Vermieter will sanieren: Wir müssen raus und finden nix

Der neue Vermieter will sanieren, deshalb müssen Bozena B. und ihr Sohn ihre Wohnung aufgeben. Wegen der Abfindung wäre genug Geld da, trotzdem sind die beiden auf dem Mietmarkt chancenlos.
| Florian Zick
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Das Haus in der Thorwaldsenstraße: Hier hat Bozena B. 17 Jahre lang gelebt. Die Haustür ist vollgeklebt mit Erinnerungen.
Jörg Koch/immowelt 2 Das Haus in der Thorwaldsenstraße: Hier hat Bozena B. 17 Jahre lang gelebt. Die Haustür ist vollgeklebt mit Erinnerungen.
Das Haus in der Thorwaldsenstraße: Hier hat Bozena B. 17 Jahre lang gelebt. Die Haustür ist vollgeklebt mit Erinnerungen.
Jörg Koch/immowelt 2 Das Haus in der Thorwaldsenstraße: Hier hat Bozena B. 17 Jahre lang gelebt. Die Haustür ist vollgeklebt mit Erinnerungen.

München - Der Entsafter, die Stereo-Anlage – sogar die ganzen Jugendbücher: Alles ist schon gepackt. Spätestens Ende März müssen Bozena B. und ihr Sohn Paul aus ihrer Wohnung raus. Der Münchner Mietmarkt ist bislang jedoch unerbittlich. Aller Anstrengungen zum Trotz: Die beiden finden einfach keine neue Bleibe.

Die Angst vor der ungewissen Zukunft nagt an Mutter und Sohn: "Mama, sind wir bald obdachlos?", fragt der Zwölfjährige unsicher und schaut auf die Boxen mit Legosteinen und Klamotten. Bozena B. weiß darauf keine Antwort. Nur eines: In der Drei-Zimmer-Wohnung in der Maxvorstadt, in der sie 17 Jahre lang gelebt haben, können sie nicht bleiben.

Das Mehrfamilienhaus wird nach dem Verkauf an einen Investor saniert. "Wir haben Ende November 2015 erfahren, dass das Haus verkauft worden ist und wir raus sollen", erzählt Bozena B. Für die 48-jährige Münchnerin der Höhepunkt eines Horrorjahres.

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Das Seniorenheim, in dem die Krankenschwester die Palliativstation geleitet hatte, war pleitegegangen. Dann starb ihre Mutter. Und als wär das nicht schon schlimm genug, wurde ihr ältester Sohn Kilian im Englischen Garten auch noch fast totgeprügelt. Auch körperlich konnte Bozena B. da nicht mehr: Bei einem Sturz zertrümmerte sie sich das Sprunggelenk und erlitt zwei Bandscheibenvorfälle.

In dieser Situation nahm sie das Angebot des neuen Eigentümers an: Eine Abfindung – im Gegenzug bestätigte Bozena B., dass sie spätestens bis zum 31. März 2017 auszieht. Aus den meisten anderen Wohnungen waren die Bewohner da schon verschwunden. Und auch Bozena B. hatte keine Lust mehr zu kämpfen.

Die Krankenschwester hatte nun genug Geld, um die Miete für ein ganzes Jahr im Voraus zu zahlen. "Da wird es kein Problem sein, etwas zu finden", dachte sie sich. Doch auch nach fast anderthalb Jahren Suche: nichts.

Bozena B. hat die einschlägigen Immobilien-Portale im Internet durchsucht, Zettelchen geklebt und Anzeigen aufgegeben. Doch alles, was sie bekommen hat, waren obszöne Anrufe: Im kurzen Röckchen putzen – das wollte sie ebenso wenig wie eine 50-Quadratmeter-Wohnung für 1.600 Euro.

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Jeder sollte sich sehr genau überlegen, ob er einen Aufhebungsvertrag unterschreibt, meint Volker Rastätter vom Münchner Mieterverein. "Eine Abfindung ist leider auch keine Garantie, etwas zu finden", sagt er. Zwar könnten Mieter theoretisch auch während der Sanierung in der Wohnung bleiben. Das bedeute aber viele Monate mit Dreck und Lärm. Zudem könnten danach die Mieten derart hoch sein, dass man sie nicht mehr bezahlen kann.

Seit fünf Monaten sitzen die gebürtige Polin und ihr Sohn Paul nun auf gepackten Koffern. Die Initiative "Verändere deine Stadt", ein Sozialprojekt des Immobilienportals Immowelt, hat den Fall jetzt publik gemacht. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich in meinem Leben noch einmal in eine solche Situation kommen würde", sagt Bozena B. verzweifelt.

Sollten sie auch in den wenigen Tagen, die ihnen bis zum Verstreichen der Frist bleiben, nichts finden, werden Mutter und Sohn wohl in einer Pension für Wohnungslose einquartiert. Einen Schrank haben sie bereits verkauft, weitere Habseligkeiten sollen folgen. Bis Ende März soll nur so viel übrig bleiben, dass das restliche Hab und Gut in einen Sprinter passt.

Immerhin: Nach der Insolvenz ihres alten Arbeitgebers hat Bozena B. zumindest einen neuen Job in Aussicht. Sie wird demnächst wohl am Rechts der Isar anfangen können. Und weil Krankenschwestern so gefragt sind, wird sie sich ihre Abteilung sogar aussuchen dürfen.

Auf dem Wohnungsmarkt ist sie als Krankenschwester dagegen chancenlos. Und das, obwohl sie sich mit Arbeitslosengeld, Rücklagen und Kindergeld auch schon jetzt eine Miete von rund 1.000 Euro leisten könnte.

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