Wohnungen an der Oly-Parkharfe? Eine Schnapsidee!

Über den Olympiapark wird wieder diskutiert: Sollte die Stadt hier neue günstige Wohnungen bauen? Zum Beispiel an der Parkharfe? Das denkt der Architekt Stefan Behnisch darüber.
| Nina Job
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Interview mit Stefan Behnisch. Der 63-Jährige ist der Sohn von Olympiapark-Erbauer Günter Behnisch und ebenfalls Architekt. Er hat Büros in München, Stuttgart, Boston und Los Angeles und mehr als 100 Mitarbeiter.
Christoph Soeder Interview mit Stefan Behnisch. Der 63-Jährige ist der Sohn von Olympiapark-Erbauer Günter Behnisch und ebenfalls Architekt. Er hat Büros in München, Stuttgart, Boston und Los Angeles und mehr als 100 Mitarbeiter.

München - Günstiger Wohnraum und freie Flächen für Wohnungsbau sind ein knappes Gut in München. Gleichzeitig gibt es Flächen in der Stadt, die nur wenig genutzt werden – wie der riesige Parkplatz zwischen Mittlerem Ring und Olympiastadion.

Die sogenannte Parkharfe auf dem Olympiagelände steht meistens leer. In der AZ schlug Urbanaut Benjamin David vor, dort städtische Wohnungen zu bauen. Auch in der CSU gab es schon derartige Überlegungen. Darüber sprach die AZ mit Architekt Stefan Behnisch. Der Sohn von Olympiapark-Erbauer Günter Behnisch († 2010) ist Inhaber der Urheberrechte.

Interview mit Stefan Behnisch. Der 63-Jährige ist der Sohn von Olympiapark-Erbauer Günter Behnisch und ebenfalls Architekt. Er hat Büros in München, Stuttgart, Boston und Los Angeles und mehr als 100 Mitarbeiter.
Interview mit Stefan Behnisch. Der 63-Jährige ist der Sohn von Olympiapark-Erbauer Günter Behnisch und ebenfalls Architekt. Er hat Büros in München, Stuttgart, Boston und Los Angeles und mehr als 100 Mitarbeiter. © Christoph Soeder

AZ: Herr Behnisch, entsetzt Sie die Vorstellung, die Parkharfe im Olympiapark könnte bebaut werden?
STEFAN BEHNISCH: Zuerst einmal ist es eine gute Idee, dass die Stadt mit Wohnungsbau nachverdichtet werden soll. Aber ob das gerade dieses Grundstück sein muss, ist eine andere Frage. Es gibt mehrere Aspekte zu berücksichtigen: Zum einen will die Stadt den Olympiapark ja für das Weltkulturerbe einreichen. Das ganze Ensemble inklusive dieser Parkharfe steht unter Denkmalschutz.

Dann ist der Olympiapark – jenseits seiner architektonischen Bedeutung – auch Naherholungsgebiet, er ist ein Bürgerpark. Aber solche Überlegungen dürfen nicht nur auf der Denkmalschutz-, Urheberrechts- oder architektonischen Ebene betrachtet werden. Zuerst einmal ist es eine politische Entscheidung. Welchen Stellenwert messen die Stadt München oder der Freistaat Bayern diesem Ensemble bei?

Wäre es denn ein Verlust, wenn der Parkplatz verschwände?
Wenn auf der Parkharfe Wohnungsbau entstehen würde, würde das Ensemble an Qualität verlieren, das ist gar keine Frage. Andererseits sind so große Parkplätze eigentlich unsinnig, wenn sie nicht richtig genutzt werden. Aber ich glaube, dass dieses Ensemble für die Stadt München eine große Bedeutung hat, sonst würde sie nicht den Weg des Weltkulturerbes gehen. So wahnsinnig viele Bauten aus der jüngeren Geschichte in dieser Qualität hat München ja nicht.

Sicher ist die Hypovereinsbank von Bedeutung, das BMW-Hochhaus und einige Prunkgebäude, aber die meisten Gebäude stammen aus einer anderen historischen Epoche – die alten Kirchen, die Feldherrnhalle, das Siegestor und so. Also, ich sehe keinen Politiker in München, der sich freiwillig die Blöße geben und sagen würde: Ok, wir reißen diese Bauten ab. Das traut sich keiner!

"Man muss ja auch immer klären, ob ein Ort der richtige ist"

Können Sie sich grundsätzlich eine neue Architektur vorstellen, die sich dort eingliedern würde? Die Häuser müssten ja nicht hoch sein?
Ich glaube nein. Der Olympiapark ist ja ein landschaftliches Element. Lassen wir mal außen vor, dass dort ein Parkplatz ist. Der Olympiapark ist damals entwickelt und entworfen worden als eine Symbiose von Bauwerk und Landschaft. Wenn man dort jetzt plötzlich 20 Prozent der Landschaft wegnimmt, stimmt es nicht mehr. Wenn man das ganze Ensemble betrachtet, ist es schwer verträglich, zu viel Fläche wegzunehmen. Es gäbe geeignetere Flächen.

Wo zum Beispiel?
In Richtung Schwere-Reiter-Straße, wo Väterchen Timofei seine Kirche hatte, gibt es außerhalb des Ensembles Flächen, die unbebaut und ungenutzt sind. Aber selbst die braucht der Park wie die Luft zum Atmen. Wo früher das Radstadion stand, wird ja jetzt die neue Red-Bull- oder SAP-Arena gebaut. Meiner Meinung nach ist sie in Ordnung. Allerdings hätte ich mir gewünscht, sie wäre 20 Prozent kleiner. Sie drückt von der Dachauer Straße ein Stückchen rein. Daneben ist das Fraunhofer Institut. Dort, von der Infanteriestraße her, wäre eher Platz, wenn die Stadt nachverdichten will. Es wäre sinnvoller, wenn sie sich vorsichtig herantasten würde, anstatt zu sagen: Jetzt pflanzen wir da mal so ein autistisches Ding in Insellage hin. Man muss ja auch immer klären, ob ein Ort der richtige ist. Wohnungsbau im Dreieck zwischen Dachauer Straße und Mittlerem Ring?

Wäre es der richtige Ort?
Ich glaube nicht! Wenn man dort etwas bauen würde, wäre es vielleicht der richtige Ort für eine Tankstelle oder einen Gewerbebau, aber sicher nicht für Wohnungsbau – denn der sollte anschließen an andere Wohnungsbauten. Es gibt dort auch keinerlei Infrastruktur und noch nicht mal eine richtige Abfahrt vom Ring. Und als drittes: Auch als Verwalter der Urheberrechte meines Vaters, fände ich es nicht richtig. Denn die Entwurfsidee und die Qualität des Ensembles, die landschaftlich-bauliche Symbiose, würde zerstört. Doch das ist erst der dritte Aspekt.

"Die Parkharfe ist Teil der Identität des Olympiaparks"

Aber verstehe ich Sie richtig, dass Sie nicht grundsätzlich dagegen sind, wenn im Olympiapark Wohnungen gebaut würden?
Es wäre schon schade. Es gäbe schon Areale – aber keinesfalls innerhalb des geschützten Bereichs – wenn man wirklich in Not wäre. Die Parkharfe gehört allerdings nicht dazu, sie ist Teil der Identität des Olympiaparks. Wenn dort oder an anderen Stellen im Park gebaut würde, blieben nur noch Reste übrig. Ich verstehe, dass man denkt: Die Parkharfe ist doch Blödsinn, sie ist fast immer leer. Aber man muss das als Gesamtbild betrachten. Ich würde mich aber nicht querlegen, wenn die Politiker sagen würden, dass die Wohnungsnot in München so groß ist und wir Grundstücke finden müssen. Allerdings sollten wir zuerst schauen, wo wir noch etwas ausschöpfen können. Wir könnten fragen: Brauchen wir wirklich noch eine zusätzliche Halle? Ich glaube nicht.

Wo könnten Sie sich im oder am Olympiapark noch neue Wohnungen vorstellen?
Auch nördlich des Parks im Gebiet Knorr-Bremse könnte man wunderbar nachverdichten. Ob das auch unter Denkmalschutz stehen soll oder nicht, ist eine politisch-kulturelle Entscheidung, keine des Architekten. Bei massiven Eingriffen würde ich mich als Sachwalter der Urheberrechte wehren. Aber man darf ja nicht vergessen, dass bereits massiv eingegriffen wurde. Auch im Nymphenburger Schlosspark oder im Luitpoldpark könnten 20.000 Menschen leben, aber da würde jeder sagen: Du tickst nicht richtig!

Nur beim Olympiapark denken viele, er könnte irgendwie zur Verfügung stehen. Das halte ich für falsch. Er ist ein Kind seiner Zeit. Es gibt viele Parks in München, der Olympiapark ist einzigartig. Er ist Teil unserer Kulturgeschichte. Und noch ein ganz anderer Aspekt spricht gegen Wohnungsbau auf der Parkharfe: Wenn ich unbedingt neben der Autobahn wohnen will, kann ich auch Gräfelfing nachverdichten. Also zusammengefasst glaube ich: Es ist eine Schnapsidee! Es spricht zu viel dagegen.

Denken Sie, Ihr Vater hätte es auch so gesehen?
Ja. Ich nehme an, dass er es ähnlich gesehen hätte.

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