Schlüsseldienst-Abzocke: Münchner zahlt für einmal Tür öffnen 1012 Euro

Dénes N. (39) sperrt sich aus und ruft nachts einen Schlüsselnotdienst – das böse Erwachen kommt, als der Monteur im Morgengrauen endlich fertig ist.
| Nina Job
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"Ich musste mit in seine dunkle Limousine steigen und das Geld an einem EC-Automaten abheben": Dénes N. fühlt sich vom Schlüsseldienst überrumpelt – und über den Tisch gezogen.
Nina Job "Ich musste mit in seine dunkle Limousine steigen und das Geld an einem EC-Automaten abheben": Dénes N. fühlt sich vom Schlüsseldienst überrumpelt – und über den Tisch gezogen.

München - Man möchte nur schnell den Müll runterbringen, lässt die Tür offen – und plötzlich fällt sie hinter einem ins Schloss. Oder man vergisst in der Eile schlicht und einfach, den Schlüssel einzustecken – ausgesperrt zu sein, ist schnell passiert. Wer in dieser Situation keinen Ersatzschlüssel hinterlegt hat, braucht einen Schlüsseldienst.

Einige schwarze Schafe unter den Firmen nutzen diese Notsituation gnadenlos aus. Wofür seriöse Firmen rund 75 bis 150 Euro verlangen, kassieren sie das Vier- oder Fünffache. Dénes N. aus Johanneskirchen wurde besonders dreist abgezockt. Von ihm verlangte der Mitarbeiter eines Schlüsselnotdienstes für einen Nacht-Einsatz die Rekord-Summe von 1.012,51 Euro – sofort und in bar!

Dénes N. war müde. Der Techniker hatte Spätschicht gehabt und war danach noch mit Kollegen ein Bier trinken gegangen. Erst mitten in der Nacht kam er nach Hause. Der 39-Jährige wusste, dass er nicht sofort ins Bett konnte. Als er nachmittags zu seiner Arbeitsstelle aufgebrochen war, hatte er die Wohnungstür hinter sich ins Schloss gezogen – und den Schlüssel in der Wohnung vergessen.

Zunächst war der Tontechniker optimistisch. So schwer würde es schon nicht werden, die Tür wieder zu öffnen. Doch was er in dieser Nacht erlebte, macht Dénes N. auch Wochen später noch wütend. Der Techniker, der bei einem Fernsehsender arbeitet, versuchte, die Tür zuerst selbst mit einem Eisendraht zu öffnen. Doch nach zwei Stunden gab er auf, die Tür ließ sich nicht öffnen. Auf seinem Smartphone suchte er im Internet nach einem 24-Stunden-Schlüsseldienst.

Er googelte die Worte "Schlüsseldienst Johanneskirchen" und entschied sich für den ersten, der in der Suchmaschine auftauchte. Um 4.45 Uhr traf der Schlüsseldienst-Mitarbeiter bei ihm ein. Diese Uhrzeit schrieb er später auch auf die Rechnung. Etwa 90 Minuten, schätzt Dénes N., war der Schlüsseldienst-Mitarbeiter namens Yousef H. an der Tür zugange. "Schließlich hat er den Knauf abgesägt, den Zylinder zerstört und einen neuen eingebaut", erinnert sich Dénes N.

Der Inhaber einer seriösen Münchner Firma, der sich die Tür im Nachhinein ansah, bestätigt, dass das Öffnen schwieriger war als üblich. "In 99 Prozent aller Fälle muss der Zylinder nicht gezogen werden. In diesem Fall war das anders, weil die Tür nach außen aufging."

Experte: "Hätte maximal 270 Euro kosten dürfen"

Die Kosten seien künstlich in die Höhe getrieben worden, sagt der Münchner, der schon mehrmals bedroht worden ist, weil er unseriöse Praktiken von Konkurrenten mit Wucherpreisen angeprangert hat. Deshalb möchte er auch nicht namentlich in der Zeitung stehen. Er versichert glaubhaft: "Die Tür-Öffnung hätte maximal 15 Minuten dauern dürfen. Je nachdem, wie hochwertig der neu eingebaute Zylinder gewesen wäre, hätte alles zusammen höchstens 220 bis 270 Euro gekostet."

Yousef H. dagegen schrieb eine Rechnung, bei der Dénes N. schwindelig wurde: Neben einer Pauschale "Fallspezifischer Einsatzwert" (129 Euro) und Nachtzuschlag (129 Euro) schrieb der Monteur auch noch eine Mehrarbeitszeit pro angefangene Viertelstunde von insgesamt 158 Euro auf. Dazu kamen noch der Materialverbrauch und ein Extra-Betrag für "Bohren, Knacken, Fräsen, Flexen".

Zu guter Letzt berechnete der Monteur einen teuren Zylinder für 350 Euro – bei einer anderen Firma wäre Dénes N. mit einem Übergangszylinder für rund 40 Euro dabei gewesen. Gesamtsumme inklusive 19 Prozent Mehrwertsteuer: 1.012,51 Euro! Das Geld verlangte Yousef H. sofort auf die Hand. "Ich musste mit in seine dunkle Limousine steigen und das Geld an einem EC-Automaten abheben", erinnert sich Dénes N. Er war zu müde, um noch groß zu protestieren – hob das Geld ab und übergab es dem Mann. Es war bereits fast 7 Uhr in der Früh. "Ich wollte nur noch ins Bett."

Telefonnummer wird umgeleitet

Als Dénes N. klar wurde, wie dreist er abgezockt worden war, wollte er gegen die mutmaßliche Wucherfirma vorgehen, den Fall zumindest prüfen lassen. Er fuhr zur Polizei nach Ismaning, um Anzeige zu erstatten: "Aber der Polizist meinte, da könne man nichts machen." Er solle versuchen, privatrechtlich gegen die Firma vorzugehen.

Die AZ fand heraus, dass die Telefonnummer (089 - 38  03  80  66), die Dénes N. gewählt hatte, auf eine 0800-Nummer umgeleitet wird, die zu der Firma von Michael S. führt, die unter tun24h.de die Vermittlung von Schlüsseldienstleistungen anbietet. Als dessen Münchner Firmensitz wird die Agathenstraße 28 angegeben. Unter derselben Adresse sitzt auch die Abex Schlüsseldienstzentrale. Beide fungieren lediglich als Vermittler für Leistungen von Schlüsseldiensten, Türöffnungen und Rohrreinigungen.

Anstelle von ortsansässigen Mitarbeitern reisen die Monteure häufig von weit her an. Sie schließen den Vertrag mit dem Kunden ab, stellen auch die Rechnung – und müssen dem Vermittler für den Auftrag eine Provision zahlen.
In Verbraucherschutzforen wie Verbraucherschutz.de wird vor tun24h.de und der Abex GmbH gewarnt – auch wenn auf deren eigenen Seiten ausschließlich positive Kritiken erscheinen.

Fachberaterin Esther Jontofsohn von der Verbraucherzentrale Bayern sagte zur AZ: "Den Kunden werden trotz Nachfrage am Telefon keinerlei Preise genannt. Nach Abschluss der Arbeiten erhalten sie horrende Rechnungen, die bar zu begleichen sind." Die überteuerten Rechnungen entstünden durch "unzulässige Doppelberechnungen, Sonderzuschläge und die Berechnung von Spezialgeräten".

Von der Firma wollte sich auf AZ-Anfrage niemand zu der extrem hohen Rechnung äußern. Auch Yousef H. äußerte sich trotz mehrfacher Anfrage nicht. Dénes N. hat Yousef H. mehrmals aufgefordert, ihm einen Teil der Rechnungssumme zurück zu überweisen. Doch darauf wartet er immer noch. Mittlerweile seit sieben Wochen.

Tatjana Halm von der Verbraucherzentrale rät ihm, Zivilklage einzureichen. Die Rechtsexpertin sieht gute Chancen, dass er einen Prozess wegen Wuchers gewinnen würde.


Lassen Sie sich nicht von unseriösen Notdiensten abzocken! Das rät die Verbraucherzentrale Bayern:

  • Deponieren Sie bei einer Person Ihres Vertrauens einen Schlüssel, am besten bei einem Nachbarn.
  • Erkundigen Sie sich bei Ihrem Hausverwalter oder in Ihrem Viertel nach einem Schlüsseldienst mit Ladengeschäft vor Ort. Speichern Sie die Nummer für den Notfall in Ihrem Handy.
  • Fragen Sie bereits am Telefon nach einem festen Preis. Meist dauert das Öffnen einer Tür mit normalem Schloss nur zehn bis 30 Sekunden. Das kostet etwa 75 bis 100 Euro. Verhandeln Sie am besten unter Zeugen.
  • Vereinbaren Sie, dass nur die verschlossene Tür geöffnet werden soll. Das Auswechseln des Schlosses ist meist nicht notwendig.
  • Lesen Sie den Auftrag gründlich durch, bevor Sie ihn unterschreiben. Streichen Sie nicht Vereinbartes.
  • Sie sind nicht verpflichtet, sofort bar zu zahlen. Notdienste dürfen keine Bearbeitungs- oder Buchungsgebühr verlangen, wenn Sie nicht sofort in bar zahlen.
  • Zuschläge sind nur außerhalb der üblichen Arbeitszeiten zulässig. „Bereitstellungszuschläge“ oder „Spezialwerkzeugkosten“ sind nicht erlaubt.
  • Rufen Sie die Polizei, wenn der Handwerker Sie unter Druck setzt und zur sofortigen Zahlung drängt, etwa indem er droht, die Tür wieder zu verschließen. Das ist Nötigung!

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