Interview

Simon Pearce: "Münchner Humor? Dreggad!"

In der AZ spricht Simon Pearce über seine Liebe zur Stadt, die Leidenschaft für die Wiesn, die Frage, wo Zugezogene Alteingesessene verstehen – und Probleme mit der Polizei.
| Felix Müller
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"Diese Stadt hat meine Temperatur, meine Geschwindigkeit": Simon Pearce an der Humboldtstraße in Untergiesing.
"Diese Stadt hat meine Temperatur, meine Geschwindigkeit": Simon Pearce an der Humboldtstraße in Untergiesing. © Daniel von Loeper

München - Die Familie ist in Haidhausen, die eigene Wohnung im Glockenbach – und das Herz irgendwie immer bei den Sechzgern in Giesing. Der Kabarettist Simon Pearce ist bundesweit ein gefragter Mann. Weg aus München will er nicht.

Zeit für ein Stadt-Gespräch mit der AZ über das Johanniscafé, kein Bier mehr nach zehn, Sandkästen im Hof, Löwen-Spiele als Kind mit seinem nigerianischen Vater – und private Polizeibesuche im Mathäser.

AZ: Herr Pearce, worum muss man sich in diesen Jahren mehr sorgen: dass die jungen Kreativen wegziehen aus der teuren Stadt - oder dass die Alteingesessenen sich München nicht mehr leisten können?
SIMON PEARCE: Ich finde, das geht ein bisserl Hand in Hand. Auch die Jungen können ja altes München sein. Das Problem sind doch die Firmen, die ganze Häuser aufkaufen, die immer als Beispiel hergenommenen Unternehmensberater, die zuziehen, aber kulturell nichts zur Stadt beitragen. Kulturell und kreativ kann auch der junge Typ sein, der vielleicht Skateboards macht - und sich dann spätabends auch mal ins Johanniscafé reinhockt und dort auch das alte München versteht.

Pearce: "Diese Wirthauskultur in München ist einzigartig"

Ist Ihr altes Stammlokal Johanniscafé einer dieser letzten Orte, wo das zusammenkommt: das alte bodenständige München und junge Leute?
Ja, das ist schon so. Ich war immer viel da, bin immer noch oft da. Die Fraunhofer Schoppenstube bei der Gerti, das war auch noch so ein Ort. In den Biergärten funktioniert es ja auch noch. Da hockt man sich dazu, macht einen Spruch und dann läuft's. Dass es diese Art von Wirtshauskultur gibt, das ist an München schon einzigartig.

Rund um Löwen-Spiele ist es in Giesing doch auch so - dass ganz verschiedene Menschen ins Gespräch kommen, die sich sonst in dieser Stadt immer weniger begegnen.
Ja, klar. Das ist in Giesing ja das Gute. Wie es traditionell in England vor dem Fußball ist, sind viele Leute schon Stunden vorher im Viertel und stehen rum. Irgendwie auch ein Biergarten-Gefühl, halt auf ganz Giesing ausgeweitet.

Mit der "VIP-Lounge Giesing" mittendrin

Sie selbst schauen die Spiele oft von weit oben. Schon am Tag der Rückkehr ins Grünwalder 2017 standen Sie in einer der Wohnungen mit Blick ins Stadion. Aus dem Fenster hing eine "VIP-Lounge Giesing"-Fahne.
Wir waren davor mal im Johanniscafé gehockt mit dem Spezl, der da in der Wohnung wohnt. Und da haben wir drüber geratscht und irgendwie war klar: Wir nennen das VIP-Lounge Giesing. Irgendwann in der Regionalliga-Saison hat uns dann sogar Stadionsprecher Stefan Schneider begrüßt. Er rief wie immer: Wo sind die Löwen in der Westkurve? Wo sind die Löwen in der Stehhalle? Und dann eben auch: Wo sind meine Löwen in der VIP-Lounge Giesing? Da standen wir dann zu dritt schreiend oben am Fenster.

Wie haben Sie den Tag der Rückkehr nach Giesing in Erinnerung?
Mit sechs Jahren hat mich mein Papa 1988 das erste Mal mit ins Grünwalder genommen. Von Puchheim aus war das der Ausflug in die große Stadt, als Bub verbunden mit einer Mischung aus Faszination und Angst. Und: Auf einmal waren wir nicht mehr die Außenseiter, die wir in Puchheim eh schon waren und dann ja auch noch die einzigen, die sich offen als Löwen-Fans gezeigt haben.

Und in Giesing?
Waren auf einmal alle wie mein Papa. Auch mit Löwen-Schal. Aus der Zeit sind 2017 wahnsinnig die Erinnerungen hochgekommen, als dann überall vor den Kneipen wieder die Löwen standen. Als Kinder durften wir immer zum Wienerwald, da standen nun auch wieder überall Leute. Fußball im Grünwalder ist schon was für Fußball-Nostalgiker. Mein Kumpel aus dem Siegerland ist so einer, der würde am liebsten nur Fußball auf dem Ascheplatz sehen. Mit dem war ich auch mal in Giesing, da hatte er Tränen in den Augen.

Pearce: "Nur zwei Mal habe ich Karten bekommen"

So gesehen irgendwie auch schade, hoch oben in der Lounge zu sein und nicht drinnen im Grünwalder?
Ja, natürlich. Aber es war klar, dass wir keine Karten kriegen. Die ganze erste Saison war das ja so. Immerhin zwei Mal habe ich Karten bekommen. Leider Haupttribüne und nicht wie früher in der Kurve.

In der VIP-Lounge hat euch auch mal Ivonne Mölders besucht, die Ehefrau von Stürmer Sascha Mölders.
Ja, das war gut. Wir hatten Leberkas und Bier da. Sascha hat natürlich ein Tor gemacht und auch hochgejubelt in Richtung Lounge.

Wie war der Besuch zustande gekommen?
Sie hatte mir geschrieben und gefragt. Ich hab' den Daniel, dem die Wohnung gehört, gefragt. Er wollte noch wissen, ob die nett sind. Dann hat alles gepasst und wir haben Bier getrunken.

 Pearce: "Irgendwie habe ich den Vibe verloren"

Sie haben mal sehr geschwärmt vom Bahnwärter Thiel, dem Außenrum im Schlachthofviertel. Wird München gar nicht immer langweiliger? Sind vielleicht gerade so gar ganz gute Jahre - um jung zu sein in dieser Stadt?
Ich glaube schon, dass es ganz gute Jahre sind. Aber während Corona habe ich irgendwie auch ein bisschen den Vibe verloren, gefühlt ist ja seit zwei Jahren gar nix mehr passiert. Für mich sind es auf jeden Fall gute Jahre. Ich habe Family, verdiene bisschen mehr Geld und kann die Vorteile Münchens genießen: Wenn es mich mal stresst, nehme ich die BOB oder ein Mietauto und bin schnell am Tegernsee.

Wenn Orte wie der Bahnwärter Thiel verschwinden, gibt es aber irgendwann endgültig keinen Platz mehr für nicht ganz so Rausgeputztes, oder?
Ich glaube, dass sich die Münchner Subkultur immer wieder wehren kann gegen Über-Gentrifizierung. Man braucht kreative Köpfe. Und Veränderung entsteht ja auch oft erstmal dadurch, dass etwas nervt.

Hatten Sie mal eine Phase, in der Sie wegwollten aus München, raus in eine andere Stadt?
Ach, so bisschen hatte ich mal Köln überlegt, wo ich beruflich viel bin. Aber ich finde es auch immer wieder schön, aus Köln zurück nach München zu kommen.

Die Münchner Gemütlichkeit

Warum?
Diese Stadt hat einfach meine Temperatur, meine Geschwindigkeit. Klar ist es eine hektische Stadt, aber es gibt auch bayerische Gemütlichkeit. Wenn Leute meckern, das sei hier nur ein Dorf, durch das eben eine U-Bahn fährt, dann sage ich: Stimmt, aber das ist doch auch das Geile.

Puchheim immerhin dürfte noch dörflicher sein.
Wenn es heißt, in München sei alles anonym - das Gefühl habe ich überhaupt nicht. Hier kenne ich sehr viele Leute, überall bleibt man auf einen Ratsch stehen. Ich mag an München, dass es gemütlich ist - und man, wenn man will, trotzdem die Sau rauslassen kann.

"Ich finde gut, dass am Spielplatz in München keine Spritzen liegen"

Wann merkt man das Dörfliche noch?
An dem einen Kiosk an der Reichenbachbrücke. Wenn ich zu meinem Kumpel aus dem Siegerland sage: Treffen wir uns um acht am Kiosk? Dann fragt der: An welchem? Habt ihr nur einen oder was? Selbst in so kleinen Städten wie Aachen oder so ist da ja viel mehr los. Dass man um zehn draußen oft kein Getränk mehr kriegt, mei, das ist hier halt so. Ich finde das auch nicht cool, aber man gewöhnt sich dran wie ans Rauchverbot. So sind hier halt die Regeln und deshalb ist eine Stadt doch nicht scheiße.

Und mit Kind ist es manchmal sogar angenehm?
Dass hier an den Spielplätzen keine Heroinspritzen liegen, finde ich gut, klar. Es muss nicht immer alles super-Berlin, super-schmutzig sein. Obwohl ich die Münchner Polizeipräsenz auch nicht abfeiern will.

Grünwalder Straße 2017: Simon Pearce im Fenster rechts grüßt aus der VIP-Lounge Giesing.
Grünwalder Straße 2017: Simon Pearce im Fenster rechts grüßt aus der VIP-Lounge Giesing. © picture alliance / Tobias Hase/dpa

Ist das immer noch typisch München - einfach überall absurd viel Polizei?
Es ist ein bayerisches Thema. Es sind hier einfach so viele Polizisten - und vieles ist nicht so extrem wie in anderen Städten. Deshalb hat man das Gefühl, sie könnten sich mehr mit Kleindelikten beschäftigen, kleinen Kiffern und so. Ein befreundeter Polizist hat mich früher oft bei meiner Arbeit im Mathäser besucht. Für sowas bleibt der Berliner Polizei keine Zeit.

Werden Sie noch so viel kontrolliert wie früher?
Nein, viel weniger. Das ist offenbar eine Altersfrage.

Pearce: "Alltagsrassismus ist auch hier ein Thema"

Aber?
Die Jüngeren trifft es immer noch. Und dann schrieben mir Weiße - wenn ich das thematisiere -, dass sie auch schon mal kontrolliert werden, wenn sie "zu laute Musik anhaben" oder sich auffällig verhalten.

Stimmt wahrscheinlich auch.
Die können die Musik aber ausmachen oder leiser drehen. Bei "auffälligem Verhalten" ist meine Hautfarbe eher ausschlaggebend, werde ich auch kontrolliert.

Wie groß ist das Thema Alltagsrassismus in München?
Nicht größer als anderswo, aber auch hier ein Thema. Es sind nicht immer die krassen Sachen, wie als ich geschlagen oder meine schwangere Frau angespuckt wurde. Handtaschen werden weggedrückt, wenn ich mich dazusetze, am Bahnhof wurde ich neulich als Drecks-Nigger beschimpft, was ich erst gar nicht mitbekommen habe, weil ich Kopfhörer aufhatte.

Pearce: "Die machen das für uns"

Und wie ist es beim Ausgehen?
Wo ich ausgehe, in meiner Bubble, gibt es das schon weniger. Aber es kommt vor. Neulich haben im Restaurant am Klo zwei Südtiroler, so geldige Typen, "eh B*mbo, hast du Rosen zu verkaufen?" gefragt.

Was hat Ihnen die riesige "Black Lives Matter"-Demo bedeutet?
Sehr viel. Da waren 25.000 Leute! Mädels-Gruppen, die offenbar nicht mit einer schwarzen Freundin da waren. Es war ein Gefühl von "Die machen das für uns". Ich stand hinten mit dem Kinderwagen und habe geheult.

Ist das Thema manchmal auch einfach zu ernst, eine ganz schwere Gratwanderung als Kabarettist?
Ach, ich führe ja auch ernste Interviews, ich mache das alles gerne. Ich löse viel mit Humor, aber das muss nicht immer sein. Neulich war ich im Fernsehen bei "Hart aber fair". Am Abend davor hab ich mich irgendwo mit Lebensmittelfarbe eingeschmiert auf einer Bühne - und dann am nächsten Tag halt Polit-Talk.

"Berliner denken ja, ich sei in der Lederhosn mit der Kuh geritten"

Wie münchnerisch ist Ihr Humor? Wann lacht der Berliner nicht mehr mit?
Bisserl dreggada ist es schon in München mit dem Humor, die Kölner kommen da auch gut klar. In Bayern rede ich natürlich auch etwas Bairischer. Im Norden muss ich auch erklären, dass Puchheim kein Dorf ist. In Berlin denken die ja, ich sei in der Lederhosn mit der Kuh zur Milch geritten.

Was war gut an Puchheim?
Der Garten, einfach rausgehen und auf der Straße spielen.

Hat Sie das mit Kind nicht wieder gereizt, dieses Leben?
Ne, wir sind schon zu sehr Stadtmenschen. Und München ist diesbezüglich ja der coolste Kompromiss, den man in Deutschland haben kann. Ich bin sehr gerne hier. Wir haben ja auch die Isar - und wenn wir aufs Land wollen, machen wir das einfach kurz.

Wie geschleckt und langweilig ist es in Ihrer Nachbarschaft im Glockenbach mittlerweile?
Wir haben sehr viel Glück gehabt mit einer bezahlbaren schönen Altbau-Wohnung, haben eine Mega-Hausgemeinschaft, durften einen Sandkasten in den Hof bauen und grillen da. Das ist irgendwie Anti-Glockenbach. Ich habe hier immer noch meine Stammkneipen, das Holy, das Robinsons, High und Easy Tiger.

Pearce: "Der Gärtnerplatz nervt inzwischen"

Also eigentlich alles gar nicht so schlimm wie alle schimpfen?
Doch, schlimm ist die Entwicklung schon, aber überall in München. Zum Beispiel in Haidhausen. Leerstehende Häuser als Spekulationsobjekt, was man da alles hört, wie Leute rausgehauen werden.

Das Glockenbachviertel lebt?
Es ist schon noch ganz cool, es machen noch neue Bars auf. Ich finde nicht, dass es immer schlimmer wird. Klar, der Gärtnerplatz nervt inzwischen, aber da wohne ich weit genug weg. Und ich verstehe die Leute auch. Wenn ich 16 oder 20 wäre, würde ich da wahrscheinlich auch hin.

Von Puchheim aus?
Auf jeden Fall. In ist, wer drin ist.

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Wie sehr hat heuer die Wiesn gefehlt?
Mir hat sie sehr gefehlt. Klar, wenn man um 23 Uhr am Bahnhof ankommt, ist das schon hart. Aber ich mag die Wiesn sehr. Manche Münchner sagen ja: Das Gute an der Pandemie ist, dass es keine Wiesn und keinen Fasching gibt. Also ich mag beides.

Was ist besser?
Natürlich die Wiesn.

Was mögen Sie daran?
Meine Freundeskreise zusammenzuführen, dass sich irgendwie alle kennenlernen. Und das Bier mag ich schon auch, muss ich sagen.

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