Zermürbte Klinik-Helden: Münchner Pflegekräfte sind am Ende

Krankenschwestern und Pfleger in München sind am Ende: In der AZ berichten sie vom Alltag am Limit.
| Hüseyin Ince
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Blick in die Intensivstation des Münchner Klinikums Rechts der Isar: Die Menschen hier arbeiten - wie überall - am Anschlag.
Blick in die Intensivstation des Münchner Klinikums Rechts der Isar: Die Menschen hier arbeiten - wie überall - am Anschlag. © Peter Kneffel/dpa

München - Die Verdi-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ingrid Greif (56) wirkt frustriert, wenn sie über den aktuellen Pflegenotstand spricht. Seit fünf Jahren vertritt sie in der Gewerkschaft ihre Kollegen und Kolleginnen der München Klinik. Aber die Versäumnisse reichen deutlich weiter zurück, sagt sie.

Ingrid Greif.
Ingrid Greif. © privat

Die Schieflage, in der sich die Pflege derzeit befinde, sei zu groß, als dass man sie von heute auf morgen wieder zurechtbiegen könne.

Aber allzu negativ will sie nicht sein. "Verbesserungen sind immer und zu jeder Zeit möglich", sagt sie. Ein Beispiel dafür sei die sogenannte München-Zulage, ein pauschaler Zuschuss von 270 Euro monatlich. "Das hat vielen weitergeholfen, vor allem in den unteren Lohnstufen", sagt Greif.

Zwölf Tage Arbeit am Stück sind keine Seltenheit mehr

Die aktuelle Stimmung unter den Kolleginnen und Kollegen sei jedoch richtig schlecht. Gerade während der aktuellen pandemischen Lage mit den höchsten Inzidenzen samt Todesfällen in Deutschland seien Pflegerinnen und Pfleger am Limit. "Ständig müssen Dienstpläne angepasst werden, um alle Intensivpatienten zu versorgen, der Betreuungsschlüssel ist viel zu hoch und sehr viele Mitarbeiter überlegen, in Teilzeit zu gehen", so Greif. Zehn bis zwölf Tage am Stück zu arbeiten, das sei keine Seltenheit.

38,5 Stunden betrage derzeit die Wochenarbeitszeit. "Sie wird aber deutlich überschritten", sagt Greif. Die Kollegen und Kolleginnen gehen deshalb in Teilzeit, "um dann mit den Überstunden auf die offizielle Vollzeit-Stundenzahl von 38,5 zu kommen". Und der Betreuungsschlüssel schwanke derzeit zwischen eins zu 13 und eins zu 30. Ausfallkonzepte? Gebe es einfach nicht.

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In der Nacht kommt eine Pflegekraft auch mal auf 30 Patienten

"In den Nachtstunden ist es nicht unüblich, dass eine Person bis zu 30 Patienten betreut", so Greif. Viele seien zermürbt, gehen daher auch ganz aus dem Job, nach dem Motto: "Ich muss hier raus!", so die Betriebsratsvorsitzende. In Ländern wie Norwegen liege der Schlüssel bei eins zu drei: Eine Pflegekraft versorge dort im Schnitt drei Patienten.

"Die Hütte brennt", warnt Greif. Und die aktuelle Lage sei in etwa so, als ob ein Feuerwehrmann vorbeikomme und sage, man müsse jetzt erst einmal über den Brandschutz sprechen, "statt sofort zu löschen", sagt sie. "Runde Tische, ovale Tische, eckige Tische... und nichts passiert. Wir bewegen uns sehenden Auges in den maximalen Notstand in den Kliniken", sagt die Gewerkschaftsfrau.

Der Personalmangel lasse sich nicht sofort beheben, vor allem nicht in einer Stadt wie München, wo die Mieten einen Großteil der Einkommen auffressen. Etwa 25 Prozent mehr Arbeitskräfte brauche man schon jetzt. "Doch eine Lohnerhöhung um zwei Stufen ist durchaus ein Anreiz, um den anstrengenden Job anzugehen", sagt Greif. Das sei eine machbare Sofortmaßnahme.

Die langfristige Privatisierung des Gesundheitssektors halte sie für völlig falsch. Das Ergebnis sei, dass in einer Extremlage wie der Pandemie "die Münchner Privatkliniken von dem Virus profitiert haben. Sie nahmen keine Covid-Patienten auf, aber boten dafür Operationen an, die die städtischen Kliniken wegen der Pandemie vorübergehend nicht durchführen können", so Greif. Zum Glück habe sich das kürzlich gebessert.


"Vorherrschend ist Frustration"

Benjamin Schmidt.
Benjamin Schmidt. © privat

Benjamin Schmidt, Anästhesie-technischer Assistent im Klinikum Harlaching:

Im September war die Bundestagswahl und ich hatte eine gewisse Hoffnung, dass man sich auch mit dem Gesundheitswesen und den Prognosen der Wissenschaft für den Winter auseinandersetzt. Weit gefehlt, es erinnert mehr an Banksys "Under The Carpet Maid".

Die Frustration bei uns ist enorm. Überall fehlt Personal, OPs werden eingeschränkt, weil alle Intensivbetten voll sind, andauernd sind Kollegen krank – und eine Verbesserung der Situation ist nicht in Sicht. Wir als Personal bekommen jetzt die Rechnung für eine Politik, die unbedingt ihren "Freedom Day" feiern wollte. Anerkennung gibt es für die Kolleginnen und Kollegen der Unikliniken dagegen aktuell in Form einer "Lohnerhöhung" unter der Inflationsrate und einer Einmalzahlung von 1.300 Euro.

Das zeigt mir, dass noch lange nicht verstanden wurde, wie akut die momentane Situation ist. Es gibt einfach einen akuten Unwillen, etwas Substanzielles für die Pflege zutun, das es ermöglichen würde, dass wenigstens in Zukunft wieder mehr Personal ausgebildet werden kann, das auch langfristig im Beruf bleiben will.

"Wir sind ausgelaugt und frustriert"

Traumhaft war die Lage vor Corona allerdings auch nicht gerade. Seit der Einführung der Fallpauschalen wird immer und immer wieder am Personal und damit in letzter Konsequenz an der Qualität der Versorgung gespart. Aber gerade bei den schweren Covid-Verläufen oder Notfall-OPs mitten in der Nacht braucht man ausgeruhtes Personal mit kühlem Kopf und ruhiger Hand. Das sind wir aber nicht. Wir sind ausgelaugt und frustriert und kämpfen uns manchmal nur noch von Dienst zu Dienst. "Neben" der Arbeit sind wir ja eigentlich auch Menschen mit Familien, Hobbys und Träumen – aber wenn ich an diesen Winter denke, sehe ich eher einen Albtraum.

Für Intensivstationen gibt es zum Beispiel gesetzliche Personaluntergrenzen, die immer wieder durch Zwangsbelegungen unterschritten werden. Denn: Wenn es in allen Häusern brennt, kann man ja trotzdem niemanden wegschicken, der dann am Ende verblutet oder septisch wird.

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Das Nachdenken über einen "Pflexit"

Unter einer Zwangsbelegung versteht man, dass ein Notfall trotzdem in die Klinik geliefert und aufgenommen wird, obwohl das Haus angegeben hat, keine freien Betten oder kein Personal mehr dafür zu haben. Ich höre, lese und erlebe es immer häufiger, dass der Rettungsdienst oder Notärzte mehrere Kliniken anfahren müssen, um ihre Patienten unterbringen zu können. In Kombination mit den hohen Inzidenzen und den drohenden Hospitalisierungen fällt es mir schwer, an ein Weihnachtswunder zu glauben.

Trotz alldem bin ich gerne in meinem Beruf und vor allem in meinem Team. Aber trotzdem denke ich öfter über einen Wechsel in die deutlich lukrativere Zeitarbeit oder einen "Pflexit" nach. Denn die Situation wird ja nicht besser werden. Und spätestens, wenn die Baby-Boomer-Jahrgänge in Rente gehen, frage ich mich sowieso, mit welchem Personal man eine qualitative Grundversorgung für das zweitälteste Land der Welt aufrechterhalten will.

Protokoll: Laura Meschede


"Es ist noch schlimmer geworden"

Anna Berger (18), Auszubildende im Klinikum Starnberg:

Gerade in letzter Zeit haben wir immer wieder Patienten, die eigentlich in einer psychiatrischen Einrichtung besser aufgehoben wären. Kürzlich beispielsweise ist eine Frau vom einen Tag auf den anderen vollkommen durchgedreht und hat gedroht, aus dem Fenster zu springen. Darauf sind wir nicht ausgelegt, und trotzdem müssen wir irgendwie damit umgehen.

Sicher liegt das auch an der Isolation. Die schlägt den Leuten auf die Psyche. Wenn Leute in der Kontaktisolation sind, also wenn sie Kontakt zu Infizierten hatten oder mit Infizierten in einem Zimmer gelegen sind, dann bekommen sie ein Einzelzimmer. In dem können sie keinen Besuch bekommen, nicht einmal von Angehörigen. Und sie sind auch sonst komplett alleine, die einzigen Leute, die sie sehen, sind die Pfleger von der Station. Aber wir haben auch keine Zeit, uns mehr als zwei Minuten mit ihnen zu unterhalten. Das war schon vor Corona ein Problem und jetzt ist es noch schlimmer geworden. Einfach mal ein paar Minuten nur dasitzen und reden und die Leute unterstützen, indem man für sie da ist – das wäre so wichtig, aber wir haben keine Möglichkeit dazu.

Schutzausrüstung sorgt für Anstrengung auf der Station

Insgesamt ist das Arbeiten auf der Corona-Station viel anstrengender als auf anderen Stationen. Das liegt vor allem an der Schutzausrüstung. Wir tragen spezielle Masken, die sehr eng auf dem Gesicht anliegen und deshalb besonders dicht sind. Denn die normalen FFP2-Masken, die jetzt alle in den U-Bahnen tragen, sind an den Seiten oft nicht ganz abgeschlossen. Und das darf auf der Corona-Station nicht passieren. Durch diese speziellen Masken zu atmen ist schon heavy.

Und damit müssen wir ja wahnsinnig anstrengende Sachen tun. Patienten umbetten beispielsweise. Wenn man das mit den Masken und in den speziellen Anzügen macht, dann ist das wirklich hart. Obendrein schwitzt man dabei, das macht es auch nicht angenehmer.

Trotzdem wäre das alles nicht so schlimm, wenn wir uns regelmäßig abwechseln könnten. Aber momentan haben wir einfach nicht genug Pflegekräfte, um es hinzubekommen, dass wir nicht viel zu lang in diesen Anzügen drinstecken.

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"Die Probleme werden mit Corona nicht verschwinden"

Und von den Leuten, die wir haben, sind immer einige krank. Das führt dann dazu, dass Kollegen einspringen müssen. Manchmal schließt dann so eine Nachtschicht einfach direkt an die Frühschicht an und am Ende haben die Leute zwei Schichten durchgearbeitet.

Was fehlt, ist Personal. Und das liegt letzten Endes an den Arbeitsbedingungen. Diese ganzen Corona-Boni sind auch schön und gut, aber so viel, wie ich arbeiten muss, habe ich eh keine Zeit, das Geld auszugeben. Und auch wenn ich hoffe, dass das Impfen jetzt schnell vorangeht: Die Probleme werden mit Corona nicht verschwinden. Das ist klar.

Protokoll: Laura Meschede

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