Interview

"Spielplatz Viktualienmarkt": Münchner Marktfrau erzählt über Kindheit in den 50er Jahren

Naschen, Leut aufwiegen, Maiglöckerl verkaufen, Pritschenwagen fahren: In Teil 3 unserer Serie über die 50er erzählt die Standlfrau Inge Rainer von ihrer Kindheit im Herzen von München.
| Irene Kleber
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Um 1950 haben die Blumen- und Schwammerl-Marktfrauen am Viktualienmarkt noch grüne Kisten, an denen sie verkaufen. Links ist das kriegszerstörte Kustermann-Haus zu sehen, rechts ein Auto - die Straße führt zwischen den Ständen durch.
aus dem Album von Inge Rainer/Repros: Bernd Wackerbauer 8 Um 1950 haben die Blumen- und Schwammerl-Marktfrauen am Viktualienmarkt noch grüne Kisten, an denen sie verkaufen. Links ist das kriegszerstörte Kustermann-Haus zu sehen, rechts ein Auto - die Straße führt zwischen den Ständen durch.
Inge Rainer (69) heute am Blumen-Standl am Valentinsbrunnen.
Bernd Wackerbauer 8 Inge Rainer (69) heute am Blumen-Standl am Valentinsbrunnen.
Tanz der Marktweiber nach dem Krieg: Inge Rainers Oma (die mittlere der drei Tänzerinnen vor der turmlosen Heilig-Geist-Kirche) auf der Bühne.
aus dem Album von Inge Rainer/Repros: Bernd Wackerbauer 8 Tanz der Marktweiber nach dem Krieg: Inge Rainers Oma (die mittlere der drei Tänzerinnen vor der turmlosen Heilig-Geist-Kirche) auf der Bühne.
Inge Rainer 1957 mit der Schultüte und Tauben vor dem Valentinsbrunnen, ihre Oma hat damals ihre Blumen-Verkaufskiste genau gegenüber.
aus dem Album von Inge Rainer/Repros: Bernd Wackerbauer 8 Inge Rainer 1957 mit der Schultüte und Tauben vor dem Valentinsbrunnen, ihre Oma hat damals ihre Blumen-Verkaufskiste genau gegenüber.
Großmutter Anna Wetzel mit ihrer Marktschürze am Blumenkistl.
aus dem Album von Inge Rainer/Repros: Bernd Wackerbauer 8 Großmutter Anna Wetzel mit ihrer Marktschürze am Blumenkistl.
Ende der 50er Jahre: Hier hilft Inges Mutter bei der Oma aus. "Anna Wetzel" steht auf der Verkaufskiste, die Blumenauswahl ist überschaubar.
aus dem Album von Inge Rainer/Repros: Bernd Wackerbauer 8 Ende der 50er Jahre: Hier hilft Inges Mutter bei der Oma aus. "Anna Wetzel" steht auf der Verkaufskiste, die Blumenauswahl ist überschaubar.
80 Pfenning das Pfund Heidelbeeren. Im Häusl dahinter (heute Rainers Blumenstand), gibt's Kränze.
aus dem Album von Inge Rainer/Repros: Bernd Wackerbauer 8 80 Pfenning das Pfund Heidelbeeren. Im Häusl dahinter (heute Rainers Blumenstand), gibt's Kränze.
Valentinsbrunnen mit Mutter Inge Wetzel (m.), dahinter das Milchhäusl (heute Café Nymphenburg).
aus dem Album von Inge Rainer/Repros: Bernd Wackerbauer 8 Valentinsbrunnen mit Mutter Inge Wetzel (m.), dahinter das Milchhäusl (heute Café Nymphenburg).

München 1957, das Jahr, in dem Inge Rainer, damals sechs Jahre alt, in der Au in die Mariahilf-Grundschule kommt. Gefeiert wird das am Viktualienmarkt, wo ihre Oma Anna Wetzel Blumen-Marktfrau ist - genau wie Inge Rainer heute. Die Oma stellt die kleine Inge mit ihrem blonden Lockenkopf und dem hellen Sommerkleidchen vor den Valentinsbrunnen. Fürs Foto mit Schultüte, das in jedes Familienalbum gehört.

Inge Rainer 1957 mit der Schultüte und Tauben vor dem Valentinsbrunnen, ihre Oma hat damals ihre Blumen-Verkaufskiste genau gegenüber.
Inge Rainer 1957 mit der Schultüte und Tauben vor dem Valentinsbrunnen, ihre Oma hat damals ihre Blumen-Verkaufskiste genau gegenüber. © aus dem Album von Inge Rainer/Repros: Bernd Wackerbauer

Vorne im Bild sieht man Tauben Krümel vom speckigen Kopfsteinpflaster picken. Im Hintergrund zwei Herren, die dunkle Hüte tragen. Rechts hinterm Brunnen ist ein Auto zu sehen. Ganz schön lang her.

AZ: Frau Rainer, nehmen Sie uns mal mit, 64 Jahre zurück in der Zeit. Was denken Sie, wenn Sie das Foto anschauen?
INGE RAINER: Es hat anders ausgeschaut hier am Markt. Da sind vorm Valentinsbrunnen Autos gefahren, heute würde man sagen, Oldtimer. Genau an meinem heutigen Standl vorbei. Und einen Gang weiter fuhr die Trambahn, die hatte den Wendeplatz vorne an der Kirche. Es hat nur einen Wasseranschluss am ganzen Markt gegeben, und das Klo war hinter der Freibank - die war da, wo heute das Wirtshaus Pschorr ist, gleich hinter uns.

Inge Rainer (69) heute am Blumen-Standl am Valentinsbrunnen.
Inge Rainer (69) heute am Blumen-Standl am Valentinsbrunnen. © Bernd Wackerbauer

Standlfrau Inge Rainer: Bereits ihre Oma verkaufte Blumen auf dem Viktualienmarkt

Verkehr kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen auf dem Viktualienmarkt.
Es waren noch nicht viele Autos, vielleicht zehn in der Stunde. Meine Großmutter hat auch nicht da verkauft, wo ich jetzt bin, sondern vier, fünf Meter gegenüber. Da hatten die Blumenfrauen grüne Verkaufskisten, zwei Meter lang, mit bunten Marktschirmen. Um die 20 Frauen waren das.

Was hat's denn gegeben am Stand von der Oma?
Wenig. Nur was in der Saison um München herum gewachsen ist. Im Frühling Tulpen, Märzenbecher, Maiglöckerl für 50 Pfennig der Bund. Im Sommer Rosen, Nelken, im Herbst Tannenzweige. Nach Weihnachten war bis zum Frühling zu, weil es im Winter ja nichts gegeben hat zum Verkaufen.

Wo kamen die Sachen her?
Teilweise vom Großmarkt, der war da, wo heute die Schrannenhalle steht. Viel kam aus dem Wald, wie Schlüsselblumen oder Schneeglöckerl. Mein Opa ist mit dem Moped und seiner Holzkiam, heute würde man sagen Holzrucksack, Richtung Grünwald rausgefahren. Er hatte einen Klaubschein vom Förster, damit er Sachen aufsammeln darf. Danach ist er gern ins Wirtshaus verschwunden, da, wo heute das Derag-Hotel ist. Ich weiß noch, dass die Oma mich oft rüber geschickt hat, den Opa holen.

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Hat man vom Verkauf leben können?
Zehn, 20 Mark am Tag hat die Oma eingenommen. Damals ist ganz München auf den Viktualienmarkt einkaufen gekommen, es hat ja keine Wochenmärkte gegeben. Es hat immer gereicht, dass ich ins Milchhäusl hab rübergehen dürfen, das gleich neben den Blumenkisten gestanden ist.

Wo heute das Café Nymphenburg Sekt drinnen ist?
Genau, damals gab's da warme Milch, Zuckerschnecken und Strudel. Und drüben am Zeitschriftenstand hab ich Lutschmuscheln und Brausestangerl holen dürfen. Ich hab nicht hungerleiden müssen als Kind.

Wie war der Viktualienmarkt als Spielplatz?
Es hat jeder jeden gekannt und ich hab überall vorbeigeschaut und genascht, bei den Beeren, beim Gemüse, am Ganserlmarkt. Bei der Oma war's nie langweilig. Ich hab Tauben gefüttert, Maiglöckerl verkauft, gekehrt, Kisten geputzt. Zu tun war immer was.

Wann haben Sie am Markt die ersten Orangen gesehen?
Spät. Es hat lang nur Äpfel, Birnen, Erdbeeren und Bananen gegeben. Exoten sind erst viel später gekommen. Wir hatten auch keine Kühlung am Markt. Das Geflügel haben sie im kalten Wasser liegen gehabt. Und am Großmarkt ums Eck hast lebende Tiere kaufen können.

"Das Wasser haben wir mit Kohle geheizt"

Hat Ihre Oma mitgetanzt im Fasching, beim Tanz der Marktweiber?
Ja sowieso! Auf einem Foto sieht man sie am Faschingsdienstag, da war immer was los. Für mich ist auch das Aufwiegen aufregend gewesen: Da ist kurz vor der Wiesn das Gewicht von einem Prominenten mit Obst, Gemüse und Wurst aufgewogen worden. Das hat man an wohltätige Vereine gespendet. Leider gibt's das nimmer.

Gewohnt haben Sie in der Au. Wie hat's da ausgeschaut?
In der Wohnung in der Nockherstraße? Das waren zwei Zimmer mit einer Toilette und einer Badewanne. Das Wasser haben wir mit Kohle geheizt, und ein Mal die Woche sind wir alle ins selbe Badewasser rein. Ich war ein Einzelkind, ich hab es da schön gefunden.

Erinnern Sie sich an Trümmer und Häuserruinen?
Trümmer nicht. Aber viele Häuser waren noch verfallen. Es gab eine Sauerkrautfabrik in der Au, da haben wir als Kinder Sauerkrautköpfe geschenkt bekommen und roh gegessen. Oft ist ein Kartoffelhändler mit einer Glocke am Auto vorbeigefahren. Wir haben für ein Fuchzgerl Kartoffeln gekauft und am Lagerfeuer gegrillt. Wenn die Kartoffeln schwarz waren, waren's fertig.

"Wegen einem Lagerfeuer hat sich doch keiner gschert"

Lagerfeuer? Wo denn?
In den Wiesen und Sträuchern in der Au, das war damals alles eine Wildnis. Da hat sich wegen einem Lagerfeuer doch keiner gschert. Wir waren frei auf der Straße. Ich hab mit Fünf schon ein Radl gehabt und bin überall herumgefahren. Wir haben mit nix gespielt, mit Dreck, mit Sand, mit Bällen. Bandl-Hüpfen war üblich, oder Pfenningschubsen, das ging auch mit Steinen.

Wie sind Sie aus der Au zum Viktualienmarkt gekommen?
Meine Eltern hatten einen Opel Blitz Zweisitzer, das war ein Pritschenwagen mit Ladefläche, der war mit einer Propangasflasche betrieben.

Das wär ein Hingucker heute.
Aber echt. Mein Vater hat einen Tannengroßhandel gehabt und die Tannen mit dem Auto bei den Bauern aus dem Wald geholt. Daraus sind Trauerkränze gebunden worden. In meinem jetzigen Stand waren damals vier Kranzhändler. Den Stand haben meine Eltern später übernommen.

Und Sie selber 1986. Ist ein Leben ohne Viktualienmarkt für Sie heute vorstellbar?
Ganz weg möchte ich nie. Ich mach's schon noch ein bisserl.

Und dann? Es ist ja sogar Ihre Uroma schon hier gestanden, das ist jetzt über 120 Jahre her.
Dann übernimmt mein Sohn Stefan, es geht immer weiter.

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