"Wir werden plattgemacht" – Mittelstand verzweifelt über Gasteig-Kündigungen

Ein Reifenhändler, ein Autofolierer und andere Werkstätten müssen weichen, weil das städtische Kulturzentrum an der Hans-Preißinger-Straße mehr Platz braucht. Die Gekündigten sind sauer, weil sie raus müssen.
von  Robert Braunmüller
Das Team des Reifenhändlers Senjak - ein mittelständischer Familienbetrieb.
Das Team des Reifenhändlers Senjak - ein mittelständischer Familienbetrieb. © Mirco Talerico

Der Charme des Interims an der Brudermühlstraße gegenüber dem Heizkraftwerk Süd besteht in der Mischung: Die Isarphilharmonie nutzt einen historischen Industriebau als Foyer. Direkt hinter dem Konzertsaal werden Reifen gewechselt und Autos repariert. Aus einem der neuen provisorischen Gebäude klingt Musik: Hier üben Studierende der Musikhochschule, während gegenüber in mehreren Hallen Autos beschriftet und mit Folien überzogen werden.

Diese friedliche Koexistenz zwischen Kultur und Gewerbe geht im Februar zu Ende. Der Reifenhändler Dominik Senjak, zwei freie Autowerkstätten und der Autofolierer Coat'n Cast müssen bis Ende Februar weichen - allesamt kleine, mittelständische Betriebe. Denn die städtische Gasteig GmbH braucht die Räume selbst, weil das sanierungsreife Kulturzentrum am Isarhochufer bis Ende 2026 geräumt werden muss.

Für die Betroffenen hat das den herben Beigeschmack von Gentrifizierung. "Halten Sie es für legitim, dass in einer zivilisierten Stadtgesellschaft Bürger der Stadt München zum betrieblichen Nutzen der größten städtischen Kulturinstitution auf die Straße gesetzt und ihrer wirtschaftlichen Lebensgrundlage beraubt werden“, heißt es in einem Brief an den Zweiten Bürgermeister Dominik Krause, der zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der Gasteig GmbH ist.

Aus der Reifenwerkstatt wird ein Proberaum

Der Grüne gilt nicht gerade als Autofan. Daher beschleicht die Gekündigten das ungute Gefühl, Krause strebe eine saubere Kulturmeile auf dem Gelände des Gasteig-Interims an - ohne Reifen, den Geruch von Benzin und den Anblick bunter, mit Schutzfolien überzogener Leasing-Fahrzeuge oder frisch beschrifteter Lieferwagen.

Das querstehende, derzeit von Reifen Senjak und einer Autowerkstatt genutzte Gebäude hinter der Philharmonie soll künftig den Chorprobesaal des alten Gasteig ersetzen. Der wird noch immer vom Philharmonischen Chor, dem Münchener Kammerorchester, dem Odeon Jugendsinfonieorchester und den Münchner Philharmonikern genutzt. Und diese Ensembles verlieren damit Probemöglichkeiten, wenn der Bau am Isarhochufer zur Vorbereitung der Sanierung geräumt wird. Aus den vom Autofolierer Coat’n Cast genutzten Hallen werden wohl Büros, was den Firmenchef Ramon Wegner ärgert, weil man seines Wissens auf anderweitig angebotene Büroräume verzichtet hat und ohnehin viele Gasteig-Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten.

Die Halle E und die Isarphilharmonie. Aus der kleinen, querstehenden Halle - noch Sitz des Reifenhändlers - soll ein Proberaum werden, in die andere Halle sollen Büros der städtischen Gasteig GmbH einziehen.
Die Halle E und die Isarphilharmonie. Aus der kleinen, querstehenden Halle - noch Sitz des Reifenhändlers - soll ein Proberaum werden, in die andere Halle sollen Büros der städtischen Gasteig GmbH einziehen. © HGEsch/Gasteig

Vor kurzem noch als Partner gefeiert

Wegner fragt sich auch, warum der Chor und die anderen Ensembles nicht im eben erweiterten Saal X proben könnten. Dieser provisorische Modulbau gegenüber dem rückwärtigen Eingang der Halle E wurde soeben erweitert. Das ginge leider nicht, so hört man aus dem Gasteig, weil der Saal von Mietern und anderen Nutzern gut nachgefragt und daher für Proben auch tagsüber nicht zur Verfügung stehe. Derlei Erklärungen werden von den Gekündigten als kalt und wenig flexibel wahrgenommen.

Von ihnen angebotene Kompromisse wurden zurückgewiesen. Das sorgt für Ärger und Verletzungen, denn noch vor Kurzem wurden die Gewerbebetriebe in Hochglanzbroschüren des städtischen Kulturzentrums als Partner gefeiert. Wegner hat sich an Ausschreibungen der Gasteig GmbH beteiligt und auch Aufträge durchgeführt, das Münchener Kammerorchester gab Konzerte in den Werkstätten.

Ramon Wegner (links) von Coat’n Cast mit einigen seiner Mitarbeiter. Der Betrieb nutzt drei Hallen an der Hans-Preißinger-Straße, um Autos mit Folien zu beschriften und zu schützen.
Ramon Wegner (links) von Coat’n Cast mit einigen seiner Mitarbeiter. Der Betrieb nutzt drei Hallen an der Hans-Preißinger-Straße, um Autos mit Folien zu beschriften und zu schützen. © Mirco Talerico

Die Kündigung der Betriebe gefährdet mittelständische Arbeitsplätze. Reifen Senjak beschäftigt sieben Mitarbeiter, Coat’n Cast 18, die übrigen Betriebe fünf weitere. Die Suche nach alternativen Räumlichkeiten habe sich als schwierig erwiesen, vom Referat für Arbeit und Wirtschaft angebotene Hilfe hätte nichts gebracht. Dominik Senjak sagt, er werde mit seiner Familie und seinem Betrieb nach Kroatien zurückkehren, die übrigen Betriebe sprechen von Insolvenz, Verkleinerung und Kündigungen.

Den Schwarzen Peter weiterreichen

Wenn man sich in der Stadtpolitik, bei den Philharmonikern und anderen kulturellen Nutzern umhört, will sich niemand gerne äußern. Teilweise hört man hinter vorgehaltener Hand, die Firmen hätten lange von geringen Mieten profitiert: Von sechs Euro pro Quadratmeter ist die Rede.

Und Autofirmen könne man doch mit dem Auto erreichen: Die bräuchten keine Gewerberäume in Bestlage mitten in der Stadt. Zitieren lassen will sich mit solchen Aussagen niemand.

Das Team des Reifenhändlers Senjak - ein mittelständischer Familienbetrieb.
Das Team des Reifenhändlers Senjak - ein mittelständischer Familienbetrieb. © Mirco Talerico

Am liebsten, auch von Dominik Krause, wird das Thema als schwarzer Peter zur städtischen Gasteig GmbH durchgereicht. Deren Geschäftsführerin Stefanie Jenke nennt die Sache "komplex“. Man habe den eigenen Platzbedarf beim Umzug an die Hans-Preißinger-Straße schon um zwei Drittel reduziert. "Was jetzt geplant wird, ist eine Reduzierung auf das Nötigste“, sagt Jenke. "Aber wir brauchen jeden der betroffenen Quadratmeter, um als Kulturzentrum auch die nächsten Jahre in unserem Ausweichquartier effizient und kostensparend arbeiten zu können.“

Durch intelligente Lösungen wie den Einbau von Zwischenebenen könnten viele Arbeitsplätze auf möglichst geringer Fläche untergebracht werden. "Durch diese platzsparende Lösung können die meisten der ansässigen Zwischenmieterinnen auf dem Gelände bleiben“, so Jenke. Nur eben nicht die Autofirmen.

In München gibt es zu wenig Räume für Proben

Florian Ganslmeier vom Münchener Kammerorchester wird ziemlich grantig, wenn man im Zusammenhang mit den Kündigungen von Gentrifizierung spricht. Er hat jahrzehntelang nach einem Probenraum für sein von der Stadt und dem Freistaat finanziertes Orchester gesucht und ihn endlich im Chorprobesaal gefunden.

Als noch Harmonie herrschte: ein Konzert des Münchener Kammerorchesters mit Double Drums in der Werkstätte von Auto Nawrath.
Als noch Harmonie herrschte: ein Konzert des Münchener Kammerorchesters mit Double Drums in der Werkstätte von Auto Nawrath. © Florian Ganslmeier

Wenn der nicht frei ist, müssen die Musikerinnen und Musiker für ein Konzert teilweise an vier verschiedenen Orten proben. Ihn ärgert, dass es zwar in der Stadt eine Menge Leerstand gebe - etwa den Westflügel des Hauses der Kunst oder die sanierungsreife Versicherungskammer an der Maximilianstraße. Aber das sind Räume, auf die die Stadt keinen Zugriff hat. Leerstand ist oft billiger als eine kulturelle Nutzung.

Umgekehrt erbost die Gekündigten, dass im Zusammenhang mit ihrer Vertreibung mit dem Bau von Wohnungen argumentiert wird. Tatsächlich sollen auf dem Gelände hinter der Isarphilharmonie irgendwann einmal Werkswohnungen der Stadtwerke entstehen. Allerdings mit der Betonung auf irgendwann: nach dem Ende der kulturellen Nutzung und damit nicht vor der Wiedereröffnung des Haidhauser Gasteig in - vielleicht - zehn Jahren.

Und den dafür vorgesehenen Südteil des Geländes nutzen die Stadtwerke für eine Kleiderkammer, Werkstätten und als Lagerhalle. Auch dort sieht für die Gekündigten nichts nach kurzfristigem Wohnungsbau aus.

Zu vertrauensselig?

Die Autofirmen haben sich zu sehr auf unverbindliche Zusagen aus der Politik verlassen – etwa auf eine Erklärung der Grünen aus dem Jahr 2017, wonach die gewerbliche und kulturelle Vielfalt auf dem Gelände erhalten werden solle. "324 Menschen verdienen hier ihren Lebensunterhalt“, schrieb die damalige Fraktionsvorsitzende und heutige Landtagsabgeordnete Gülseren Demirel in einer Pressemitteilung. "Solche Orte haben ihre kulturelle Bedeutung, die Stadt darf sie nicht plattmachen“.

Auch die Autowerkstatt von Wolfgang Ronner muss weichen.
Auch die Autowerkstatt von Wolfgang Ronner muss weichen. © Mirco Talerico

Diese Worte wirken heute wie Hohn. Dass die vor sieben Jahren noch gepriesene Mischung heute platt gemacht wird, hat ihre Ursache in der Entscheidung des Stadtrats aus dem Jahr 2020, einen Investor für die Gasteig-Sanierung zu finden. Dieser vergebliche Versuch der damaligen Zweiten Bürgermeisterin Kathrin Habenschaden, die Kosten zu drücken, verlängerte den Leerstand am Gasteig und die Dauer des Interims, die nun auch einen erhöhten Raumbedarf zur Folge hat.

Das Geländes des Gasteig HP8. Links der Mitte die Hallen, die noch von Autofirmen genutzt werden.
Das Geländes des Gasteig HP8. Links der Mitte die Hallen, die noch von Autofirmen genutzt werden. © HGEsch/Gasteig

Für die Gasteig-Sanierung gibt es derzeit nur Absichtserklärungen und Planungen. Bis Jahresende wird ein Generalunternehmer gesucht. Dann müsste der (neue) Stadtrat im Herbst noch einmal einen Sanierungsbeschluss fassen. Angeblich sei alles auf einem guten Weg, so wird einem durchaus glaubhaft versichert. Aber das hat man beim Gasteig zu oft gehört, um es zu glauben. Und das ganze Projekt ist wegen der hohen Kosten vor allem bei der SPD unbeliebt.

Es droht die schlechtestmögliche Lösung

In diesem Zusammenhang empfinden es die Gekündigten befremdlich, dass ins eigentlich zu räumende Kulturzentrum am Isarhochufer soeben mit der Lach- und Schießgesellschaft ein neuer Zwischenmieter eingezogen ist. Die Kabarettbühne soll zwar nur ein Jahr bleiben. Aber es wirkte verunsichernd, dass OB Dieter Reiter bei dem groß inszenierten Umzug scherzte, dass Zwischennutzer oft länger bleiben als vorgesehen.

Denn es kann auch schlechtmöglichst laufen. Die Autofirmen sind mit wirtschaftlichen Einbußen ausgezogen. Aber der Gasteig selbst zieht Ende 2026 gar nicht um, weil sich die Sanierung an der Rosenheimer Straße weiter verzögert. Das würde bedeuten, dass die neuen Lagerflächen und Proberäume vorerst gar nicht gebraucht werden und der viel gefragte Chorprobesaal an einen neuen Zwischennutzer weitergereicht wird, weil die bisherigen Nutzer in der Hans-Preißinger-Straße proben. Mittelständische Betriebe haben den Schaden und das Gelände des Gasteig HP8 hätte seinen Charme ganz ohne Not verloren.

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