Starkbieranstich auf dem Nockherberg: FJS lebt!

FJS lebt! Der Rest ist reif für die Couch. Das Singspiel unter neuer Regie: Helmut Schleich spielt als Franz Josef Strauß alles an die Wand – da bleiben für die aktuellen Politiker-Doubles diesmal wirklich nur die Statisten-Rollen.
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Jubel garantiert: Kabarettist Helmut Schleich als Franz Josef Strauß.
dpa Jubel garantiert: Kabarettist Helmut Schleich als Franz Josef Strauß.

MÜNCHEN - FJS lebt! Der Rest ist reif für die Couch. Das Singspiel unter neuer Regie: Helmut Schleich spielt als Franz Josef Strauß alles an die Wand – da bleiben für die aktuellen Politiker-Doubles diesmal wirklich nur die Statisten-Rollen.

Sex, Sound, Specialeffects – und Strauß: Das gute alte Singspiel als Parade der Poser, das sogar Tote auferweckt – und den Saal zum Toben bringt: Autor Alfons Biedermann hat aus dem Possenspiel eine quotentaugliche Castingshow gemacht. Jeder Star von Guttenberg bis Söder glänzt allein mit seinem Lied. „Bavaria sucht den Superpolitiker“ ist eine Egoshow, die echte Hits bietet, „auch, wenn sich die Politiker wenig zu sagen haben“.

Für den Sex steht die halbnackte Weißwurst im Ultramini – Franziska Janetzko mimt den naiven Heidi-Klum-Verschnitt in der Jury. Special Effects: Die bieten Luise Kinseher als psychisch angeschlagene Bavaria und der grandios unverschämte Helmut Schleich als Franz Josef Strauß. Er zuckt mit den Schultern, zieht den Hals ein und rollt das R wie der Leibhaftige – und teilt hemmungslos aus: Seehofers Einzug? Gleicht dem Gang nach Canossa. Hoffnung Guttenberg? „Wenn das die Hoffnung ist, wie sieht dann Verzweiflung aus?“ Der Nockherberg steht Kopf. Und FJS lebt.

Vertrocknete Politpygmäen

Die Bühne besteht aus einer Projektionsfläche für Sternchen, Pfeile, Bilder. Der inhaltliche Kern: Früher war alles besser. „Ich habe noch die halbe bayerische Regierung in Lebensgefahr gebracht“, brüstet sich Strauß – heute sieht er nur vertrocknete Politpygmäen im Kampf zwischen Kundus und Landesbank.

Die geben im Wettbewerb alles. Stefan Murr zeigt als Guttenberg mit einem „gerüttelt Maß an Selbstbewusstsein“ den NDW-Rocker. Und besteht doch nicht gegen den puffgestählten Strauß. Robin Brosch als hochmütig-eitler Westerwelle besingt seinen Traum von der Dauerweltreise, das Fähnchenschwingen dazu fiel den Stadtpolitikern Alexander Reissl und Josef Schmid auffallend leicht. Die Stimme des naiven Blumenmädels Claudia Roth (genialer Klassiker: Eva-Maria Höfling) kennt Strauß schon aus Wackersdorf, der Weißwurst kommt die Obergrüne nur bekifft vor.

Angela Merkel mit Hitqualitäten

„Da Hoast hoaßt Hoast“, sagt die Bavaria, als Wolfgang Krebs als überjovialer Seehofer den Quellekatalog zückt - ihm wurde der schöne Songtitel gegönnt: „Es kommt schon mal vor, dass ich für etwas dagegen bin.“ Doch erst Bundeskanzlerin Angela Merkel (Corinna Duhr) landet den echten Hit, singt mit Westerwelle und Guttenberg vom „Tal der Tränen“ – wann kommt die Single? Könnte was werden. Ohne Reim: „Wir haben einen großen Schaden, uns ist nicht mehr zu helfen.“

Arg gebeutelt ist die SPD: Sigmar Gabriel (knuffig-verzweifelt: Oliver Beerhenke) kämpft sich durch Technikpannen, André Hartmann als stimmlich guter Ude bleibt nur die Werbepause, um Münchens Mega-Investionen als Superschnäppchen anzupreisen. „Rufen Sie jetzt an! Für Ihre eigene S-Bahnstrecke!“ Aber wo ist eigentlich Söder?

"Söder in da house"

Yeah! „Söder is in da House“, Stefan Zinner geht als Techno-Kamikaze gleich auf Gutti los, bis Mama Bavaria dazwischen geht. Schad’, denn der Bezug zwischen den Akteuren fehlt zu oft. Und die Vorstellung, dass zur Lösung des politischen Nachwuchsproblems Strauß und die Landespatronin „schnackseln“, vermag da nur wenig Hoffnung zu vermitteln. Lustig ist sie sowieso nicht.

Politik besteht aus hinterfotzigen Intrigen und Attacken. All’ das bleibt bei der Singshow auf der Strecke. Doch Politiker sind längst die besten Darsteller ihrer selbst. So besehen, tut diese Nummernrevue wohl doch an den richtigen Stellen weh. Bei ihrer Premiere ist Autor Alfons Biedermann, Texter Heiko Wohlgemuth und Komponist Martin Lingnau ein selbstbewusster und unbekümmerter Einstieg gelungen. Wir freuen uns auf das nächste Mal. Aber bitte unbedingt wieder mit FJS.

Vom Nockherberg berichten: Angela Böhm, Anne Kathrin Koophamel, Arno Makowsky, Katharina Rieger, Georg Thanscheidt

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