Schwerer E-Scooter-Unfall in München wirft Fragen zu Sicherheit und Verboten auf

Ein schwerer Zusammenstoß zwischen einem Radfahrer und einem E-Scooter in der Münchner Maxvorstadt entfacht die Debatte über Sicherheit, Regeln und mögliche Verbote neu – und zeigt, wie rasant die Unfallzahlen mit den Leihrollern in der Stadt steigen.
Hüseyin Ince |
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Auf seinen rechten Arm wird sich Schulz wochenlang nicht mehr stützen können.
Auf seinen rechten Arm wird sich Schulz wochenlang nicht mehr stützen können. © Daniel von Loeper

Christian Schulz (64) arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten bei der WWK, die Rente ist nah. Zur Arbeit am Hauptbahnhof fährt er am liebsten mit dem Radl, "immer ganz gemütlich", wie er betont. Doch vorerst muss er sein geliebtes Fahrrad ziemlich lange stehen lassen.

Denn an einem Donnerstag Ende September verunfallte er so unglücklich, dass er sich die rechte Schulter mehrfach brach. "Der Arm wird eigentlich nur von Haut und Muskeln gehalten", sagt der Lebensversicherungsexperte frustriert, als wir ihn einen Tag nach dem Unfall sprechen können.

"Ohne zu bremsen, Vollkaracho!"

Schulz war schon fast bei seiner Arbeitsstelle angekommen, fuhr auf der Elisenstraße Richtung Westen. "Es waren nur noch 900 Meter. Auf einmal kam der E-Scooter aus dem Alten Botanischen Garten geschossen, etwa auf Höhe des Brunnens", erinnert er sich, "ohne zu bremsen, Vollkaracho!" Ein Scooter des Vermieters Voi war es, das erkannte Schulz. Der Fahrer? "Ein dunkelhäutiger junger Mann, er fuhr einfach weiter und sagte noch Sorry!" Da lag er schon mit großen Schmerzen am Randstein.

Weiterfahrt unmöglich. Er war auf seine rechte Schulter und auf sein Gesicht gestürzt, nachdem ihn der E-Scooter von rechts am Vorderreifen erwischt hatte. Den Arm konnte er nicht mehr heben, war kurz bewusstlos. Im Nachhinein denkt sich Schulz, wenn es ganz blöd gelaufen wäre, "hätte ich auch tot sein können". Zwei Zeugen halfen ihm. Als der Rettungswagen kam, hatte er die erste Diagnose. "Es hieß sofort, dass es sich wohl um einen Trümmerbruch der Schulter handelt", sagt Schulz.

Mit viel Metall die Schulter retten

Der Versicherungsexperte versteht nicht, warum der junge Mann einfach weitergefahren ist. "Die E-Scooter von Voi sind ja versichert, er hätte nichts befürchten müssen", sagt Schulz. Ihm stehen einige Operationen bevor. "Sie versuchen, mit Metallschiene, Prothese und Schrauben die Schulter zu retten", sagt er. Der Frust ist ihm deutlich anzuhören. Urlaubspläne kann er vergessen.

Der von einem E-Scooter umgefahrene Christian Schulz lag noch übers Wochenende im Krankenhaus und musste mehrfach operiert werden. Seine rechte Schulter ist mehrfach gebrochen.
Der von einem E-Scooter umgefahrene Christian Schulz lag noch übers Wochenende im Krankenhaus und musste mehrfach operiert werden. Seine rechte Schulter ist mehrfach gebrochen. © Daniel von Loeper

"Ich glaube, dass vielleicht viele Leute, die neu in Deutschland sind, die Regeln rund um die E-Scooter nicht kennen", sagt Schulz und betont: "Nicht falsch verstehen, ich wähle nicht die AfD und habe viele, sehr viele Freunde mit Migrationsgeschichte." Und die Konsequenz: "Ich würde die Pariser Linie fahren. Keine E-Scooter in der Innenstadt. Hier fährt doch alle paar Minuten ein Bus, dazu Tram, U-Bahn sowie S-Bahn. Wozu E-Scooter?"

Der Unfall wird Schulz monatelang beschäftigen. Er denkt auch an seine Mitmenschen. "Was, wenn ich jetzt nicht zufällig langjähriger Mitarbeiter der WWK kurz vor der Rente wäre und stattdessen Mitte 30 und selbstständig? Meine Familie und ich, wir würden vor Existenzproblemen stehen", sagt Schulz.

Gemischtes Bild in der Unfallstatistik

Die Polizei bestätigt den Vorfall an der Elisenstraße, bei dem Christian Schulz verunglückt ist. Aber man wolle nichts dazu sagen, bis die Ermittlungen abgeschlossen sind. Die Sprecherin verweist auf die Münchner Jahresbilanz "Sicherheitsreport 2025". Hier seien auch die E-Scooter-Unfälle aufgeführt. Blättert man auf Seite 156, ist ein sprunghafter Anstieg bei Unfällen mit E-Scootern zu sehen.

639 polizeilich registrierte Unfälle zählte man im Raum München im Jahr 2025. Ein Jahr zuvor waren es 499. Das ist ein Anstieg um 28,1 Prozent. 583 Personen wurden dabei verletzt. Häufigste Unfallursache: "verbotswidrige Benutzung der Fahrbahn oder anderer Straßenteile". 143 Mal folgte daraus ein Sturz oder eine Kollision mit anderen Verkehrsteilnehmern. Die zweithäufigste Ursache: E-Scooter-Fahren unter Alkoholeinfluss (101 Unfälle), 66 hiervon am Wochenende.

Es ist die mit Abstand größte Zunahme an Verkehrsunfällen im Vergleich zu Fußgängern (minus 0,5 Prozent) sowie Radlern (plus 2,4 Prozent). Doch zum Gesamtbild gehört auch: Betrachtet man die absoluten Zahlen von 2025, sind es die wenigsten Unfälle im täglichen Straßenverkehr Münchens. 639 E-Scooter-Unfälle sind registriert, jedoch 3520 Unfälle mit Radlern sowie 970 Unfälle mit Beteiligung von Fußgängern.

"Den Bedarf für E-Scooter gibt es"

Nun müsste der Unfall von Christian Schulz wohl im nächsten Bericht in zwei Statistiken auftauchen, bei den Radler-Unfällen und auch bei den E-Scooter-Unfällen. Doch gefragt werden muss auch, wie solche Unfälle im Alltag wahrgenommen werden. Ein Anruf an der politischen Basis der Maxvorstadt, bei der Bezirksvorsitzenden Svenja Jarchow-Pongratz (Grüne).

Zunächst einmal zeigt sich die Bezirkschefin schockiert über die Folgen des Unfalls von Christian Schulz und hofft auf schnelle Genesung. "In den Sitzungen sind das rücksichtlose Abstellen und auch das fahrlässige Fahrverhalten immer wieder ein großes Thema", sagt Jarchow-Pongratz. Aber der Bedarf nach E-Scootern in der Innenstadt sei schon da. "Leute nutzen die Fahrzeuge auch bei großer Hitze, um nicht verschwitzt bei einem Geschäftstermin anzukommen", sagt sie. Ein E-Scooter-Verbot in der Innenstadt sieht sie eher skeptisch.

In Finnland sind E-Scooter zeitweise verboten

Doch für eine stärkere Regulierung scheint Jarchow-Pongratz offen zu sein. Sie nennt das Beispiel Helsinki. "Dort fuhren sehr viele Menschen betrunken auf den Leih-Scootern. Deshalb wurden sie in den Abendstunden am Wochenende verboten", sagt sie. Auch neue Abstellflächen müsse man gut arrangieren und schaffen, damit keiner über die Fahrzeuge stolpere. Auch sie selbst nutze E-Scooter hin und wieder, "für den letzten Kilometer", sagt die Bezirkschefin.

Für Christian Schulz ist das alles natürlich wenig Trost. Er hatte einfach viel Pech, so wirkt es. Nicht jeder E-Scooter-Fahrer ist schließlich so fahrlässig und rücksichtslos wie der Mann, der ihn mit dem beliebten Elektrogefährt vom Fahrrad gestoßen hat.

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  • eule75 vor 36 Minuten / Bewertung:

    Der Ärmste, abgesehen von den Schmerzen wird er sich längere Zeit schwer tun mit den täglichen Verrichtungen nach der Entlassung. Hoffentlich hat er jemanden, der ihm hilft.

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