Interview

Giesinger Boutique-Besitzer: "Tiger, Leopard, Strass - das lieben meine Kundinnen"

Achim Borowitzas Geschäft ist in der Stadt wahrscheinlich das letzte seiner Art: eine kleine Boutique, fast nur Stammkundinnen und ein großes Thema. Nämlich Mode mit Wildkatzenmuster und Strass.
| Hüseyin Ince
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Bei Achim Borowitza zu Hause in Giesing: Auch hier dominieren Versace und das Wildkatzenthema.
Bei Achim Borowitza zu Hause in Giesing: Auch hier dominieren Versace und das Wildkatzenthema. © Sigi Müller

Giesing - Achim Borowitza (67) betreibt seit nun mehr 34 Jahren den Modeladen "Achim's Fashion Boutique" in Giesing.

Seine Eltern wollten nur das Beste für ihn. Also überredeten sie Achim Borowitza zu einem soliden Beruf: Er ist Kfz-Mechanikermeister. Doch die Liebe zu seiner Frau und zur Mode ebnete sein heutiges Schicksal: Er ist ein Modefachmann, der sich auf ein ganz bestimmtes Genre spezialisiert hat.

Ein Gespräch mit dem inoffiziellen Münchner König des Wildkatzenmusters über Liebe, Leben sowie Mode - und warum er mit 67 immer noch 1.600 Kilometer weit fährt, um für seine Kundinnen persönlich einzukaufen.

Stammkundinnen freuen sich über Kleidungsstücke aus Paris

AZ: Herr Borowitza, Sie sind im besten Rentenalter. Warum arbeiten Sie denn noch?
ACHIM BOROWITZA: Damit ich nicht allein zu Hause rumhock.

Aber was treibt Sie an?
Dutzende Stammkundinnen. Ich lebe für sie. Die sagen immer: Du darfst nicht aufhören, wo soll ich hin? Das ist sehr familiär, man hat einen netten Tratsch. Ich hab immer Kaffee auf dem Herd und Sekt im Kühlschrank. Sie freuen sich über all die Kleidungsstücke, die ich wieder aus Paris mitgebracht habe.

Wie bitte? Sie fahren persönlich nach Paris, mehr als 800 Kilometer, um all die Jacken, Blusen, Hosen und Shirts für Ihre Kundinnen einzukaufen?
Selbstverständlich. Schon seit mehr als 30 Jahren. Hin und zurück mehr als 1.600 Kilometer. Paris ist eines der größten Modezentren der Welt. Der Eiffelturm ist nicht umsonst über dem Eingang der Boutique eingezeichnet. Meine Frau und ich, wir haben das Geschäft jahrzehntelang zusammen geführt und auf die Weise eine große Stammkundschaft aufgebaut. Der Tod lauert immer und überall. Sie erkrankte plötzlich und ist leider vor drei Jahren sehr unerwartet verstorben. Als sie noch lebte, fuhren wir jeden Monat einmal nach Paris, übernachteten in einem schönen Hotel und kauften für unsere Kundinnen in München ein.

"Ich war schon immer ein Fan von Versace und Chanel"

Und diese Tradition führen Sie fort?
Mittlerweile mache ich das nur noch alle zwei Monate und übernachte dort nicht mehr. Zu viele Erinnerungen an meine Frau. Aber auch wegen Corona war es lange Zeit sehr schwierig. Da gab es Lieferprobleme bei den Modehäusern. Aber wenn ich hinfahre, leihe ich mir ein etwas größeres Auto und kaufe in etwa 500 Teile ein. Das ist eine Größenordnung, die funktioniert. Meine Stammkundinnen kaufen mir eigentlich immer alles ab, was ich aus Paris mitbringe.

Der Laden von Achim Borowitza in Giesing.
Der Laden von Achim Borowitza in Giesing. © Sigi Müller

Sind das Markenklamotten, die Sie da mitnehmen?
Nein, die sind teuer. Und die müsste ich ja sehr teuer weiterverkaufen. Aber ich war schon immer ein großer Fan von Versace und Chanel. Für mich das beste Design. Und beste Qualität. Alles, was ich einkaufe, orientiert sich am Stil dieser beiden großen Modehäuser.

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"Tiger, Leopard, Strass: Das lieben meine Kundinnen"

Und auch am Wildkatzenmuster, wenn man in Ihren Laden schaut. Das ist ja recht dominant.
Tiger, Leopard, Strass: Das lieben meine Kundinnen. Das waren schon von Anfang an die großen Themen in der Boutique. So hebe ich mich auch ab von den anderen Geschäften.

Welche Marken kaufen Sie dann immer ein, wenn Sie in Paris sind?
Oft Kiwi, Fanfare oder Vercotti. Das ist gute Ware.

"Achim's Boutique": Die Umkleide ist üppig und gemütlich, um sich Zeit nehmen zu können.
"Achim's Boutique": Die Umkleide ist üppig und gemütlich, um sich Zeit nehmen zu können. © Sigi Müller

Sieht alles aus wie 80er-Jahre- Retro-Look, oder?
Das kann man so sagen. Ausgefallenes, einzigartiges Design. Keine Massenware. Die 80er waren für mich und meine Frau ein wichtiges Jahrzehnt. Ich glaube, ich bin auch ein wenig in dieser Zeit stehengeblieben.

Na ja, aber ich sehe ein ziemlich großes iPad auf Ihrem Tisch. Das sieht nicht unbedingt so aus, als ob Sie vor Jahrzehnten in der Zeit stehengeblieben wären.
Das stimmt, aber vieles geht ja nur noch übers Internet. Ganz banale Dinge. Wenn ich zum Beispiel einen Termin beim KVR brauche. Deswegen habe ich mir das angeschafft. Vor drei Jahren erst.

Giesinger Boutique-Besitzer pflegte krebskranke Stammkundin

Weil Sie vorher gesagt haben, es sei so familiär in Ihrem Laden: Das behaupten doch sehr viele Einzelhändler. Das ist doch eher Marketing.
Das stimmt. Aber ich glaube, keiner, der so etwas nur so dahinsagt, pflegt eine Stammkundin, die schwer an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte, weil er es ihr schon versprochen hatte, als ihr Mann verstarb.

Das haben Sie getan?
Ich habe einen Monat meinen Laden zugesperrt und war täglich bei ihr, habe sie in den Tod begleitet. Im vergangenen Spätsommer war das.

(ein paar Sekunden herrscht andächtige Stille)

Zurück zu Ihrem Laden. Was kosten die Teile bei Ihnen?
Sie können ein Shirt ab 19 Euro haben. Und das ist kein Billigzeug. Alles ist mindestens aus Viskose, also Naturfaser. Man könnte auch sagen, die Rinde vom Baum, kein Polyester oder so etwas. Bei mir haben die Frauen gute Chancen, ein absolutes Einzelstück zu kaufen, das sonst niemand trägt. Von vielen Teilen habe ich nur vier bis acht Stück im Angebot. Oft sind es totale Einzelstücke. Also, ich meine damit Teile, die ich gar nicht mehrfach kaufen kann, weil es sie nur einmal gibt.

Stimmt es, dass Ihre Kundinnen aus dem Münchner Umland extra hierher in die Giesinger Schlierseestraße fahren?
Ich habe sogar Stammkundinnen aus Österreich und Italien. Das hat seine Gründe: Qualität und Seltenheitswert. Wie gesagt, alles, was ich habe, bekommen Sie sonst nirgends in München.

Warum nicht?
In der Innenstadt lassen sich alle beliefern, wissen oft gar nicht, was sie da für Qualität bekommen, weil sie die Stoffe vorher nie angefasst haben. Man muss dazu sagen: Sie stehen da natürlich auch unter viel größerem finanziellen Druck als hier an der Schlierseestraße. Schauen Sie mal diese Jacke hier, ein leichter Herbstmantel mit Tigermotto. Den bekommen Sie sonst nirgends...

"Alles kostet weniger als 100 Euro. Das ist mir wichtig"

...und was kosten die teuersten Stücke?
Meine Frau und ich, wir hatten immer ein wichtiges Motto, schon zu Zeiten der Deutschen Mark: Nichts darf dreistellig kosten. Alles unter 100 Euro. Das ist und bleibt so. Das teuerste Teil kostet 99 Euro.

Kann es sein, dass so etwas wie dieser Tigermantel hier in der Innenstadt doppelt und dreifach kosten würde?
Ist gut möglich. Wie gesagt, die stehen da natürlich unter einem viel größeren wirtschaftlichen Druck und haben auch Angestellte, die bezahlt werden müssen. Ich bin hier ein Ein-Mann-Betrieb.

Da fällt mir ein: Tragen Sie eigentlich selbst Tiger- oder Leopardklamotten?
Nein. Meine Lieblingsfarbe ist schwarz. Schon mein Leben lang. Aber meine Wohnung ist im Tiger- und Leopardstil ausgestattet, inspiriert von Versace oder auch Chanel.

Borowitza in der Welt zwischen Strass, Leopard- und Tigermuster.
Borowitza in der Welt zwischen Strass, Leopard- und Tigermuster. © Sigi Müller

Kann es sein, dass Sie hier in der Gegend der Letzte Ihrer Art sind?
Ganz sicher. Ich glaube, das ist das älteste Geschäft in der Schlierseestraße. Die ganzen Bäcker, Metzger, Schreibwarenläden - alle sind weg. Anscheinend lohnen sich nur noch die Backshops mit Fertigwaren, die schnell in den Ofen

geschoben werden. Früher gab es ganz viele solcher Boutiquen. Mittlerweile sind sie alle geschlossen. Es ist wirklich traurig mitanzusehen, wie die ganze Mittelschicht wegbricht. Das ist zumindest mein Gefühl über die Jahrzehnte.

Aber Sie haben sich gehalten. Gibt es in Ihrem Laden eigentlich Trends?
Seit 30 Jahren habe ich Tigerhosen, Leopard-Oberteile und Webpelz, dazu viel Strass. Dafür kommen meine Kundinnen, wenn ich wieder in Paris gewesen bin und alle einzeln anrufe, dass ich neue Ware habe. Das ist ein jahrzehntelanger Dauertrend. Viele von ihnen kaufen mindestens fünf Teile, weil ich ihren Geschmack gut kenne.

Keine Ausnahmen, gar keine vorübergehenden Trends?
Kleine vielleicht. Zur Zeit habe ich sehr viele Shirts im Schwarz-Weiß-Stil mit Strass. Aber ansonsten...

"Versace ist große Mode. Aber verkaufen möcht ich's nicht"

Weil Sie vor allem Versace so großartig finden: Wollten Sie nie Versace-Händler werden?
Das hat seine Tücken. Ich wäre nicht mehr frei in der Auswahl meines Angebots. Ich bräuchte erst einmal die Konzession. Das ist die erste große Hürde und kostet. Und dann könnte ich nicht sagen: zwei von der Jeans, drei von der Jacke.

Sondern?
Ich müsste immer die ganze Saisonware abkaufen. Das mache ich nicht. Da wäre ich wieder sofort im Massenwarengeschäft. Das will ich nicht.

Was ist so toll an Versace?
Es ist durchdachte Mode, absolut stimmig. Egal ob Sonnenbrillen, Taschen oder Kleidung. Die Farbkombination Schwarz-Weiß und Schwarz-Gold gefällt mir besonders gut. Das ist meine Welt. Meine Frau hat sehr viel Versace getragen.


Achim's Fashion Boutique, Giesing, Schlierseestraße 28-30, Telefon 089 69 73 475.

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