Viktualienmarkt: „Hier brodelt es gehörig“

Die Stadt will den Viktualienmarkt moderner – doch das passt vielen nicht. Das Café Nymphenburg macht den Anfang
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Ronald Zimmermann Viktualienmarkt

MÜNCHEN - Die Stadt will den Viktualienmarkt moderner – doch das passt vielen nicht. Das Café Nymphenburg macht den Anfang

Es ist halb zwölf Uhr mittags, im Café Nymphenburg ist es verraucht, alle Tische sind voll, die meisten Gäste trinken Bier. Doch nur auf den ersten Blick herrscht hier gemütliche Bierseligkeit, die Stimmung im Zelt am Viktualienmarkt schwankt zwischen Wut und Resignation. Denn so wird es hier nicht mehr lange zugehen: Der Pachtvertrag für die Wirtefamilie Glöckle läuft aus (AZ berichtete), stattdessen werden zwei neue Pächter die Bude übernehmen – und in ein völlig neues Café verwandeln. Der Pächterwechsel ist ein erster großer Schritt im Wandel des Viktualienmarkt, den die Stadt schnell vorantreiben will.

Jung-Gastronom Florian Lechner wird den Laden übernehmen, zusammen mit Antje Augstburger, die bisher Marketingleiterin des Sektkellerei Nymphenburg war. „Unsere Gäste regen sich jetzt schon auf“, sagt Noch-Wirtin Elke Glöckle, die einen hochpreisigen Schicki-Micki-Schuppen fürchtet. „Wenn das ganze hochgastronomisch wird, sagen unsere Gäste: Wir können da gar nimmer reingehen.“

Dass die Glöckles gehen müssen, ist am Markt heiß diskutiertes Thema. Offiziell ist dafür die Sektkellerei verantwortlich, die das Café gepachtet hat und mit dem Wirt einen Unterpachtvertrag macht.

Die inoffizielle Version, die hier kursiert, ist allerdings eine andere: Die Stadt habe über den zuständigen Markthallen-Werkleiter Rainer Hechinger Druck ausgeübt.

Hechinger ist für viele am Markt ein rotes Tuch. Einer berichtet: „Er hat schon oft getönt: ,Ich bin derjenige, der Zuweisungen vergibt und auch wieder nimmt.’“ Glöckle hat sich als Vorstand in der Interessengemeinschaft der Viktualienmarkthändler engagiert. „Hechinger hat was gegen den Glöckle“, glauben deswegen einige. Auch weil Glöckle einer ist, der sich gegen allzu viel Veränderung am Markt wehrt.

„Das Café Nymphenburg ist ein Treffpunkt für viele, da geht der normale Münchner rein“, sagt Christine Hirschauer, die Vorsitzendes der Interessensgemeinschaft. „Warum sollte man das also ändern und womöglich was Teures verkaufen, das sich nur noch die Touristen leisten?“

Florian Lechner, der neue Wirt, will solche Bedenken zerstreuen. „Unser Café Nymphenburg soll für alle Münchner bezahlbar sein“, sagt er. Viel mit dem alten Café wird seines allerdings nicht zu tun haben. Der beanstandete Vorbau kommt weg, der Boden kommt raus, es gibt neue Markisen. Ein richtiges Café will Lechner machen. „Es wird selbstgemachte Kuchen geben und gute Brotzeiten, wir kreieren gerade sogar eine Café-Nymphenburg-Wurst“, kündigt er an.

Gelernt hat Lechner bei Feinkost Käfer, später war er Geschäftsführer vom Wirtshaus zur Brezn und Betriebsleiter vom Wirtshaus in der Au. Zurzeit betreibt er den Moarwirt bei Bad Tölz. „Ich will gute Produkte und italienisches Flair“, sagt Lechner. Und rauchfrei soll es sein. Das alleine dürfte allerdings schon einen Teil des angestammten Publikums vergraulen.

Doch genau das wäre auch vielen bei der Stadt nicht unrecht. Denn die will ohnehin den ganzen Markt aufhübschen. „Hier brodelt es gehörig, schon seit langem“, sagt Christian Müller vom Espresso am Markt. „Es muss was passieren, damit ein normales Zusammenarbeiten möglich wird.“ Vorläufiger Höhepunkt der Auseinandersetzung ist der aktuelle Streit um die Werbekosten, die die Händler an die Stadt abführen. Jetzt wollen sie genau wissen, wofür das Geld ausgegeben wird (siehe unten).

Schon vor Monaten hatte das Kommunalreferat Alarm geschlagen: Hygiene, Warenpräsentation, Optik, all das sei nicht mehr zeitgemäß. Ein Dorn im Auge ist den Stadt-Oberen vor allem der Plastikplanenverhau. Christian Ude soll gesagt haben, ihn erinnere der Markt an ein „Zeltlager am Hindukusch“. In den nächsten Monaten soll ein „Zukunftskonzept“ erarbeitet werden. Ein sensible Sache. „Der Markt ist das Herz der Stadt, da muss man genau nachdenken, was man macht“, warnt Standlfrau Christine Hirschauer.

Die Standlbetreiber sind inzwischen von der Stadt befragt worden. Dass der Markt eine Aufbesserung vertragen könnte, sehen allerdings auch die Marktleute ein. „Wir wollen ja auch, dass unsere Waren anständig präsentiert werden“, sagt Hirschauer. „Aber wir brauchen vernünftige Arbeitsbedingungen, denn wir sind es, die bei Nässe und Kälte draußen stehen.“ Auch ein einheitliches Bild würden die Händler begrüßen. „Für mich ist das gar kein Problem“, sagt zum Beispiel Christian Müller vom Espresso am Markt. Dabei ist den Standlbetreibern wichtig: Dass sie mitreden dürfen. „Wir wollen mit dafür sorgen, dass der Charakter des Marktes erhalten bleibt“, sagt Hirschauer.

Unruhe herrscht auch wegen der nächsten Veränderung, die vor der Tür steht: die Schrannenhalle. Heute will Hans Hammer, der das Erbbaurecht an der Halle erworben hat, das neue Konzept vorstellen. Lebensmittel sollen dort eine wichtige Rolle spielen. Wird das den Viktualienmarkt neu beleben? Oder gießt die nur eine Steinwurf entfernte Konkurrenz neues Öl ins Feuer? Markthändler Eik Lautenschläger. „Es wäre gut, endlich zu wissen, was mit der Schranne ist.“Tina Angerer und Verena Duregger

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