Unterwegs mit einer Kaminkehrerin: Andern mal aufs Dach steigen

AZ-Stadtspaziergänger Sigi Müller hat München von weit oben erkundet – mit einer Frau, die sich dort bestens auskennt. Unterwegs mit einer Kaminkehrerin.
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Es gibt sicherlich schlechtere Kehrbezirke: Aug’ in Aug’ mit dem Luxuswohnturm "The Seven".
Sigi Müller 2 Es gibt sicherlich schlechtere Kehrbezirke: Aug’ in Aug’ mit dem Luxuswohnturm "The Seven".
Alles im Blick: Türme, Dächer, Balkone und Terrassen.
Sigi Müller 2 Alles im Blick: Türme, Dächer, Balkone und Terrassen.

Glockenbachviertel - Nach einigen Telefonaten darf ich das einmal probieren: anderen einfach mal aufs Dach steigen. In der Westermühlstraße im Glockenbachviertel, dem Kehrbezirk München 51, bin ich mit Kaminkehrermeisterin Petra Ittlinger verabredet. Wir treffen uns am Eingang eines Gebäudes – eine Kaminkehrerin wie aus dem Bilderbuch: Schwarzes Outfit, Eisenkugel und Kehrwerkzeug an Seil und Kette über der Schulter und auf dem Kopf, extra fürs Shooting, ein Zylinder.

Mit dem Aufzug geht’s ins oberste Stockwerk, dann die Leiter ans Dachfenster und schon stehen wir auf dem Dach. Stufen sind dort angebracht und Laufwege. Meine frühere Höhenangst habe ich in meinen vielen Berufsjahren weitgehend überwunden, trotzdem habe ich Respekt. Der unglaubliche Blick über die Innenstadt entschädigt aber für die Kraxelei.

Auch ein Kaminkehrer muss mal als Filmdouble herhalten

Das Wetter ist gut, Sonne und Wolken wechseln sich ab und Petra Ittlinger erzählt viel von ihrem Beruf, zeigt mir, wie sie arbeitet. Nun passt natürlich das Wetter – und ich bin nur zum Schauen und Fotografieren auf dem Dach. Petra Ittlinger aber macht das bei jedem Wetter, auch wenn’s oben in den Kragen reinregnet und unten wieder raus an ihrem luftigen Arbeitsplatz.

Mit charmantem Lächeln posiert sie mit dem Kehrwerkzeug an einem Kamin. Hätte man für einen Film gecastet, sie wäre die richtige Besetzung. Apropos Film. Als in den Neunzigern die Serie "Rußige Zeiten" in Giesing und in der Au gedreht wird, spielt Ittlinger auch mit. Sie doubelt die Hauptdarstellerin Saskia Vester, hat also auch Filmerfahrung. Allerdings ist das nicht so ganz ihre Welt. "Die meiste Zeit sitzt man und wartet, alles dauert", erinnert sie sich. "Mal passt das Licht nicht, dann fliegt ein Hubschrauber übers Dach und versaut den Ton. Irgendwas ist immer!" Nein, das ist nichts für die quirlige Frau.

Auf der Straße angefasst

Seit 1985 ist sie im Beruf und seit 2004 selbstständig in dem Bezirk 51. Sie kennt ihre Kunden seit vielen Jahren. So schmiert ihr ein Schauspieler immer ein Marmeladenbrot, kocht Kaffee, wenn sie kommt. Oft wird sie auf der Straße angesprochen und angefasst. Als wir über die Straße gehen, berührt sie eine junge Mutter, die dann mit ihrer Hand ihr Baby im Kinderwagen anfasst. Kaminkehrer gelten als Glücksbringer. Und das kommt daher: Durch verstopfte Kamine brannten früher viele Häuser ab – und erst als die Kamine gereinigt wurden, hörte das auf. So freut man sich seit damals, wenn man einen Kaminkehrer, oder in diesem Fall eine hübsche Kaminkehrerin, sieht.

Natürlich ist die Arbeit auf dem Dach nicht der ganze Beruf. Viel muss sie wissen über Heizarten, von den Kachelöfen aus der vorletzten Jahrhundertwende, bis zu den modernen Blockheizwerken. Über Öl, Gas und alle anderen Heizmaterialien.

Zwei Mal in sieben Jahren muss sie zusätzlich die Feuerstätten in den Wohnungen überprüfen. Das ist Pflicht, wenn auch manchmal lästig für die Bewohner. In den letzten Jahren haben Schwedenöfen wieder Einzug in viele Wohnungen gehalten und Ittlinger rät, nur gut getrocknetes, nicht lackiertes Holz zu verwenden. Keinesfalls dienen diese Öfen zur Müllverbrennung.

Petra Ittlinger steigt gut gelaunt auf ihr Radl, mit dem sie bei jedem Wetter in ihrem "Revier" unterwegs ist – und saust zum nächsten Einsatz.

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