.

Seit dem Oktoberfest haben die Freiwilligen hier deutlich weniger zu tun. Im Schnitt kommen täglich nur noch 100 Flüchtlinge am Hauptbahnhof an, nicht mehr Tausende wie Anfang September. „Die meisten sind schon registriert und auf dem Weg in eine Erstaufnahmeeinrichtung“, sagt Wolfgang Hauner von der Bundespolizei. Ein Shuttlebus bringt die Asylsuchenden dorthin. Alles Routine. „Wir fahren jetzt auf das Maß zurück, das wir vor dem 31. August hatten“, sagt Hauner.

Nur zehn Minuten Fußmarsch entfernt ist die Situation eine völlig andere: Am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) warten die Flüchtlinge, für die München nur eine Durchgangsstation ist. Meist mehrere Stunden, oft die ganze Nacht – im Freien, weil die geschützte Ladenpassage irgendwann geschlossen wird, frierend, bei Temperaturen im unteren einstelligen Bereich. Männer und Frauen, Familien und Teenager, die hier gestrandet sind, weil sie weiterwollen: zu Verwandten in Hamburg oder Berlin, Holland oder Skandinavien. Einige sind mit Fernbussen aus Österreich gekommen, andere mit dem Zug aus Italien, wieder andere aus Unterkünften in Bayern, in denen sie nicht bleiben wollten.

„Frierende Kinder? So etwas kann ich einfach nicht sehen“

„Ich war in einem Zelt in Taufkirchen untergebracht. Da war es so kalt, dass ich es einfach nicht aushalten konnte“, erzählt ein Anwalt aus Syrien, der seinen Namen nicht nennen möchte. „Ich habe Krebs und mein Arzt sagt, dass ich da raus muss, sonst sterbe ich.“ Doch ein Umzug sei unmöglich gewesen. „Da bin ich gegangen.“

Der Jurist will in die Niederlande zu seinem Cousin. „Er hat dasselbe Leiden wie ich, aber dort kümmert man sich um ihn“, sagt er bitter und wärmte seine klammen Finger an einem Becher mit Kaffee.

Das heiße Getränk, die Mütze und der Schal, den der Mann trägt, sind Spenden der „ZOB Angels“, einer privaten Initiative, die jeden Abend ihren Stand am Busbahnhof aufbaut, um Münchens vergessene Flüchtlinge von 18 bis 24 Uhr mit dem Notwendigsten zu versorgen: mit Nahrung, Kleidung, Decken, Schlafsäcken und Isomatten.

„Im Durchschnitt kommen hier pro Nacht 50 bis 100 Flüchtlinge an. Es waren aber auch schon 150 und mehr“, sagt Helferin Ursula Büch (40). Die wenigsten seien der Jahreszeit entsprechend gekleidet. „Es sind regelmäßig Leute in kurzen Hosen und Flipflops dabei.“

Nicht mehr aus dem Kopf geht der Münchnerin der Anblick zweier syrischer Frauen, die mit insgesamt fünf Kindern am ZOB saßen. „Alle waren abgemagert, die Gesichtszüge der Kinder hatten nichts Kindliches mehr. Eine der Frauen hatte ein Baby dabei. Es trug nur eine Windel, ein Longshirt und Stoppersocken und war in eine Decke eingewickelt.“

Die ZOB-Engel alarmierten einen Rettungswagen für das unterkühlte Kind. „So etwas verändert einen“, sagt Ursula Büch. Sabrina Maier (41), vierfache Mama und von Beruf Tagesmutter, ist die Gründerin der Angels. An einem Septembersonntag vor der Wiesn verteilte sie Fladenbrote und Wasser an die Flüchtlinge am Hauptbahnhof und hörte eher zufällig davon, dass am ZOB ebenfalls Hilfe gebraucht werde. „Da habe ich gesehen, wie viele Menschen hier übernachten, teils auf dem blanken Boden.“

Eigentlich sei sie ausgelastet. Sabrina Maier lacht. „Aber Kinder und Schwangere, die frieren? So etwas kann ich nicht sehen.“ Sie organisierte Decken, Schlafsäcke und Isomatten für die Menschen. Sie kochte für sie, brachte Wasser, trommelte Helfer zusammen.

Erst verständigte sich das Team über WhatsApp, dann über eine eigene Facebook-Seite. Heute hat die Gruppe 570 Mitglieder. „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass das alles so riesig wird“, sagt Sabrina Maier.

Mittlerweile kocht die Münchner Volksküche (VoKü) für die Flüchtlinge am Busbahnhof mit. Die Angels dürfen auf die Spendenlager mehrerer Organisationen zugreifen. Montags und mittwochs erhalten sie Unterstützung von einem Team der „Ärzte der Welt“.

Ihr erster Patient ist an diesem Abend Habdi aus Eritrea, der über Hamburg unterwegs ist zu seinem Bruder nach Norwegen. Der Mann presst sich einen geschenkten Schal fest auf die Backe. Er hat Zahnschmerzen. Die Ärztin, die ihn im fahlen Licht der Neonröhren durchcheckt, gibt ihm Novalgin und die Adresse eines Zahnarztes in der Hansestadt.

Die Behandlung findet am Rand des offenen, zugigen Terminals statt. Eine schwangere Syrerin mussten die Ärzte unlängst auf der öffentlichen Toilette untersuchen. Demnächst werden sie den „Zob Angels“ deshalb drei Wohncontainer zur Verfügung stellen.

Habdi ist auch so hoch zufrieden. „Jetzt geht es mir besser“, sagt er. „Die deutsche Medizin war gut. Vielen Dank.“

Auch Sadeq (29) wird rasch zum Angels-Fan. Er sei im Irak Polizist gewesen und habe seine Heimat vor 25 Tagen verlassen müssen, erzählt er. Über Österreich ist er nach München gekommen, jetzt will er weiter. Auch ihn haben die Engel mit Mütze Schal und Handschuhen ausstaffiert, ihn mit Eintopf und Kaffee versorgt. „Ein großartiger Service!“ Sadeq strahlt.

Die Bundespolizei hat im Freistaat allein in der vergangenen Woche 44 700 neue Flüchtlinge registriert. Die meisten werden noch im Grenzgebiet in Sonderzüge gesetzt, die sie in Erstaufnahmeeinrichtungen im gesamten Bundesgebiet bringen.

Dass München nicht häufiger angefahren wird, wundert die Engel. „Wir haben die Strukturen, die Helfer und die Kapazitäten – anders als die kleinen Städte an der Grenze, in denen jetzt Land unter herrscht“, sagt Ursula Büch. „Man könnte dahinter fast eine Taktik vermuten, um die Situation dort eskalieren zu lassen und damit den Unmut gegen Flüchtlinge zu schüren.“ Eine Meinung, die man auch bei den Freiwilligen am Hauptbahnhof hört, die immernoch 4500 potenzielle Helfer in ihrer Datenbank haben.

In München leben derzeit rund 9000 Asylbewerber. Der Stadtrat hat 4000 weitere Plätze beschlossen. Allerdings reicht das nicht, wenn die Prognose zutrifft, dass bis Jahresende mindestens eine Million Asylsuchende in Deutschland erwartet werden. Legt man den Königsteiner Schlüssel zugrunde, müsste München dann insgesamt 15 000 Menschen aufnehmen. Es fehlen also noch Unterkünfte für 2000 Frauen und Männer. Die Suche nach neuen Standorten ist schwer, der Widerstand der Anwohner bisweilen immens.

Trotzdem deutet nichts darauf hin, dass „die Stimmung kippt“. Während Pegida andernorts von der Flüchtlingsdebatte profitiert, standen am Montag in der Altstadt schlappe 250 Rechte über 600 Gegendemonstranten gegenüber. Und ein Wochenende vorher hatten sich 24 000 Menschen zum „Danke“-Konzert auf dem Königsplatz versammelt, um ein Zeichen für Weltoffenheit und Toleranz zu setzen.

„Wenn die Menschen hier sind, muss man ihnen helfen“

Auch die Angels können sich nicht über mangelnde Hilfsbereitschaft beklagen. „Es ist wirklich toll: Wenn sich bei uns eine Lücke auftut, findet sich immer einer, der sie füllt“, sagt Ursula Büch. Ein Post auf der Facebook-Seite – und schon bringt jemand Wärmflaschen, Baby-Nahrung oder Schuhe in Größe 38.

Viele schauen einfach spontan vorbei. So wie der Arzt aus der Nachbarschaft, der jetzt mit einer Tüte voller Schokolade, Keksen und Äpfel am Stand der Frauen auftaucht. Während er seine Spenden überreicht, erklärt er drei Afghanen, wie sie mit ihren Handys ins Internet kommen. Auf Farsi.

Er sei eben viel gereist, sagt er bescheiden. Und obwohl er die aktuelle Entwicklung kritisch sehe und es Zeit sei, sich über eine Bekämpfung der Fluchtursachen Gedanken zu machen, finde auch er: „Wenn die Menschen einmal hier sind, muss man ihnen helfen.“

Wer die „ZOB Angels“ unterstützen möchte, kann sich über deren Facebook-Seite in eine Doodle-Liste eintragen. Gebraucht werden derzeit Schwerlastregale. Seriöse Angebote bitte an: zobangels@gmail.com

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