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Autokino Aschheim: Ansturm größer als vor der Corona-Pandemie

Nach einem halben Jahr hat das Autokino Aschheim wieder geöffnet - und zieht mehr Fans an als in Vor-Corona-Zeiten. Ein Besuch vor Ort.
| Irene Kleber
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"Keiner raschelt, knistert oder lacht an den falschen Stellen", findet Michele (39), die mit Flo (41) im 3er BMW-Cabrio hergefahren ist.
"Keiner raschelt, knistert oder lacht an den falschen Stellen", findet Michele (39), die mit Flo (41) im 3er BMW-Cabrio hergefahren ist. © Daniel von Loeper

Aschheim - Der Himmel über Aschheim hat sich für ganz großes Kino entschieden.

Fahlorange leuchtet er im Westen vor schwarzvioletten Regenwolken, die sich gerade noch über den Autodächern entladen haben. Die glänzen nun wie der schwarze Asphalt gegen das Farbspiel von oben an. Nur noch die Umrisse hoher Pappeln zeichnen sich dagegen ab - und ein baumhohes Gestänge, das auf dem Freigelände blutrot schimmert.

Bayerische Krimikomödie im Autokino

Es ist kurz vor 22 Uhr an diesem Donnerstag, gleich wird die Kamera vorn auf der zehn Meter hohen Leinwand über einen düsteren Bauernhof schwenken und unterm Mähdrescher eine Leiche finden.

Gespielt wird die brandneue bayerische Krimikomödie "Weißbier im Blut" - willkommen zur Kinonacht im Autokino Aschheim.

Halbes Jahr Lockdownpause in Aschheim

Drei Wochen bevor am gestrigen Sonntag die Testpflicht für Münchens Kinos weggefallen ist, hat das Drive-in-Freiluftkino im Münchner Osten schon am 6. Mai den Betrieb gestartet - nach einem halben Jahr Lockdownpause.

Mit nur der Hälfte der sonst erlaubten 600 plus 250 Autos vor zwei Leinwänden zwar, aber dafür mit umso mehr Freude.

Nach langer Pause dürfen sie ihren Platz wieder täglich füllen: Autokino-Geschäftsführer Axel Wahmke (l.) und Theaterleiter Stefan Mund.
Nach langer Pause dürfen sie ihren Platz wieder täglich füllen: Autokino-Geschäftsführer Axel Wahmke (l.) und Theaterleiter Stefan Mund. © Daniel von Loeper

"Mir sind die Tränen gekommen, als die ersten Autos eingefahren sind", erzählt Theaterleiter Stefan Mund. Viele Stammgäste hätten aus den Autos gewunken, "Hallo" gerufen, gelacht, was für eine Befreiung, endlich wieder ins Kino gehen zu dürfen.

Sie waren ausverkauft am ersten Abend. Obwohl sie wegen der da noch geltenden Ausgangssperre vor Sonnenuntergang starten mussten, mit einer fix aufgestellten LED-Bildwand, auf der man auch bei Tageslicht noch was sieht.

Überschaubare Auswahl an Filmen

Seither läuft es prächtig in Aschheim, jeden Abend ist Betrieb, auch in der 22-Uhr-Spätvorstellung wieder.

Aus München und Starnberg, aus Dachau und Deggendorf reisen die Kino-Narrischen mit ihren Audis, BMW, kleinen Fiats oder auch großen Campern an. Obwohl die Auswahl an Filmen bis letzte Woche überschaubar war.

"Die Verleiher haben ja seit Corona nichts Neues gebracht", sagt Geschäftsführer Axel Wahmke, "Seit März 2020 spielen wir in Endlosschleife das gleiche Zeug." Mit dem Niederbayern-Krimi ist nun immerhin mal was Neues da.

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Die Autokinofans nehmen aber sowieso, was kommt. Denn die Kulisse ist gigantisch, das Ticket (acht Euro) günstig, das Ansteckungsrisiko geht gegen Null.

Ohne Corona-Test ins Autokino

Und das Prozedere ist angenehm einfach. Onlineticket kaufen, ohne Test mit dem Auto einfahren, sich auf einen Platz lotsen lassen, mit einer Maske Popcorn in der Snackbar holen (dort gibt's auch Klos), Autoradio für den Filmton auf Kinofrequenz einstellen - und los geht die Gaudi.

Wer friert, macht den Motor und die Heizung an, und falls es regnen sollte: Scheibenwischer an.

Luise Kinseher als sündige Bedienung "Gerda" zehn Meter groß im Niederbayern-Krimi "Weißbier im Blut".
Luise Kinseher als sündige Bedienung "Gerda" zehn Meter groß im Niederbayern-Krimi "Weißbier im Blut". © Daniel von Loeper

Während heute also Sigi Zimmerschied als dauerweißbiertrinkender und stoisch grantelnder Kommissar Kreuzeder auf der Leinwand ermittelt, immer wieder in Flirts verstrickt mit der Bedienung Gerda (Luise Kinseher) oder der schrulligen Psychologin Frau Dr. März (Brigitte Hobmeier), kuscheln sich in der ersten Reihe, Mitte, Michèle (39) und Flo (41) aus Trudering im 3er BMW-Cabrio zusammen.

"Keiner raschelt an der falschen Stelle"

"Keiner raschelt oder lacht an der falschen Stelle wie sonst im Kino", sagt die Marketingmanagerin fröhlich, "das ist super im eigenen Auto."

Derweil dringt Gelächter aus einem Audi A3 aus der zweiten Reihe rechts. Sabrina (36), eine Industriekauffrau aus Erding hat nicht nur Popcorn, Cheeseburger, Chips und Cola im Gepäck, sondern auch ihre Neffen Michael (15) und Sebastian (12), die den Ausflug "cool" finden, über ein Jahr sind sie nämlich nimmer im Kino gewesen.

"Endlich kinderfreie Privatsphäre"

Die Eltern? Sitzen entspannt ein paar Autos weiter allein im Wagen. "Endlich kinderfreie Privatsphäre nach dem Lockdown daheim", scherzt Mutter Martina, "jetzt geht's wieder aufwärts."

Martina (39) und ihr Mann Martin (43) haben ihre zwei Söhne ins Auto der Tante ausgelagert - ein bisserl Privatsphäre nach dem Lockdown!
Martina (39) und ihr Mann Martin (43) haben ihre zwei Söhne ins Auto der Tante ausgelagert - ein bisserl Privatsphäre nach dem Lockdown! © Daniel von Loeper

Ziemlich gemütlich schaut's auch hinten in der letzten Reihe aus, wo ein Pärchen den Camper verkehrt herum aufgestellt hat, Heckklappe auf, zusammenkuscheln unter einer Decke unterm Himmel, aus dem inzwischen ein paar Sterne leuchten.

Wer Decken dabei hat, kann im Camper sogar die Klappe öffnen.
Wer Decken dabei hat, kann im Camper sogar die Klappe öffnen. © iko

Am Ende dieses Abends wird das Autokino an die 800 Tickets für beide Freiluftkinos (und drei Filme) verkauft haben, doppelt so viele wie an Donnerstagen vor Corona. Vielleicht wird es kommen wie nach dem ersten Lockdown, als sie sechs Wochen hatten schließen müssen.

Der Ansturm ist größer als vor der Pandemie

"Direkt danach", sagt Wahmke, "war der Ansturm größer als vor der Pandemie, die Leute waren ausgehungert nach Kino.

Am 12. Juni werden sie den Kultstreifen "Grease" (1978) mit John Travolta und Olivia Newton-John spielen, ein Mal im Jahr machen sie das, und dann reisen die Fans aus der halben Republik an. In Oldtimern und Lederjacken, mit Petticoats und Pomade im Haar.

Magisches Farbenspiel überm Drive-in-Autokino Aschheim, als die Nacht beginnt. Um die 100 Autos reihen sich vorm "Kino 2" auf. Eine zweite, noch größere Leinwand (15 Mal 36 Meter) steht am anderen Ende.
Magisches Farbenspiel überm Drive-in-Autokino Aschheim, als die Nacht beginnt. Um die 100 Autos reihen sich vorm "Kino 2" auf. Eine zweite, noch größere Leinwand (15 Mal 36 Meter) steht am anderen Ende. © Daniel von Loeper

Die werden dann zwar nicht aussteigen und mittanzen dürfen so wie sonst, aber sie werden bestimmt die Autofenster öffnen, die Arme rausstrecken und laut "ou, ou, ou!" mitsingen.

Das wird dann wieder ganz großes Kino sein. Egal, was der Himmel über Aschheim macht.

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