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Wirbel um Reiters FC-Bayern-Job: Was der OB am Nachmittag dann doch zugibt

Dieter Reiters Job im Aufsichtsrat beim FC Bayern im Stadtrat. Für Reiter entwickelt sich ein rabenschwarzer Tag. Morgens weist er alles von sich – er sei ja noch gar kein Mitglied. Nachmittags werden die Belege erdrückend und er bestätigt, schon gewählt zu sein.
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Felix Müller
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Dieter Reiter begleitet Harry Kane bei der Meisterfeier ins Rathaus: Der OB ist bekennender Fan des FC Bayern. (Archivbild)
Dieter Reiter begleitet Harry Kane bei der Meisterfeier ins Rathaus: Der OB ist bekennender Fan des FC Bayern. (Archivbild) © IMAGO/kolbert-press/Ulrich Gamel

Es gibt viele offene Fragen an diesem denkwürdigen Polit-Mittwoch. Die erste zumindest beantwortet sich schon um kurz vor halb neun in der Früh. Da gleitet eine schwarze Limousine mit aufgeschraubtem Blaulicht durchs Schlachthofviertel in Richtung Innenstadt. Es ist der Dienstwagen von OB Dieter Reiter (SPD), offenbar ist er auf dem Weg ins Rathaus.
In den Tagen zuvor hatten immer wieder Stadträte gemutmaßt, er könnte der Sitzung, in der es um seinen Aufsichtsratsposten beim FC Bayern gehen soll, ganz fernbleiben. Doch nun ist klar: Er kommt.

Und Fragen gibt es viele. Hätte OB Dieter Reiter den Stadtrat damit befassen müssen, dass er einen Sitz im Aufsichtsrat des FC Bayern angenommen hat? Besteht womöglich ein Interessenskonflikt? Und wie hoch sind seine Nebeneinkünfte in diesem Amt?

Doch wie die AZ in den vergangenen Tagen groß berichtet hatte, wären ohne Stadtrats-Zustimmung nur 10.000 Euro im Jahr erlaubt – und immer mehr sprach dafür, dass Reiter da Regeln nicht eingehalten haben könnte. Reiters Büro beantwortete konkrete Fragen nicht. Reiter selbst hatte im BR argumentiert, er sehe keinen Interessenskonflikt, er nehme das Amt als Privatmann wahr. Zu den Bezügen als Aufsichtsrat gibt es gesicherte Werte: 2022 erhielt der ehemalige Audi-Chef Markus Duesmann zum Beispiel 99.860 Euro, also viel mehr als für einen Oberbürgermeister genehmigungsfrei erlaubt.

Jetzt wird das Ganze erst nach der Kommunalwahl Thema im Stadtrat

Die vielen offenen Fragen haben Die Linke und die ÖDP dazu gebracht, der Sache auf den Grund zu gehen. Sie stellten mehrere Dringlichkeitsanträge, um am Mittwoch all diese Fragen klären. Doch nicht nur die Rechtsabteilung des Rathauses, auch eine Mehrheit des Stadtrats sieht keinen Anlass für eine Behandlung.

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Nur die Grünen mit Volt und Rosa Liste, ÖDP und München-Liste, Die Linke und Die Partei sowie die AfD stimmen dafür, über die Anträge zu diskutieren. Das reicht nicht für eine Mehrheit, also wird das Ganze erst nach der Kommunalwahl Thema im Stadtrat.

Dieter Reiter: "Ich kann nicht sagen, wie hoch die Vergütung ist"

Reiters Argumentation – zumindest noch am Morgen: Er habe die Rechtsabteilung bereits gebeten, offene Fragen zu klären. "Dafür sind noch Informationen bei der AG einzuholen", sagt er. Noch seien "nicht mal die Hälfte" der Unterlagen beisammen. Und: "Ich kann nicht sagen, wie hoch die Vergütung ist. Das war nicht meine erste Frage." In erster Linie sei er "froh und stolz beim größten Sportverein der Welt einen solchen Posten" angetragen zu bekommen.

Und Reiter betont auch: Er sei derzeit nicht im Handelsregister eingetragen. "Ich habe in der Sitzung als Gast dabei sein dürfen. Für die erste Sitzung ist keine Vergütung geflossen."

Linken-Chef Stefan Jagel ist überzeugt, dass das so nicht stimmt. Er präsentiert in der Sitzung ein Dokument, das die Überschrift "Liste des Aufsichtsrats" trägt – und auf dem auch Dieter Reiters Name steht. Datiert ist das Dokument auf den 23. Februar, der Vorstand des FC Bayern hat es unterschrieben. Der AZ liegt das Dokument vor.

Dokument zeigt: Reiters Name in einer Reihe mit den anderen Aufsichtsratsmitgliedern

Reiter sagt, es habe sich lediglich um eine Liste der Teilnehmer der ersten Sitzung gehandelt – an der er ja, wie er zuvor sagte, nur als Gast teilgenommen haben soll.

Allerdings: Eine Bekanntmachung auf dem Registerportal verrät, dass dem Amtsgericht München eine neue Liste der Aufsichtsratsmitglieder übermittelt wurde. Dabei handelt es sich, wie das Münchner Amtsgericht der AZ am Mittag bestätigt, genau um diese Liste, auf der auch Reiters Name steht – in einer Reihe mit den acht anderen Aufsichtsratsmitgliedern.

CSU: "Natürlich hätten wir vor der Wahl ein Bohei machen können"

Laut Satzung des FC Bayern müssen alle Mitglieder des Aufsichtsrats von der Hauptversammlung gewählt werden. Eine erneute Anfrage der AZ, ob Dieter Reiter bereits Aufsichtsratsmitglied lässt der FC Bayern unbeantwortet.

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SPD, CSU mit Freien Wählern, FDP und Bayernpartei erwirken mit ihrer Mehrheit, die Debatte in die nächste Sitzung zu vertagen. CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl erklärt sein Abstimmungsverhalten damit, dass der Stadtrat noch kaum etwas Offizielles wisse. "Natürlich hätte man vier Tage vor der Wahl ein großes Bohei machen können", sagt Pretzl. Allerdings sitze man nächste Woche wieder zusammen. "Ich glaube, dass eine Auseinandersetzung auf Basis von Mutmaßungen nur Parteien nützt, die wir hier alle nicht in größerer Stärke haben wollen."

Die FDPlerin Gabriele Neff argumentiert ähnlich. Und SPD-Chefin Anne Hübner bedankt sich gar bei Manuel Pretzl für sein Verhalten. Die Grünen äußern sich in dieser Sitzung gar nicht.

"Wir werden dann eine schöne Vorlage basteln", beendet Reiter salopp die Diskussion. "Basteln hat eine schräge Konnotation in diesem Zusammenhang", ruft der CSUler Alexander Reissl dazwischen.

ÖDP: "Er hat heute alle belogen"

Auch ÖDP-Chef Tobias Ruff kritisiert Reiters Verhalten. Er hätte, sagt er in der Sitzung, "tagelang Zeit gehabt, dieses Thema vom Tisch zu räumen" und den "Stadtrat ernst zu nehmen". Passiert sei jedoch genau das Gegenteil. Per Mitteilung schreibt Ruff nach der Sitzung noch: "Wird der Sonnenkönig jetzt zum Pinocchio?" Und: "Er hat heute alle belogen und behauptet, er sei nur als Gast bei der Aufsichtsratssitzung der FC Bayern AG dabei gewesen."

Doch der FC Bayern hat ihn beim Amtsgericht bereits als Aufsichtsratsmitglied benannt. Es seien also längst Tatsachen geschaffen worden – und zwar bevor der Stadtrat darüber entscheiden konnte. Linken-Chef Jagel erinnert daran: "Jeder Müllmann muss 50 Euro zu Weihnachten angeben. Das kann doch niemand nachvollziehen, warum das für einen Oberbürgermeister nicht gelten soll."

Reiter-Statement: "Den Vorwurf der Lüge weise ich aufs Schärfste zurück!"

Und dann, am Nachmittag der große Wumms: Der FC Bayern, der Tage zuvor eine entsprechende Anfrage unbeantwortet gelassen hatte, antwortet auf eine erneute Nachfrage der AZ: "Der Vorsitzende des Verwaltungsbeirates ist ein geborenes Mitglied des Aufsichtsrates, das von der Hauptversammlung der FC Bayern München AG bestätigt wird. Dieter Reiter ist von der Hauptversammlung der FC Bayern München AG als Mitglied des Aufsichtsrates bestätigt worden und hat an einer Aufsichtsratssitzung der FC Bayern München AG am 23. Februar 2026 teilgenommen."

Dieter Reiter (SPD) ist seit 2014 Oberbürgermeister von München.
Dieter Reiter (SPD) ist seit 2014 Oberbürgermeister von München. © Daniel von Loeper

Rumms! Zwei Minuten später versendet das Büro des Oberbürgermeisters eine Mail. Der Druck auf Reiter ist offenbar zu groß geworden, zu klar, dass er – anders als behauptet – doch schon im Aufsichtsrat ist. Über seine Pressestelle lässt Reiter ein Statement verschicken: "Den Vorwurf der Lüge weise ich aufs Schärfste zurück!", steht da dick gefettet.

Reiter: "Ich bedaure, dass mir der aktuellste Stand zu Beginn der Vollversammlung nicht vorlag"

Nur gibt Reiter in den Zeilen, die dann folgen, doch zu, bereits Mitglied des Aufsichtsrats zu sein. "Ich habe vom FC Bayern gestern die Auskunft erhalten, dass das Protokoll der Hauptversammlung zu meiner Wahl als Aufsichtsratsmitglied noch nicht beim Registergericht eingereicht wurde", heißt es in dem Statement.

Er wurde also bereits in den Aufsichtsrat gewählt – bevor der Stadtrat damit befasst wurde. Und ganz anders, als wenn im Stadtrat salopp erklärt wird, man hätte doch nur als Gast an einer Sitzung teilgenommen. Allerdings: Er, Reiter, habe erst am Mittwochvormittag seitens des FC Bayern erfahren, dass das zuständige Notariat die neue Aufsichtsratsliste veröffentlicht hat. "Ich bedaure, dass mir der aktuellste Stand zu Beginn der Vollversammlung nicht vorlag", so Reiter weiter. "Vorwürfe, ich hätte wissentlich die Unwahrheit gesagt, weise ich deshalb mit aller Schärfe zurück!"

Sollte für diese erste Sitzung eine Vergütung bezahlt werden, werde er diese selbstverständlich nicht annehmen, versichert Reiter. Vor der nächsten Sitzung werde er den Stadtrat im Detail damit befassen. Allerdings folgt die Debatte dazu in Wochen – also erst nach der Kommunalwahl.

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  • Wolff vor 2 Stunden / Bewertung:

    Offenbar ist Herr Reiter schon so senil, dass er nicht mehr mitkriegt, was um ihn herum vorgeht.

    Und ein Politiker, der ein Amt als "Privatmann" ausübt, ist ja nun wirklich der allergrößte Witz. Da hat er wohl ein Buch mit den schlechtesten Ausreden aller Zeiten zu Rate gezogen...

    Aber ganz natürlich interessiert es Herrn Reiter auch nicht, ob er ein angebotenes Amt überhaupt ausüben darf. Wer muss sich an der Spitze der Stadt schon mit geltenden Vorschriften auskennen? Und hinterher wird dann wieder gejammert, dass die Bürger so politikverdrossen wären. Woran das wohl liegen könnte...?

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  • Meinung vor 2 Stunden / Bewertung:
    Antwort auf Kommentar von Wolff

    Der OB hat seinen Realitätssinn verloren ...

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  • Manfred_Festa vor einer Stunde / Bewertung:
    Antwort auf Kommentar von Wolff

    Es wirkt fast so, als hätte Herr Reiter den Überblick über die Vorgänge in seinem direkten Umfeld völlig verloren. Die Behauptung, ein amtierender Oberbürgermeister könne ein solches Amt als reiner „Privatmann“ ausüben, grenzt an Realsatire. Das klingt eher nach einem Griff in die Kiste mit den schlechtesten Ausreden aller Zeiten.
    ​Besonders bedenklich ist die offensichtliche Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, ob er ein solches Amt überhaupt rechtlich bekleiden darf. Dass man sich an der Stadtspitze offenbar nicht mehr mit geltenden Vorschriften befassen muss, spricht Bände über das dort herrschende Selbstverständnis.
    ​Wenn hinterher wieder über die zunehmende Politikverdrossenheit der Bürger gejammert wird, sollte man sich im Rathaus nicht wundern: Genau dieses selbstherrliche Agieren ist die Ursache dafür. Wer Transparenz predigt, aber Privilegien einsammelt, verspielt das letzte Vertrauen.

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