Tengelmann-Krise: "Sie werden die Rosinen rauspicken"

Die Entscheidung um die Zukunft von Tengelmann beschäftigt viele Münchner – Kunden wie Mitarbeiter. Ein Stimmungsbild.
| Lisa Marie Albrecht
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Ein Tengelmann in Obermenzing - auch in München bangen viele Mitarbeiter um ihre Jobs.
Petra Schramek Ein Tengelmann in Obermenzing - auch in München bangen viele Mitarbeiter um ihre Jobs.

Die Entscheidung um die Zukunft von Tengelmann beschäftigt viele Münchner – Kunden wie Mitarbeiter. Ein Stimmungsbild.

Es ist noch ruhig in der kleinen Tengelmann-Filiale am Gärtnerplatz, als die frischen Obstkisten geliefert werden. Die Isarvorstädter stehen halt gern ein bisserl später auf. Nur vereinzelt sieht man jemanden mit einem Einkaufskorb herausgehen, noch seltener mit einer der roten Plastiktüten. Klar, man ist ja umweltbewusst.

Die Filiale ist eine von insgesamt rund 120 in ganz München, dazu 67 weitere im Umland. Sie alle befinden sich in der Warteschleife: Am Freitag entscheidet sich, ob es zu einer Zerschlagung der Supermarkt-Kette kommt, oder ob Edeka alle Filialen übernimmt.

Die meisten wollen die Edeka-Lösung

Manfred Schick, Betriebsratsvorsitzender von Tengelmann München, wünscht sich genauso wie die meisten Mitarbeiter die Edeka-Lösung. Denn mit dieser wird allen Mitarbeitern für mindestens fünf Jahre garantiert, dass sie ihren Arbeitsplatz behalten können. Sollten die Filialen danach von Edeka abgegeben werden, kommen noch einmal zwei Jahre dazu. Die Filialen in München seien relativ gut aufgestellt, eine „gesunde Region“. Trotzdem herrsche auch hier unter den Mitarbeitern eine große Verunsicherung. Sie haben Angst.

Deshalb wollen viele auch nicht öffentlich über die Situation sprechen. Die 53-jährige Martina P. (Name geändert) möchte nicht, dass man weiß, wo genau sie arbeitet. Es sei eine größere Fililale in der Nähe vom Viktualienmarkt. Bisher sei die Situation in ihrem Markt „relativ ruhig“, man wisse ja, dass im Zweifel ein neuer Lebensmittelhändler hineinkommt.

„Was uns verunsichert, ist, dass man so viel Pauschales hört und liest. Dort hört man, es gäbe Filialschließungen, da hört man, dass 5000 Mitarbeiter entlassen werden sollen. Da denkt man sich schon: Sind wir da dabei?“ Sie ist seit 28 Jahren dabei und schätzt ihre Kollegen sehr. „Wenn bei einer Übernahme alles so bliebe, wie es jetzt ist, sehe ich keinen Grund zu gehen. Wenn wir alle durcheinandergewürfelt würden und in unterschiedliche Filialen kämen, könnte ich es mir schon vorstellen.“

„Die werden sich nur die Rosinen rauspicken.“

Etwas weiter weg, in Augsburg, ist die Unsicherheit deutlich stärker, erzählt eine Mitarbeiterin, die dort seit 20 Jahren in einer Tengelmann-Filiale arbeitet. „Die Angst geht um. Man hört immer wieder: Zerschlagung. Und fragt sich, was mit uns passiert. Viele unserer Verkäufer machen ihren Job mit Leidenschaft, aber sie können nicht mehr vorausplanen.“ Sie war selbst in München eingesetzt. Zum möglichen Verkauf von Filialen in München sagt sie: „Die werden sich nur die Rosinen rauspicken.“

Ob es wirklich so kommt, wird sich hoffentlich am Freitag entscheiden. Sicher ist: Viele Münchner würden „ihren“ Tengelmann vor Ort vermissen, wie unsere Umfrage zeigt.

Wer ist schuld an der Misere?

Tengelmann-Eigentümer Karl-Erivan Haub: Der 56-jährige klagt laut über die Verluste, die ihm die Supermarktkette seit Jahren beschert. Dass Tengelmann wegen seiner geringen Größe kaum noch wettbewerbsfähig erscheint, ist nicht zuletzt aber auf Entscheidungen Haubs zurückzuführen.

Angesichts des harten Wettbewerbs sah der Unternehmer die Antwort in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder in Schließungen und Teilverkäufen. Er stutze die einst bundesweit tätige Supermarktkette der Familie auf einen regionalen Anbieter zurück und verkaufte zudem die Discountkette Plus komplett an Edeka. „Tengelmann wurde bereits zerschlagen“, titelte deshalb kürzlich die „Wirtschaftswoche“. Haub spielte dann auch noch auf Risiko und beharrte von Anfang an – trotz aller kartellrechtlichen Bedenken – auf einem Komplettverkauf an Deutschlands größten Lebensmittelhändler Edeka. Die damit verbundenen Probleme hat er dabei wohl unterschätzt.

Rewe-Chef Alain Caparros: Der 59-Jährige sagte: „Ich habe alles getan, damit Edeka die Filialen nicht bekommt.“ Tatsächlich waren es Rewe und Markant, die mit einem Eilantrag vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht dafür sorgten, dass der Zusammenschluss von Edeka und Tengelmann auch nach der Ministererlaubnis auf Eis liegt. Caparros hatte nach eigener Einschätzung kaum eine andere Wahl. Er will nicht hinnehmen, dass Rewe weiter zurückfällt. Die Ministererlaubnis für den verhassten Zusammenschluss hält er für ein „abgekartetes Spiel“ – zulasten von Rewe.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD): Einen kurzen Moment lang sah es so aus, als könne sich der Sozialdemokrat mit der Ministererlaubnis als Retter Tausender Arbeitsplätze bei Tengelmann profilieren. Doch kam es anders. Das Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf stoppte den Vollzug der Ministererlaubnis und schob Sigmar Gabriel den schwarzen Peter zu.

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