Baby fast tot geschüttelt - Tagesmutter in München festgenommen

Seit September schon liegt Lukas (10 Monate) auf der Intensivstation. Jetzt ist seine Münchner Tagesmutter (53) verhaftet worden. Der Fall ist ein Skandal.
| Nina Job
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Eine 53-Jährige soll ihr Tageskind fast totgeschüttelt haben. Die Frau sitzt in U-Haft. (Symbolbild)
dpa Eine 53-Jährige soll ihr Tageskind fast totgeschüttelt haben. Die Frau sitzt in U-Haft. (Symbolbild)

Bogenhausen - Der Tag, an dem das Glück einer jungen Familie zerbrach, war der 19. September vergangenen Jahres. An jenem Montag wurde der kleine Lukas (Name geändert) morgens, um kurz nach 8 Uhr, zu seiner Tagesmutter nach Oberföhring gebracht. Das Baby war damals gerade zehn Monate alt und – nach allem, was bislang bekannt ist – gesund.

Als die Mutter ihren kleinen Buben nach rund sechs Stunden wiedersah, war ihr Baby bewusstlos. Lukas reagierte nicht mehr auf die verzweifelte Stimme seiner Mutter.

Das Kind wird irreparable Schäden davontragen – falls es überlebt

Seit diesem Tag liegt Lukas in der Haunerschen Kinderklinik auf der Intensivstation. Die behandelnden Ärzte stellten eine lebensgefährliche Hirnblutung fest. Inzwischen, fast vier Monate später, liegt bei der Staatsanwaltschaft ein Gutachten vor, in dem Rechtsmediziner zu dem Schluss kommen, dass die schwere Verletzung durch ein Schütteltrauma verursacht worden ist. Der kleine Bub wird wohl nie wieder völlig gesund werden – wenn er überlebt.

Kind zu Tode geschüttelt - Sieben Jahre Haft für Mutter

"Es ist davon auszugehen, dass zumindest schwere irreparable Gesundheitsschäden zurückbleiben werden", sagte Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins am Freitag.

Zwei Tage zuvor, am Mittwoch, hatten Polizisten bei der Tagesmutter des Säuglings in Oberföhring geklingelt. Sie hatten einen Haftbefehl wegen versuchten Totschlags dabei, nahmen die Frau mit. Seitdem sitzt die 53-Jährige in Untersuchungshaft. Zu den Vorwürfen sagt sie nichts.

Tagesmutter war mit "sehr gut" beurteilt worden

Die Frau ist selbst Mutter und nach eigenen Angaben bereits seit mehr als 20 Jahren als Tagesmutter tätig. "In ihrem Bundeszertifikat für die Tagespflege war sie 2014 mit 'sehr gut' beurteilt worden", sagte Hedwig Thomalla, Sprecherin des Sozialreferats. Doch 2006 war die Tagesmutter schon einmal angezeigt worden.

Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen jedoch gegen Zahlung einer Geldbuße ein. Was man ihr damals konkret vorwarf, versucht das Sozialreferat nun nach dem aktuellen Vorwurf nachzuvollziehen.

Unterversorgung in manchen Stadtteilen - Hausärzte-Mangel im Viertel: Das könnte die Lösung sein

Die 53-Jährige hatte am 19. September selbst einen Notarzt gerufen – und auch die Eltern des Säuglings verständigt. "Damals behauptete sie, das Kind sei bewusstlos gewesen, als sie es nach dem Mittagsschlaf wecken wollte", so Polizeisprecher da Gloria Martins. Offenbar eine Schutzbehauptung.

Nachdem ein Arzt in der Haunerschen Kinderklinik den Verdacht geäußert hatte, dass Lukas vermutlich infolge eines Schütteltraumas so schwer verletzt worden war, reagierte das Jugendamt zügig: Eine reichliche Woche später, am 27. September, musste die 53-Jährige zunächst mit der Betreuung aussetzen.

Ein Entzug der Pflege-Erlaubnis war nicht möglich

Thomalla: "Wir haben sofort geprüft, ob wir ihr die Pflege-Erlaubnis entziehen können. Das wäre einem Berufsverbot gleichgekommen." Doch dies sei nicht möglich gewesen: "Zuerst musste eindeutig geklärt werden, ob tatsächlich ein Schütteltrauma die Ursache war."

So konnte die Frau noch monatelang weiter Kinder betreuen – allerdings ab 25. Oktober nur mit einer anderen Tagesmutter, die ständig in der Wohnung im Münchner Osten dabei war. "Wir wollten sicherstellen, dass das Wohl anderer Kinder nicht gefährdet ist", sagt Hedwig Thomalla. "Die Eltern haben sich schriftlich einverstanden erklärt."

Am Freitag, 13. Januar, waren fünf Kinder zum letzten Mal in der Obhut der Frau. An diesem Tag lag Lukas seit genau 115 Tagen im Krankenhaus.

Chronologie des Falls

19.9.2016: Die Tagesmutter alarmiert den Notarzt und die Eltern. Im Haunerschen wird eine schwere Hirnblutung diagnostiziert.

26.9.: Ein Arzt verständigt das Sozialbürgerhaus der Stadt, er vermutet eine Kindswohlgefährdung.

27.9.: Das Jugendamt verbietet der Frau vorläufig, weiter Kinder zu betreuen.

10.10.: Ein Arzt vermutet ein Schütteltrauma.

11.10.: Das Jugendamt erstattet bei der Staatsanwaltschaft Anzeige gegen Unbekannt.

25.10.: Die Tagesmutter darf wieder betreuen, aber nur zusammen mit einer Kollegin. Die Eltern geben schriftlich ihr Okay.

4.11.: Jetzt erst informiert die Staatsanwaltschaft die Polizei. Die Mordkommission beginnt zu ermitteln.

17.11.: Der Staatsanwalt gibt ein rechtsmedizinisches Gutachten in Auftrag.

13.01.2017: Das Ergebnis liegt vor. Es ist gleichzeitig der letzte Tag, an dem die Frau Kinder betreut.

18.01.: Die Tagesmutter wird verhaftet.

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