Kaum Nutzung: Münchens Sommerstraßen ohne Städter

Sie sollten Leben in die Viertel bringen: Doch an vielen Orten werden die temporären Fußgängerzonen nicht genutzt. Die Anwohner sind eher unzufrieden.
| Philipp Hartmann
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Artikel empfehlen
Wie kommen die Sommerstraßen (im Bild die Margarete-Schütte-Lihotzky-Straße) bei den Münchnern an? Eine Umfrage soll dies klären.
Philipp Hartmann 4 Wie kommen die Sommerstraßen (im Bild die Margarete-Schütte-Lihotzky-Straße) bei den Münchnern an? Eine Umfrage soll dies klären.
David nutzt die Sommerstraße in seinem Viertel kaum.
Philipp Hartmann 4 David nutzt die Sommerstraße in seinem Viertel kaum.
Am Mildred-Scheel-Bogen hinterm Schwabinger Krankenhaus ist es zwar schön schattig, aber richtig einladend sieht es hier auch nicht aus.
Philipp Hartmann 4 Am Mildred-Scheel-Bogen hinterm Schwabinger Krankenhaus ist es zwar schön schattig, aber richtig einladend sieht es hier auch nicht aus.
Hier funktioniert's ein bisserl: An der Südlichen Auffahrtsallee komme Eltern mit ihren Kindern zum Radlfahren-Lernen.
Philipp Hartmann 4 Hier funktioniert's ein bisserl: An der Südlichen Auffahrtsallee komme Eltern mit ihren Kindern zum Radlfahren-Lernen.

München - Margarete-Schütte-Lihotzky-Straße im Domagkpark, 15 Uhr: Vielleicht mag es auch an der Hitze liegen, doch an diesem Nachmittag herrscht auf dem verkehrsberuhigten Bereich entlang der Straße tote Hose.

Unter dem Titel "Sommerstraßen" hatte die Stadt München in diesem Jahr auch hier ihr Pilotprojekt erweitert: Über mehr als 14 temporäre Spielstraßen oder verkehrsberuhigte Bereiche in der ganzen Stadt dürfen sich die Münchner noch bis zum September freuen. Nur: Viele tun's nicht.

David (40) und in der Verwaltung an der TU tätig, spielt gerade mit seinen Kindern vor seinem Haus. "Von der Sommerstraße halte ich nicht viel. An sich ist es eine gute Idee, aber der Abschnitt ist viel zu klein. Man müsste das schon auf den ganzen Bereich um die Wohnhäuser ausweiten, damit das Konzept seine Wirkung entfaltet", sagt er.

David nutzt die Sommerstraße in seinem Viertel kaum.
David nutzt die Sommerstraße in seinem Viertel kaum. © Philipp Hartmann

Um den Domagkpark: Schon ausreichend Platz da

Auf dem Parkplatz vor der "Funkstation", einem Aufenthaltszentrum für Jugendliche und Familien, hätten die Jugendlichen schon ihre Skateboard-Rampen aufgebaut, "und auch sonst gibt es hier viele andere Aufenthaltsmöglichkeiten".

Tatsächlich wirken die gut hundert Meter Spielstraße ein wenig überflüssig. Sowohl im Domagkpark als auch in den Innenhöfen und Spielplätzen zwischen den Wohnhäusern scheint es schon ausreichend Platz für die Anwohner zu geben.

Mildred-Scheel-Bogen, 16 Uhr: Auch in West-Schwabing ist wenig los. Auf der Straße stehen einsam die Beton-Pflanzenkübel mit Stühlen davor, die aber niemand nutzt, was die Straße nun eher wie einen Hindernis-Parkour wirken lässt.

Am Mildred-Scheel-Bogen hinterm Schwabinger Krankenhaus ist es zwar schön schattig, aber richtig einladend sieht es hier auch nicht aus.
Am Mildred-Scheel-Bogen hinterm Schwabinger Krankenhaus ist es zwar schön schattig, aber richtig einladend sieht es hier auch nicht aus. © Philipp Hartmann

Maria: "Betonkübel und Stahlstühle sind total altbacken"

Maria (44) ist Psychologin und macht sich gerade mit ihren Kindern auf zu einer Fahrradtour: "Ich war glücklich mit der Straße, wie sie war. Diese Sommerstraße bringt mir eher Nachteile: Wir haben hier ohnehin nicht viele Parkmöglichkeiten und die fallen jetzt auch noch weg."

Aber auch von der etwas lieblosen Umsetzung hält sie nicht viel: "Wir haben hier so eine schöne, moderne Architektur. Die Betonkübel und Stahlstühle sind total altbacken und verschandeln die Wohngegend."

Da momentan ohnehin viele Leute im Urlaub sind, gibt es kaum Bedarf für den Extra-Platz. "Und was ist, wenn dann im September die ganzen Urlauber zurück sind? Dann braucht man die Straße wieder dringend."

Hier funktioniert's ein bisserl: An der Südlichen Auffahrtsallee komme Eltern mit ihren Kindern zum Radlfahren-Lernen.
Hier funktioniert's ein bisserl: An der Südlichen Auffahrtsallee komme Eltern mit ihren Kindern zum Radlfahren-Lernen. © Philipp Hartmann

Sommerstraßen: Vielerorts bringen sie wenig Mehrwert

Tatsächlich sind dann auch Spaziergänger und Sportler in dem Wohnviertel unterwegs – allerdings nur in den Grünanlagen. Während des Corona-Lockdowns sei das Projekt der Sommerstraßen zunächst verschoben worden, erklärt Andreas Schuster, Verkehrsexperte in der SPD-Stadtratsfraktion, "da wir dachten, es gäbe dieses Jahr ohnehin nicht viele Möglichkeiten, hinauszugehen".

Als die Lockerungen kamen, hätten sie erst spät mit der Umsetzung angefangen. "Wir haben dabei auf die Ortskenntnis der Bezirksausschüsse vertraut, die die Straßen selbst vorgeschlagen haben."

Auch wenn diese Versuche gut gemeint waren, vielerorts bringen sie wenig Mehrwert. "Ich bin mit der Auswahl der Straßen nicht glücklich", sagt Manuel Pretzl, Fraktionsvorsitzender der Rathaus-CSU. Die Stadtverwaltung müsse aus ihren diesjährigen Fehlern lernen.

Hanusch (Grüne): Projekt Sommerstraße braucht noch Zeit

Andreas Schuster von der SPD verspricht Besserung: "Wir möchten die Anwohner das nächste Mal früher einbinden. In Berlin gibt es die Plattform 'FixMyBerlin', bei der die Bürger Bedarf für Fahrradstraßen anmelden können. Sowas wäre auch in München denkbar: Wenn sich genügend Anwohner zusammenfinden, kann daraufhin eine Sommerstraße dort entstehen, wo auch tatsächlich Bedarf ist."

Auch bei den Grünen will man die neuen Sommerstraßen noch nicht als gescheitert ansehen. Stadträtin Anna Hanusch denkt, dass man dem Projekt noch Zeit geben muss. "Der Bedarf nach verkehrsberuhigten Flächen ist groß", sagt sie zur AZ. "Manche Straßen könnten auch über den Sommer hinweg umgewidmet werden." An manchen Stellen könnte das auch angenommen werden.

Südliche Auffahrtsallee, 17 Uhr: Auf einem Stuhl sitzt ein Mann, der in seinem Notizbuch zeichnet. Ein Paar blickt von einer Bank auf den Kanal. Eine Mutter schiebt den Kinderwagen über die schattige Straße.

Neuhausen: Sommerstraße deckt einen echten Bedarf

Der Abschnitt zwischen Waisenhaus- und Nymphenburger Straße ist für Verkehr komplett gesperrt, zwischen der Grünanlage und dem Kanal entsteht so eine Verbindung, die den Park erweitert.

Besonders glücklich sind hier zwei Radfahrer in spe: "Zum Fahrradfahren lernen ist die Sommerstraße super", erklärt ein Ehepaar, das mit seinen Kindern gerade das Radeln geübt hat. "Man muss nicht auf vorbeifahrende Autos achten, und die Kinder können in Ruhe spielen."

Dafür gibt es tatsächlich wenig Platz in Nymphenburg. Und für einen Vater, der mit seiner Tochter unterwegs ist, könnte die Straße hier ruhig bleiben: "Zur Waisenhausstraße führen eh die Nymphenburger Straße und die Südliche Auffahrtsallee fast parallel. Da kann eine der Straßen ruhig auch mal fehlen."

Die Sommerstraße deckt hier also einen echten Bedarf der Anwohner. In Wohngebieten scheint das eher weniger der Fall zu sein. Andreas Schuster von der SPD will trotzdem nicht, dass die Sommerstraßen künftig nur in der City geplant werden: "Es ist wichtig, nicht schon wieder nur ein Angebot für die Innenstadt zu schaffen. Wir möchten auch in den Wohngebieten das Projekt anbieten. Das werden wir nächstes Jahr noch mal angehen."


Was ist Ihre Meinung? Haben Sie eine Sommerstraße in Ihrem Viertel, die angenommen wird? Oder herrscht auch dort Leere? Schreiben Sie uns leserforum@az-muenchen.de oder AZ, Garmischer Str. 35, 81373 München

Lesen Sie hier: "Sommer in der Stadt" in München - Was geboten ist

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – hier diskutieren Artikel empfehlen
0 Kommentare
Artikel kommentieren