To-Go-Müll-Flut: Schafft München mehr Mehrweg?

Im vergangenen Jahr startet der Münchner Stadtrat eine Initiative für Mehrweg-Geschirre – jetzt handeln die Viertel und unterstützen Gastronomen finanziell.
| Myriam Siegert
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Pizzakartons, Fast-Food-Boxen, Becher aller Art - in vielen Vierteln stapelt sich der Mitnehm-Müll. Je schöner das Wetter, desto schlimmer.
Pizzakartons, Fast-Food-Boxen, Becher aller Art - in vielen Vierteln stapelt sich der Mitnehm-Müll. Je schöner das Wetter, desto schlimmer. © AZ-Archiv

München - Schanigärten, Biergärten, endlich wieder ein Kaffee in der Sonne - darüber freuen sich die Münchner, nachdem es so lange nicht ging. Die Außengastronomie brummt, die Plätze sind voll. Nach Wochen und Monaten des Nur-to-go-Geschäfts freuen sich Gastronomen wie Gäste über den Hauch von Normalbetrieb.

Corona-Pandemie: Schlechte Müll-Bilanz

Speisen und Drinks zum Mitnehmen gibt's bei vielen aber weiterhin. Es gilt schließlich, so gut es geht, die fehlenden Innenplätze auszugleichen. Und so holen sich viele Münchner ihr Essen und lassen sich damit auf einem Bankerl, einem schönen Platz oder an der Isar nieder. Gut für den Wirt, schlecht für die Müll-Bilanz.

Der Ärger über Fluten von Coffee-to-go-Bechern und Berge von Plastikschalen war schon vor Corona ein Dauerthema. Das Mitnehmgeschäft-Geschäft während der Pandemie hat das Problem aber deutlich verschärft.

Ab Juli ist Besteck aus Plastik EU-weit tabu: Es herrscht Zugzwang

Dem haben sich in den letzten Wochen mehrere Bezirksausschüsse und auch der Stadtrat angenommen. Ab Juli dieses Jahres werden Einwegprodukte aus Kunststoff wie Trinkhalme, Rührstäbchen, Einwegbehälter aus Styropor, konventionellem Plastik, aber auch Bio-Plastik, ohnehin EU-weit verboten. Es herrscht also ein gewisser Zugzwang. Der Müllberg soll aber auch unabhängig davon im großen Stil und in der ganzen Stadt angepackt werden. Der Ansatz dabei: wiederverwendbare Geschirre statt Plastik und Pappbox.

Politiker wollen Gastronomen bei Umstellung auf Mehrwegsysteme unterstützen

Damit das nicht nur ein guter Vorsatz bleibt, wurde man in vielen Vierteln nun aktiv. Beispiel: Haidhausen, ein Viertel mit hoher Gastro-Dichte, Isarstrand und vielen beliebten Plätzen.

Die Viertel-Politiker wollen ihre lokale Gastronomie bei der Umstellung auf Mehrwegsysteme unterstützen. Dazu, so ein aktueller Beschluss, stellt der Bezirksausschuss (BA) für das Jahr 2021 ein Gesamtbudget von 10.000 Euro zur Verfügung. Gedacht ist das für Zuschussanträge von Gastronomen. "Der BA möchte Gastronomie und Einzelhandel unterstützen, die Weichen möglichst früh auf Mehrweg zu stellen und damit an der Spitze des bereits stattfindenden Wandels zu stehen", so BA-Chef Jörg Spengler (Grüne) in einer Mitteilung.

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Mülleimer sind wegen To-go-Geschäft regelmäßig überfüllt

Au-Haidhausen geht es wie vielen zentralen Stadtbezirken. Vom steigenden Müllaufkommen durch das To-go-Geschäft war hier zuletzt insbesondere der Bereich an der Isar betroffen, Mülleimer an Plätzen wie Bordeaux- oder Orleansplatz seien regelmäßig überfüllt - trotz Umrüstung auf größere und Gefäße, die Krähen nicht so leicht zerpflücken können.

Immer gut besucht: der Weißenburger Platz in Haidhausen. Auch hier gibt es ein Müllproblem.
Immer gut besucht: der Weißenburger Platz in Haidhausen. Auch hier gibt es ein Müllproblem. © my

Ein sonniges Wochenende sorgt so schnell für die Vermüllung der Umgebung. Den Bezirksausschuss erreichten dazu zahllose Anliegen von Bürgerinnen und Bürgern, heißt es in dem Antrag von SPD und Grünen, auf den der Beschluss zurückgeht.

Am besten wäre ein einheitliches Mehrwegsystem

Ob das Projekt Mehrweg in der Gastro jetzt klappt? Im September 2020 beschäftigte sich bereits der Stadtrat mit dem Thema: "Ein Großteil unserer Unternehmen will auf Mehrweg umstellen", versicherte Dehoga-München-Geschäftsführerin Daniela Ziegler damals bei einem Hearing im Rathaus (AZ berichtete).

SPD und Grüne im Stadtrat wollten die Dehoga beim Etablieren eines möglichst einheitlichen Mehrwegsystems unterstützen, bei dem auch mit Münchner Start-ups zusammengearbeitet werden sollte, und hatten schon im Juli einen entsprechenden Antrag gestellt.

Julia Schmitt-Thiel.
Julia Schmitt-Thiel. © Susi Knoll

Darin schwebte den Fraktionen ein einheitliches System für ganz München vor, so dass ein Kreislauf zwischen verschiedenen Betrieben möglich wäre. "Ich freue mich sehr, dass die Münchner Gastronomie angekündigt hat, die Corona-Krise und das damit verbundene Mehr an Take Away nutzen zu wollen, um die jungen Münchner Mehrweg-Lösungen zu testen", sagte damals Stadträtin Julia Schmitt-Thiel (SPD), die sich jetzt auch bei den Bezirksausschüssen für das Thema starkmachte.

Mehrweg-Verpackung bei nächster Bestellung wieder eintauschen

Tatsächlich ist die Auswahl an Mehrwegsystemen groß. Die Speisen werden in hochwertigen Mehrweg-Verpackungen geliefert, die bei der nächsten Abholung oder Lieferung wieder eingetauscht werden.

So können die Behältnisse aussehen: Recup und Rebowl ist nur eines der vielen Mehrwegsysteme.
So können die Behältnisse aussehen: Recup und Rebowl ist nur eines der vielen Mehrwegsysteme. © picture alliance/dpa/RECUP GmbH

Einige Systeme funktionieren als Pfandsystem, andere über eine App. Manche sind bundesweit schon gut etabliert, andere haben speziell in München schon gut Fuß gefasst.

500 bis 1.000 Euro für Gastronomie, die Einweg abschafft

Ein solches System erfordere von den Gastronomen gewisse Startinvestitionen, etwa für die Schulung der Mitarbeiter und die Information der Gäste, heißt es aus dem Haidhauser BA. Daher die finanzielle Unterstützung. "Angestrebt werde eine Fördersumme von bis zu 500 Euro, in besonderen Fällen auch bis zu 1.000 Euro, etwa wenn der Betrieb Einweg komplett abschafft."

Zusätzlich hofft man auf die Bürger: "Es funktioniert nur wenn die Leute sich diese Apps dann wirklich aufs Handy holen und sich die Mühe machen, ein Pfandsystem zu nutzen, und auch danach fragen", sagt Nina Reitz, Sprecherin der SPD im Stadtviertelgremium. "Beide Seiten müssen mitziehen, die Gastronomie und die Nutzer."

Nina Reitz vom BA 5.
Nina Reitz vom BA 5. © privat

Dabei, so glaubt sie, gehe es weniger ums Geld, als vielmehr darum, die Systeme zu etablieren. Und das ist dem BA wichtig: "Wir können ja nicht immer weiter sagen: kaufen und wegschmeißen, und das in Zeiten, in denen man sich über den ökologischen Fußabdruck Gedanken macht", sagt Reitz. "Da muss ein Umdenken stattfinden."

Ab 2023 sollen Bistros und Cafés die Essen für unterwegs oder To-go-Getränke verkaufen, EU-weit auch immer eine Mehrweg-Option anbieten müssen. Vielleicht schafft es München ja tatsächlich vorher.

Einen Beschluss wie in Haidhausen haben jedenfalls auch viele andere Bezirksausschüsse bereits gefasst, darunter Altstadt-Lehel, Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt, Sendling, Trudering-Riem, Ramersdorf-Perlach und Obergiesing-Fasangarten.

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