Wie ein Münchner Großmeister einer Samurai-Schule wurde

Mit elf Jahren liest Markus Lösch "Shogun" und taucht ein in die Welt der japanischen Samurai-Krieger. Nach dem Schulabschluss bricht er nach Tokio auf und geht an eine Samurai-Schule. Jahre später kommt er als ein anderer Mensch zurück nach München.
| Julian Bird
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Ehrung der alten Samurai. Die Samurai-Schüler knien vor dem Altar nieder.
Lino Mirgeler/dpa 2 Ehrung der alten Samurai. Die Samurai-Schüler knien vor dem Altar nieder.
Schwertkampf-Training im "Chiba-Dojo" in München-Sendling.
Lino Mirgeler/dpa 2 Schwertkampf-Training im "Chiba-Dojo" in München-Sendling.

München – Als er mit 18 in ein Flugzeug stieg, hätte Markus Lösch nicht gedacht, als Großmeister einer Samurai-Schule nach München zurückzukehren. Heute heißt er Otsuka Ryuosuke Taira no Masatomo und ist 27 Jahre alt. Otsuka wurde von einer Samurai-Familie adoptiert, deren Wurzeln sich 800 Jahre zurückverfolgen lassen.

Wie ein Japaner sieht der Münchner nicht aus: Er ist 1,88 Meter groß, hat blaue Augen und blonde Haare. Otsuka leitet eine bald 200 Jahre alte Samurai-Schule, deren Hauptsitz er vor drei Jahren aus Tokio in den Münchner Stadtteil Sendling verlegt hat. Ihr Name: Hokushin Itto-Ryu Hyoho, beheimatet in einem Gewerbehof zwischen Fliesenhandel, Konditormeister und Architekturbüro. Otsukas Vorgänger haben politische Attentate verübt, die erste japanische Verfassung mitgestaltet und Köpfe rollen lassen.

Moderner Schwertkampf war nicht authentisch genug

Die Hand des jungen Mannes drückt kräftig zu bei der Begrüßung in seinem "Chija-Dojo". Die Trainingsstätte (Dojo) verbirgt sich hinter einer schweren Eisentür. An den Wänden hängen abgenutzte Schwerter aus Holz und japanische Schriftzeichen. Der Gründer der Schule schaut gemeinsam mit anderen toten Samurai-Meistern aufs Dojo hinunter; unter ihren Bildern steht ein kleiner Schrein. Der Geruch von Räucherstäbchen wabert durch die Luft.

Ehrung der alten Samurai. Die Samurai-Schüler knien vor dem Altar nieder.
Ehrung der alten Samurai. Die Samurai-Schüler knien vor dem Altar nieder. © Lino Mirgeler/dpa

Otsukas Leidenschaft begann im Alter von elf Jahren, als er den Bestseller "Shogun" von James Clavell las, der im Japan des 17. Jahrhunderts spielt. "Damit hat das Interesse an Japan angefangen, und es wurde immer mehr", sagt Otsuka, mittlerweile im Schneidersitz. Mit 15 nahm er das erste Mal ein Schwert in die Hand: Kendo - moderner japanischer Schwertkampf.

Doch das war ihm nicht authentisch genug. Er fand heraus, dass es sie noch gibt: die Koryu - altehrwürdige japanische Kriegskunstschulen. Nach der Schule, mit 18, zog er nach Japan, um in einer Koryu zu lernen. "Damals wusste ich noch nicht, dass ich das einmal professionell machen würde". Er zeigt auf das Bild eines kleinen japanischen Mannes im Dojo: "Dann habe ich meinen Lehrmeister Otsuka Yochiro kennengelernt."

Mit Blut und Schweiß zum besten Schwertkämpfer der Samuraischule

Der Schüler aus Bayern schuftete unter dessen Augen bis zu zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Die Narben an seinen Händen und Füßen erinnern an schmerzhafte Ausbildungsjahre, doch die Prügel im Training spornten ihn an. Er wurde immer besser – bis er der beste war. In den vergangenen sieben Jahren hat Otsuka keinen einzigen Kampf verloren, wie er sagt.

Hingabe und Talent beeindruckten den Leiter der Samuraischule so sehr, dass er seinen besten Schüler zu seinem Nachfolger kürte. Es sei wichtig, dass traditionelle Künste innerhalb der Familie weitergegeben werden, sagt Otsuka. Deshalb adoptierte der Lehrer den Schüler. In Japan sei das üblich. "Man kann nicht einfach so Samurai sein", sagt Otsuka.

Schwertkampf-Training im "Chiba-Dojo" in München-Sendling.
Schwertkampf-Training im "Chiba-Dojo" in München-Sendling. © Lino Mirgeler/dpa

Der blonde Krieger erklärt, dass zum Samurai-Sein viel mehr gehört, als Schwerter zu schwingen. Sprache, Philosophie und Etikette waren ebenso Teil seiner jahrelangen Ausbildung in Japan. Die Samurai seien mit Rittern in Europa zu vergleichen: Krieger, die im vorindustriellen Japan das Sagen hatten. Ursprünglich waren die Samurai - auch Bushi genannt - Soldaten im Dienste des Kaisers und der Adelsstämme, bis sie selbst zur führenden Schicht des Landes aufstiegen.

Das Samurai-Erbe lebt in München weiter

Vor drei Jahren wurde der Schüler zum Lehrmeister - ein Bayer an der Spitze einer japanischen Samurai-Schule. Otsuka führt seitdem das Erbe als "Soke" (Rektor) in der siebten Generation in München weiter, reist häufig zu den zehn Zweigstellen der Schule, unter anderem nach Budapest und Florenz; oft für Monate nach Japan. Insgesamt trainieren mehr als 180 Menschen in der bayerisch-japanischen Samurai-Schule.

Einer von ihnen ist Sven Albrecht (38), der seit sechs Jahren unter Otsuka übt. Über seinen 27-jährigen Meister sagt er: "Er lebt Kampfkunst wie heutzutage kaum ein anderer." Das imponiert ihm.

Zum Training in München kommen an diesem Abend neun Schüler. Auch eine junge Frau ist dabei; in Otsukas Schule sind es weltweit etwa 40. Zu Beginn des Trainings wirbeln die Lehrlinge auf allen Vieren mit Putzlappen übers Parkett. Der Meister erklärt: "Es ist in Japan üblich, dass die Schüler das Dojo selbst putzen. Reinigungskräfte gibt es nicht, das lehrt Demut und Respekt."

Es herrscht bedinungsloser Gehorsam im Dojo. Otsukas Autorität gleicht der eines mächtigen Shoguns - so hießen die Militärherrscher aus der Samurai-Kaste, die bis ins späte 19. Jahrhundert das Sagen hatten. Wenn er lauthals Befehle auf Japanisch gibt, durchschneidet seine Stimme die Luft wie ein Samurai-Schwert.


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