WM im Morgengrauen: Zu Besuch beim frühesten Public Viewing Münchens

Das erste Tor für Österreich fällt in der 20. Minute.
"Jaaaaaaaaa", brüllt eine Gruppe von vier Männern, springt auf und stimmt zum Fangesang an: "Immer wieeeeder, immer wieeeeder, immer wieder Österreich!" Der Rest der Zuschauer klatscht verhalten. Ein Mann zieht sein Handy hervor. "Papa, wir hams!", ruft er fröhlich ins Telefon.
Um 6 Uhr morgens haben sich rund ein Dutzend Menschen auf dem Parkplatz des Backstage zum Public Viewing versammelt: Jordanien gegen Österreich. Es ist das erste WM-Spiel unseres Nachbarlandes seit 1998.
Erstes WM-Tor seit 28 Jahren
Einer, der sich ganz besonders über die Rückkehr seines Heimatlandes auf die große Fußballbühne freut, ist Josef. Gerade hat er seinen Vater angerufen, um gemeinsam über Österreichs erstes WM-Tor seit 28 Jahren zu jubeln. Die Leidenschaft für Fußball teilen die beiden seit Jahren.
Der 37-Jährige kommt aus Spittal an der Drau in Kärnten, im Süden Österreichs. Seit einigen Jahren arbeitet er in München. Zu Hause wollte er das Spiel nicht schauen. "Da schlaf ich eher ein", sagt er. Also verabredete er sich mit einem Freund im Backstage.
"Ich steh zwar immer um sechs Uhr auf, aber um die Uhrzeit hier zu sein ist schon hart", sagt Josef. "Meine Frau hat gesagt, dass ich nen Vogel hab, mir das Spiel so früh anzuschauen", sagt er und lacht. Er spricht mit diesem unverkennbaren österreichischen Akzent, zieht die Vokale lang und spricht typisch nasal. "Ich hab richtig schlecht geschlafen, so sehr hab ich mich auf heute gefreut." Dann schiebt er hinterher: "Ich würd' aber auch um vier kommen."

Public Viewing rund um die Uhr
Das Backstage ist einer der wenigen Orte in München, der alle WM-Spiele zu jeder Uhrzeit zeigt. Auf einem Parkplatz stehen Gartenmöbel und Liegestühle zwischen Pflanzenkübeln. Bienen summen um rote Mohnblüten. Ein paar gräuliche Wolken bedecken den Himmel, die Kühle der Nacht hängt noch in der Luft.
Eine durchsichtige Plane schützt den Bildschirm vor Regen. In der letzten Reihe stehen ein paar Stehtische und ein Getränkeautomat. Augustiner Hell gibt es für 4,50 Euro, auch alkoholfrei. Wasser und Softdrinks kosten 3,50 Euro.
In der ersten Trinkpause holt sich eine Männergruppe ein Bier – eine Runde haben sie bereits getrunken. Zwei junge Männer in Hoodies setzen sich mit Bäckertüten und Thermoskanne an einen freien Tisch. Ein Mann döst im Liegestuhl, ein anderer reibt sich die Augen. Es ist halb sieben.

"Mit Kaffee wär's besser gewesen"
Wolfram (49), Christian (49) und Robert (50) sitzen nebeneinander auf einer Gartenbank. Auf dem Tisch vor ihnen liegen eine Bäckertüte und Kaffeebecher. Gerade haben auch sie sich ein alkoholfreies Bier geholt, Wolfram ein normales. Er trägt ein Österreich-Trikot.
"Ich bin in München geboren, hab aber Wurzeln in Salzburg und der Steiermark", sagt er. Christian und Robert begleiten ihn zur Unterstützung. "Im Backstage ist es am besten, um Fußball zu schauen", sagt Christian. "Wenns Kaffee gegeben hätte, wär's natürlich noch besser gewesen."
Ob es ungewohnt sei, so früh Fußball zu schauen? "In unserem Alter ist man eh schon früh wach", witzelt Wolfram. Dass Österreich nach 26 Jahren wieder bei einer WM dabei ist, freut ihn "selbstverständlich". Er hält die Arme verschränkt vor der Brust. Die drei Tippen auf 2:1 für Österreich. Wolfram korrigiert: "Na komm, 3:0" und lacht.

Auch Jordanien wird angefeuert
An diesem Morgen hat allerdings nicht nur die österreichische Diaspora im Backstage zusammengefunden. Zaid (21) und Ayham (21) feuern Jordanien an, das erstmals bei einer WM dabei ist.
Die beiden sitzen im überdachten Biergarten wenige Schritte vom Parkplatz entfernt. Auch dort läuft das Spiel auf einer Leinwand. Ihre Liegestühle haben sie direkt davor auf die Bühne gestellt. "Wir wollten ein bisschen Ruhe haben", sagt Zaid.
Die Bierbankreihen sind leer, der Bereich wirkt wie eine dunkle Höhle. Durch die halbtransparente Decke fällt etwas Tageslicht.

"Es ist total cool, ein Spiel so früh zu gucken", sagt Ayham. Die beiden waren die ganze Nacht wach und sind direkt ins Backstage gekommen. Sie wohnen in der Nähe und verfolgen dort regelmäßig Fußballspiele. Auch das Deutschland-Spiel haben sie hier gesehen. "Da kommt richtig Stadionatmosphäre auf", sagt Ayham.
Zaid findet Jordaniens WM-Teilnahme "aufregend". "Früher war Jordanien nicht gut, sie haben gespielt wie eine Schulklasse", sagt er. "Das Team hat eine große Entwicklung hinter sich. Ich bin sehr stolz".
Auf einem der Biertische liegt eine jordanische Flagge. Zaid spannt sie zwischen seinen Armen auf und präsentiert sie stolz.
Nicht nur Männer
Der Männeranteil ist an diesem Mittwochmorgen hoch. Unter den rund 20 Zuschauern sitzen aber auch drei Frauen: die Studentinnen Kayla (24), Thesi (26) und Anna (28). Spontan haben sie in der Uni beschlossen, gemeinsam das Spiel zu schauen. Mit Snacks haben sie es sich auf Liegestühlen in der ersten Reihe bequem gemacht.
"Ich schaue sonst nur normalen Fußball, keinen Männerfußball", sagt Thesi und lacht. Sie kommt aus Wien und studiert in München.
"Ich find's toll, so früh am Morgen Fußball zu schauen", sagt Kayla. Sie bezeichnet sich selbst als fußballbegeisterte Frühaufsteherin und kommt regelmäßig zum Fußballschauen ins Backstage.
Auch Thesi findet die Uhrzeit reizvoll. "Das ist eine lustige Möglichkeit", sagt sie. Sonst sei sie gar nicht so patriotisch. "Ich hätte nicht erwartet, dass um die Uhrzeit so viele Leute da sind." Die drei tippen auf ein 2:0 für Österreich. In diesem Moment trifft Jordanien.

Von weiter hinten dringt gedämpfter, fast gebrüllter Jubel. Er kommt aus einer Kabine im hinteren Teil des Public-Viewing-Geländes, die neben dem Bier-Automaten steht. Durch einen Vorhang gelangt man ins Innere. Die lederbezogenen Sitzbänke und die Leinwand in dem kleinen, dunklen Raum erinnern an ein Kino. In der letzten Reihe sitzt Toni.
Der 33-Jährige hat hier bereits das Spiel Argentinien gegen Algerien um 3 Uhr morgens verfolgt. Weil er ohnehin frei hat, bleibt er einfach sitzen und schaut auch Österreich gegen Jordanien. "Für Jordanien hab ich aus Spaß gejubelt – weil da draußen so viele Österreicher sitzen", sagt er und grinst.

Vor der Kabine sitzt Kaedi (46) in DHL-Uniform. Seine Schicht in der Pakethalle neben dem Backstage beginnt um 8 Uhr. Meist komme er früher, um dem Stau zu entgehen. Eigentlich wollte er das Spiel im Auto schauen. Dann entdeckte er das Public Viewing und setzte sich dazu.
"Ich bin für Österreich", sagt er. Überhaupt wolle er möglichst alle WM-Spiele sehen.

Sieg für Österreich
Mittlerweile scheint die Sonne auf den Parkplatz und spiegelt sich in der Plane vor dem Bildschirm. Kurz vor acht steht es 2:1 für Österreich. Zehn Minuten Nachspielzeit bleiben. Die Zuschauer starren gebannt auf den Bildschirm. Dann pfeift der Schiedsrichter Elfmeter für Österreich. Josef zieht sein Handy aus der Hosentasche und richtet die Kamera auf sein Gesicht.
Der Spieler Marko Arnautovic trifft, die Gruppe grölt "Toooor" und fällt sich in die Arme. Josef filmt mit. Wieder schallt es über den Parkplatz: "Immer wieeeeder, immer wieeeeder, immer wieder Österreich!"

Danach geht Josef zum Automaten und kauft sich ein Radler."Ich hab gesagt: Wenn wir ein drittes Tor schießen, dann hol ich mir eins", sagt er und lächelt. "Ich bin mega erleichtert. Man träumt immer davon, dass es klappt. Ich freu mich, gleich mit meinem Papa zu telefonieren."
Zurück bei seiner Gruppe stößt er an. In der Morgensonne trinken sie ihr Bier. Seinen ersten Zoom-Call hat Josef erst um 9.30 Uhr. Ein bisschen Zeit zum Feiern bleibt also noch. Das erste WM-Spiel Österreichs seit 28 Jahren gibt es schließlich nicht alle Tage.