"Würde uns nicht mehr interessieren": Bekannter Münchner TV-Professor über Energieverbrauch

Wie werden wir uns morgen mit Energie versorgen – und worauf müssen wir verzichten? Der Münchner Professor für Astrophysik und TV-Journalist Harald Lesch hat Antworten. Einige davon stellt er am 13. April bei einer Lesung aus einem neuen Buch vor – mit der AZ spricht er vorab über die neue Ölkrise und Fahrverbote.
von  Martina Scheffler
Der TV-Moderator Lesch steht auf dem Gelände der Mitmach-Forschungsstätte Biologikum Mittelhessen in Homberg (Ohm). (zu dpa: «Lesch: Bayern tut zu wenig für eigene Klimaziele») +++ dpa-Bildfunk +++
Der TV-Moderator Lesch steht auf dem Gelände der Mitmach-Forschungsstätte Biologikum Mittelhessen in Homberg (Ohm). (zu dpa: «Lesch: Bayern tut zu wenig für eigene Klimaziele») +++ dpa-Bildfunk +++ © Michael Bauer

Also, umstritten seien die Themen ja gar nicht, um die es in seinem frisch erschienenen Buch „Unser Energieverbrauch zum Verstehen und Mitreden“ geht, sagt Harald Lesch der AZ.„Das ist eigentlich alles Lehrbuchstoff. Wenn Sie heute ein Ingenieurstudium absolvieren, dann kriegen Sie genau das präsentiert, was wir in dem Buch haben“, sagt der Münchner Professor für Astrophysik und TV-Journalist (unter anderem „Terra X“, ZDF). „Es ist vielleicht politisch nicht verstanden, aber wissenschaftlich ist es nicht umstritten.“

In dem Buch erläutert Lesch mit drei anderen Autoren in klarer Sprache und am Beispiel einer vierköpfigen Familie, die anfangs etwas unbedarft mit Energie umgeht, wo diese verbraucht wird – und wie wir den wachsenden Strombedarf decken können. Tenor: Das Leben muss nicht völlig umgekrempelt werden, und wenn wir an den richtigen Stellschrauben drehen, sind viele Dinge weiterhin möglich.

„Zum Beispiel durch Dämmung in Neu- und Altbauten, die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln statt von privaten Autos, eine veränderte Ernährung und das Einsparen von Material in der Produktion.“Für München und Bayern etwa interessant: Fernwärme. „Wo es geeignete Vorkommen gibt und Fernwärmenetze sinnvoll aufgebaut werden können, zum Beispiel in und um München, wird diese Technik vermehrt eine Rolle spielen“, schreibt Lesch.„In Bayern könnten theoretisch bis zu 40 Prozent des Wärmebedarfs durch tiefe Geothermie gedeckt werden.“

Die Stadtwerke München setzen bei der Transformation der Fernwärme vor allem auf Geothermie. 40 Prozent des Wärmebedarfs in Bayern könnten durch tiefe Geothermie gedeckt werden, heißt es in Harald Leschs Buch.
Die Stadtwerke München setzen bei der Transformation der Fernwärme vor allem auf Geothermie. 40 Prozent des Wärmebedarfs in Bayern könnten durch tiefe Geothermie gedeckt werden, heißt es in Harald Leschs Buch. © Manuel Übler/dpa/Stadtwerke München

Was ebenfalls bei der Energiewende helfen könne: alternative Mobilitätskonzepte. „Insbesondere zählt hierzu das Umsteigen auf Fahrräder und öffentliche Verkehrsmittel. Aber auch Car-Sharing-Modelle, Mitfahrmodelle, reduzierter Verkehr in Innenstädten und bessere Fahrradinfrastruktur sind hilfreich.“Gerade in der aktuellen Situation. Lesch hält angesichts der explodierenden Kraftstoffpreise Einsicht statt Ausgleichsmaßnahmen für nötig – etwa vier autofreie Sonntage wie einst in den 70er-Jahren oder Tempo 100 auf der Autobahn.

„Wir haben ja eigentlich gar nicht zu wenig Öl und Gas in Europa. Aber dadurch, dass sie an den Marktpreisen hängen, müssen wir so wahnsinnig viel Geld bezahlen.“ Seine Vision: „Stellen Sie sich mal vor, wir würden alle elektrisch heizen und würden alle elektrisch fahren! Dann könnte uns die Welt heute unseren elektrischen Buckel runterrutschen. Dann würde uns das überhaupt nicht mehr interessieren.“

"Endlich weg von den Verbrennern"

Leschs Hoffnung: „Dass solche Situationen wie jetzt noch viel mehr Leute dazu bringen, endlich das Richtige zu tun, nämlich auf elektrische Lösungen umzusteigen und weg von den Verbrennern zu kommen.“Auch finanziell die bessere Wahl, wie er der AZ vorrechnet: „In Deutschland importieren wir für knapp 100 Milliarden Euro im Jahr. Das ist Geld, was weg ist, weil wir Öl oder Gas einkaufen. Wir selber haben ja keins. Sonne und Wind haben wir aber.“

Was Wind und Sonne außerdem bieten: mehr Effizienz. „Während die Erzeugung von elektrischem Strom in sogenannten thermischen Kraftwerken, also durch Verbrennung von Kohle, Öl, Gas, Biomasse oder mittels Kernspaltung, unvermeidlich hohe Energieverluste aufweist, sind PV und Windstrom aus Nutzerperspektive praktisch verlustfrei“, schreibt Lesch.

Mehrere Windkraftanlagen stehen hinter einem Solarpark. Energie aus Wind und Sonne ist effizienter als beispielsweise aus Öl.
Mehrere Windkraftanlagen stehen hinter einem Solarpark. Energie aus Wind und Sonne ist effizienter als beispielsweise aus Öl. © Jan Woitas

Aber was sollte der Durchschnittsmünchner, der zur Miete wohnt und die Öffentlichen nutzt, tun, um bei der Energiewende mitzumachen und dabei nach Möglichkeit noch finanziell zu profitieren? Leschs Tipp: „Das Beste ist: Mitglied in der Energiegenossenschaft werden und jedes Jahr drei Prozent Dividende einkassieren. Das ist der größte Hebel, den wir alle haben – mit anderen zusammen große Anlagen zu bauen“, sagt er der AZ.

„Im privaten Haushalt haben Sie kaum Einsparmöglichkeiten“

„In dem Moment, wo die Bürger selber daran beteiligt sind, erfahren sie psychologisch das, was man Selbstwirksamkeit nennt, und ökonomisch, dass man damit tatsächlich etwas verdienen kann. Ich sage immer: Energiewende in Bürgerhände – das ist mein Credo.“ Denn, auch das gehört zu den zentralen Aussagen in Leschs Buch: „Im privaten Haushalt haben Sie kaum Einsparmöglichkeiten“, also: „Unser größter Hebel ist entweder der Verkehr oder die Wärme.“

Christian Holler, Joachim Gaukel, Harald Lesch, Axel Kleidon: Unser Energieverbrauch zum Verstehen und Mitreden, C. Bertelsmann, 176 S., 20 Euro.
Christian Holler, Joachim Gaukel, Harald Lesch, Axel Kleidon: Unser Energieverbrauch zum Verstehen und Mitreden, C. Bertelsmann, 176 S., 20 Euro. © C. Bertelsmann

Auch ein Thema bei Lesch: Was tun bei Dunkelflauten, wenn Wind und Sonne also mal Pause machen? Am besten seien Back-up-Kraftwerke, die mit grünem Wasserstoff betrieben werden, schreibt der Wissenschaftler. Also hat Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) doch aufs richtige Pferd gesetzt? „Wir sind ja noch weit davon entfernt, grünen Wasserstoff produzieren zu können. Da müssen wir schon deutlich mehr Überschussstrom haben“, kommentiert Lesch.

Was eher kommen dürfte: schnelle Batterien. „Ich kann mir gut vorstellen, dass jede Gemeinde in Zukunft zwei, drei Container an Batteriespeichern vor ihrem Gemeindegelände hat“, sagt Lesch. „Die Energie, die tagsüber reingekommen ist, wird nachts gespeichert. Auf diese Weise wird unser Energiesystem nicht instabiler, sondern stabiler, weil diese Batterien auch als sogenannte virtuelle Schwungräder gelten, um das System stabil zu halten.“  Sein Fazit: „Eigentlich läuft alles ziemlich gut, wir sind nur ein bisschen zu langsam.“

Christian Holler, Joachim Gaukel, Harald Lesch, Axel Kleidon: Unser Energieverbrauch zum Verstehen und Mitreden, C. Bertelsmann, 176 S., 20 Euro. Am Montag, 13. April, 18 Uhr, stellen Lesch und Gaukel das Buch in der Hochschule München, Lothstr. 17, vor. Eintritt frei.

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