"Sieht übel aus, geht gar nicht“: Ärger an der Münchner Eisbachwelle

Am Mittwochvormittag (19. August) steht gegen 9.30 Uhr schon eine kleine Menschentraube rund um die Eisbachwelle. Unter der Brücke schießt ziemlich braunes Wasser hindurch, so viel wie schon lange nicht mehr.
Der Regen der vergangenen Tage hat aus dem Rauschen ein Donnern gemacht – und aus der Eisbachwelle mal wieder ein Fragezeichen. Denn durch das Niedrigwasser der letzten Wochen war das Surfen selten so unsicher wie derzeit.
Halb schäumt die Welle am Mittwoch, zu einem Drittel ist sie glatt und gut zu reiten. Surferinnen und Surfer balancieren an der glatten Stelle einige Sekunden, bevor sie rückwärts ins Wasser stürzen. Und das zieht immer mehr Publikum an. Kinder stellen sich auf die Zehenspitzen, Rentner bleiben mit dem Rad stehen, Touristen zücken die Handys. Alle fiebern mit, wenn sich unten wieder ein Surfer in die Walze wirft.

Nach Regen schwillt der Eisbach deutlich an
"Jetzt ist wieder viel Wasser da, dank des Regens", sagt ein Surfer mit Board unter dem Arm. Vorher habe die Welle rechts bei 1,20 Meter gestanden, sei dann eingefallen, weil zu viel Wasser kam. Jetzt liege sie bei 1,40 Meter, links gehe es einigermaßen, rechts sei sie "komplett tot". "Sieht übel aus, geht gar nicht. Wahrscheinlich zu viel Wasser auf einmal." Er huscht vorbei, um sich zum Surfen anzustellen.

Etwas weiter steht Philipp (38), ein Berater, seit Jahren fast täglich hier. Im Herbst werde bekanntlich traditionell sauber gemacht, erzählt er, zuletzt aber zu gründlich. Die Welle war lange Zeit kaputt: Hinten habe man zu viel Kies rausgeholt, ist sich Philipp sicher. Den ganzen Winter über sei die Welle deshalb "gar nicht gelaufen".
Laut Stadt ist die nächste Bachauskehr zwischen Herbst und Frühjahr geplant. Einen genauen Termin gebe es noch nicht. Und die Auskehr erfolge gemäß den immer gleichen sowie strikten Vorgaben, die keinen Interpretationsrahmen zuließen, so das Referat für Klima und Umweltschutz (RKU). Den Vorwurf, "zu gründlich" gewesen zu sein, kann man hier nicht nachvollziehen.

"Es wäre schön, wenn die Stadt mal einen echten Versuch mit der Surfcommunity unternimmt", sagt Philipp. Es habe ja schon Anläufe mit Surfverein und Community gegeben – seitdem sei aber nichts mehr passiert. Bis heute sei unklar, wie es weitergeht. Dass es auch anders geht, zeige die jüngste Vergangenheit: Durch einen kleinen Einbau sei die Welle wieder "vernünftig" gelaufen. Noch vor zehn Tagen sei sie mega gewesen.
"Aus der schäumenden Wasserwalze kommt man schwer wieder heraus"
Leopold (27), Zahnarzt, zupft den Neoprenanzug zurecht. Von der Brücke aus gesehen rechts dürfe man derzeit auf keinen Fall in die Walze reinfallen, sagt er, da komme man schwer wieder raus – falle man beim Links-Surfen, sei das dagegen kein Problem. Etwa zwei Meter sei die surfbare Stelle breit, anfangs eine Umstellung.

Am Beckenrand sitzt der Student Paul (23). Er ist frustriert, weil die Surfer im Wasser nichts einsetzen dürfen, um eine stabile Welle zu erzeugen. Man brauche eigentlich nur zehn Minuten, um eine kleine Rampe einzubauen, dann laufe die Welle perfekt. Nur: Sobald sie das täten, komme am nächsten Werktag das Baureferat und hole die Rampe wieder raus.
"Eine Rampe wäre schnell eingebaut"
Seit April sei das Surfen offiziell wieder erlaubt, aber eben ohne Rampe – immer nur, wenn die Bedingungen zufällig passen. "Ein ziemlich mieser Trick", findet Paul. Technisch sei das keine große Sache, es brauche nur eine Kleinigkeit. Erlaubt sei das trotzdem nicht.
Bei der Stadt sieht man genau diesen Punkt nach wie vor kritisch – und vor allem aus einem rechtlichen Blick. Das RKU schreibt auf eine Anfrage der AZ: "In dem Moment, in dem Dinge in den Wasserlauf eingebracht werden, um eine surfbare Welle herzustellen, ändert sich die rechtliche Betrachtung. Dann stellt sich die Frage: Sind die Einbauten sicher? Wer hat dies überprüft? Wer kümmert sich um die Instandhaltung?"
Bei Einbauten stelle sich die Haftungs- und Verantwortungsfrage
So werde aus einem natürlich vorhandenen Sportplatz ein menschlich gestalteter – mit verschärften Anforderungen an die Verkehrssicherung und entsprechenden haftungsrechtlichen Konsequenzen. Es gebe nur zwei Varianten für die Zukunft. Entweder, alles bleibe wie bisher und die Stadt trage die Verantwortung. Oder, es werden wasserrechtlich genehmigte Einbauten eingesetzt.
Nur dann müsse eine Surfer-Organisation oder der jeweilige Antragsteller die Verantwortung übernehmen. "An allen anderen Fluss-Surfspots in deutschen Städten läuft es so, auch an der Floßlände in München", so das RKU.

Auch beim Licht zeigt sich das komplizierte Verhältnis der Surfer zur Verwaltung. Die Stadt hat einen Scheinwerfer installiert, er hängt aber laut den Surfern so, dass er Schatten auf die Welle wirft, statt sie auszuleuchten. Ein Licht, das direkt auf die Welle scheint, wäre ihrer Ansicht nach nötig – ist aber verboten. Nachts ist Surfen ohnehin untersagt, "dabei ist es dieselbe Welle wie tagsüber", sagt Paul.
Die Surfer wirken dennoch zurückhaltend, wenn es um das Surfen in der Dunkelheit geht. Denn an die tödliche Tragödie erinnert man sich noch. Im April 2025 verunglückte an der Welle eine 33-jährige Surferin, als sich ihre Leine spätabends am Grund verfing – sie starb wenige Tage später. Seither gilt die Surfzeit zwischen 5.30 und 22 Uhr. Nur erfahrene Surfer sind zugelassen. Eine Leash mit Sollbruchstelle ist Pflicht.
"Rettungseinsätze in der Dunkelheit sind erheblich erschwert"
Am nächtlichen Surfverbot werde die Stadt festhalten, schreibt das RKU. Das diene nicht nur dem Schutz der Surferinnen und Surfer, sondern auch dem Schutz der Rettungskräfte, die im Notfall eingreifen müssen. Denn: "Rettungseinsätze in der Dunkelheit sind erheblich erschwert. Nach Feststellung der Sicherheitsbehörden besteht bei einem Nachtbetrieb der Surfwelle ein deutlich erhöhtes Risiko gegenüber dem Tagbetrieb", so das RKU.
Auch beim Beleuchtungsverbot zwischen 22 Uhr und 5.30 Uhr fühlt sich die Stadt im Recht. Es gehe dabei darum, dass "die Verwirklichung artenschutzrechtlicher Verbotstatbestände nicht ausgeschlossen werden und deshalb ist der Einsatz von "privat" mitgebrachten künstlichen Lichtquellen untersagt. Dieses Verbot dient dem Artenschutz im Bereich der Eisbachwelle, insbesondere der dort vorkommenden Insekten und Fledermausarten", so das RKU.

Die Surfer-Community reguliert sich auch selbst
Genau deshalb wünschen sich Philipp, Leopold und Paul vor allem eines: keine Alleingänge der Stadt, sondern echte Zusammenarbeit mit den Surfern – bei den Themen Rampe, Kies und Licht. Was Regeln allein nicht schaffen, regle die Community selbst: Wer sich offensichtlich gefährde, werde von den anderen angesprochen und notfalls weggeschickt, sagen die Surfer.

Die Debatte ist wohl auch ein Stellvertreterstreit für ein größeres Versprechen: Erst im Sommer hatten sich Ministerpräsident Söder (CSU) und der damalige Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) an der Dianabadschwelle gezeigt, die offiziell als zweite, legale Welle gefeiert werden sollte. Passiert ist seitdem wenig.
"Keine Alleingänge, sondern stets im Austausch"
An der alten, inoffiziellen Welle zeigt sich derweil, wie kompliziert es werden kann. Bis Stadt und Surfer einer Meinung sind, surfen Philipp, Leopold, Paul und die anderen weiter mit dem, was Regen, Wasserstand, Zufall und Improvisation möglich machen.
Die Stadt kann den Frust der Surfer an dieser Stelle nicht ganz nachvollziehen, zumindest langfristig nicht. Alleingänge habe es bei dem Thema nie gegeben. Man sei mit der Surfcommunity stets im Austausch. "Die Stadt unterstützt mit allen Kräften, damit die Welle in einem rechtlich gangbaren Rahmen gesurft werden kann", schreibt die Sprecherin des RKU. Die Sicherheit der Surfer sei ein großes Anliegen, gerade nach dem tödlichen Unfall 2025.