Thermen-Tickets als Entschuldigung: Ein schwacher Trost

AZ-Onlineredakteur Michael Schleicher über das S-Bahn-Chaos der vergangenen Woche und die nicht verhältnismäßige Entschuldigung der Deutschen Bahn.
| Michael Schleicher
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Die Gutschein-Aktion der Deutschen Bahn ist nicht verhältnismäßig mit den Ausfällen der letzten Woche. Ein Kommentar von AZ-Onlineredakteur Michael Schleicher.
Stephan Jansen/dpa/AZ Die Gutschein-Aktion der Deutschen Bahn ist nicht verhältnismäßig mit den Ausfällen der letzten Woche. Ein Kommentar von AZ-Onlineredakteur Michael Schleicher.

Selten oder gar noch nie gab es bei der Münchner S-Bahn eine solche Pannen-Serie wie in der vergangenen Woche. Von Montag bis Donnerstag mussten sich die Fahrgäste mit Problemen auf der Stammstrecke herumplagen – Ursache war beinahe immer ein technischer Defekt. Das städtische S-Bahnnetz ist mittlerweile vollkommen überlastet, das ist nicht erst seit letzter Woche klar. Wenn's auf der Stammstrecke zu Störungen kommt, steht München still – denn dann geht überhaupt nichts mehr!

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Dass die Münchner nach den irren Chaos-Tagen wütend auf die Deutsche Bahn sind, ihrem Ärger Luft machen und eine Entschädigung fordern, ist durchaus verständlich und nachvollziehbar. Das ewige Warten am Bahnsteig bei frostigen Minusgraden und das darauffolgende Aneinanderdrängen in übervollen und stickigen Zügen hat das Verständnis für Störungen einfrieren lassen und die Gemüter der Menschen erhitzt.

Nur rund ein Prozent der Fahrgäste bekommt einen Gutschein

Die Bahn initiierte gemeinsam mit dem Radiosender Gong 96.3 eine Entschuldigungs-Aktion, um die verärgerten Fahrgäste zu besänftigen. Satte 10.000 Gutscheine für einen Vier-Stunden-Besuch in der Therme Erding (Wert: 24 Euro) sowie unglaubliche 10.000 Gutscheine für einen Kaffee und eine "Butterbrezel" (Wert: 2 Euro) werden von Mittwoch bis Freitag an zufällig ausgewählte Menschen in den S-Bahnen verteilt.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Dass sich die Bahn mit einer besonderen Aktion überhaupt bei den Fahrgästen entschuldigt, ist schon verwunderlich und ein erster Schritt in die richtige Richtung. Und dass ein Münchner Medium (in diesem Fall Radio Gong) diese Maßnahme unterstützt und sich damit für die Einwohner der Stadt einsetzt, ist durchaus löblich und verdient Respekt.

Trotzdem muss man sich die nackten Zahlen klar vor Augen führen: 10.000 Thermen-Gutscheine, die in drei Tagen verteilt werden, stehen insgesamt bis zu 800.000 Menschen gegenüber, die täglich im Münchner S-Bahnnetz unterwegs sind. Mit anderen Worten: Knapp über ein Prozent der Fahrgäste bekommt einen Gutschein. Es wird deutlich, dass die Entschuldigungs-Aktion der Bahn schlicht und ergreifend unverhältnismäßig ist. Es ist gut vorstellbar, dass durch diese Aktion der Unmut bei den Münchnern eher steigt, statt dass sie besänftigt werden, weil eben so wenige Menschen einen Gutschein bekommen. Das Frust-Potential ist hoch. Das ohnehin schon bröckelnde Vertrauen in die Bahn: es sinkt weiter und weiter.

Paradox: Die Fahrt nach Erding muss der Fahrgast selbst zahlen

Bei einer solch verheerenden Pannen-Serie hätten andere Maßnahmen greifen müssen. Möglichkeiten gäbe es zuhauf und sie reichen von äußerst großzügigen, wie beispielsweise einer gratis Monats-, bzw. Wochenkarte für IsarCar-Abonnenten, bis hin zu durchaus umsetzbaren, wie einer (teilweisen) Preiserstattung von schon gekauften Tickets. Zeitkarten-Abonennten könnte so zum kommenden Zahlungszeitpunkt einfach weniger Geld abgebucht werden.

Die tatsächliche Entschuldigung ist stattdessen nicht wirklich durchdacht – das zeigt unter anderem auch folgende paradoxe Tatsache: Möchten die glücklichen Besitzer eines Thermen-Gutscheins mit der S-Bahn nach Erding fahren, müssen sie das Ticket für diese Fahrt selbst zahlen. Der Preis für die Fahrt zur Therme selbst ist in den Gutscheinen nämlich nicht inbegriffen.

Alles in allem ist die als Entschädigung deklarierte Aktion ein schwacher Trost für 10.000 Fahrgäste und überhaupt keiner für die restlichen vielen Hunderttausend Menschen, die keinen Gutschein erhalten haben.

Lesen Sie auch: Ende des Chaos? Der Zukunftsplan für die Münchner S-Bahn

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