"Wir schenken ihnen kostbare Zeit"

Zum heutigen Tag des Kinderhospizes erzählt Anna Becker von der Arbeit mit Menschen, die eigentlich zu jung sind zum Sterben.
| Anja Perkuhn
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Hospizmitarbeiterin Anna Becker spricht über ihre Arbeit im Münchner Kinderhospiz.
AZ Hospizmitarbeiterin Anna Becker spricht über ihre Arbeit im Münchner Kinderhospiz.

München -  Am liebsten redet Anna Becker über das Lachen. Das Leben. Die Hoffnung. Und darüber, was all das mit dem Sterben zu tun hat.

Denn Anna Becker arbeitet bei der Stiftung Ambulantes Kinderhospiz München (AKM). 30 Familien hat sie im vergangenen Jahr betreut, 250 insgesamt sind in der Obhut des stiftungsgetragenen Kinderhospizes. Die betreuten Familien eint vor allem eines: Es gibt dort ein Kind, das schwerst- oder unheilbar krank ist.

Hospize für Kinder und für Erwachsene unterscheiden sich in einem Punkt besonders, sagt Becker: "Zu uns kommen die Patienten schon ab der Diagnose, nicht erst in der Lebens-Endphase." Außerdem sind die Kinderhospiz-Mitarbeiter für die ganze Familie da: Sie helfen bei Anträgen, bei der Betreuung der Geschwister, organisieren finanzielle Unterstützung – schaffen Raum für Normalität.

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"Manchmal bleibe ich oder ein Ehrenamtler einfach am Krankenbett eines Kindes, damit die Eltern mal Zeit für sich haben, einen Kaffee trinken oder einen Termin für sich beim Psychiater wahrnehmen können", sagt Becker. "Man schenkt ihnen kostbare Minuten von der Zeit, die übrig ist." Und dann ist da eben das Lachen. Die Hilfe dabei, dass die Familien eine Einheit bleiben, sozial eingebunden sind, auch mal unbeschwert sein können. Das Leben soll im Vordergrund stehen, nicht das Sterben. "Meine Arbeit ist nicht nur traurig", sagt Becker (34).

"Viele schöne Momente"

Was waren schöne Momente in den vier Jahren, in denen sie beim AKM arbeitet als psychosozialer Dienst? "Da gab es so viele", sagt sie und lächelt. Zuletzt zum Beispiel im vergangenen Januar: Da meldeten sich zwei Familien, die sie betreut, um ihr mitzuteilen: Sie brauchen ihre Hilfe nicht mehr. Nicht, weil die Kinder gestorben sind. Sondern weil bei beiden – einer Vierjährigen aus München und einem Fünfjährigen aus Garmisch-Partenkirchen – die Leukämie so weit im Griff ist, dass sie wieder selbstständig am Alltag teilnehmen können. "Das war eine Freude, die bis in die Zehenspitzen ging!", sagt Becker.

Meist enden die Fälle aber nicht so positiv. Becker lässt die Familie nach dem Tod eines Kindes nicht sofort allein – außer, diese wünscht das. "Jeder trauert anders. Manche wollen keinerlei Kontakt, andere sind froh, wenn ich einfach mal anrufe. Bei ihrem ersten Weihnachten ohne das Kind. Dem ersten Ostern. Dem Geburtstag, dem Todestag." Nur ein einziges Mal war die gelernte Krankenschwester in den letzten Lebensmomenten eines Patienten dabei. Die Eltern hatten sie darum gebeten. "Das kommt selten vor, auch wenn wir bei unserer Arbeit den Familien sehr nahe kommen. Es ist ja sehr persönlich, wenn das Kind stirbt."

"Man kann eine Stütze sein"

Natürlich sei sie traurig gewesen – sie sei immer traurig, wenn dieser Moment kommt. Aber um ihre eigene Trauer gehe es bei der Arbeit nicht: "Als Betreuerin muss man auch mal die Stille aushalten können, muss die Angst, die Hoffnungslosigkeit der Familie mittragen. Man kann das Unglück nicht schöner machen. Aber man kann eine Stütze sein."

Anna Becker ist vor allem da für Familien auf dem Land: Niederbayern, Berchtesgadener Raum, südliches Oberbayern. Dort ist das Versorgungsnetz grobmaschiger, vor allem ehrenamtliche Helfern findet man nicht so leicht. Becker hat gerade eine neue Familie – ein Kind mit Immundefekt. "Und ich habe niemanden, den ich in der Familie einsetzen kann." Diese Arbeit kann natürlich nicht jeder machen. Es müssen Menschen sein, die auch dabei am liebsten über das Lachen reden. Und das Leben.

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