Rentner rettet Betrunkenen vom U-Bahn-Gleis

An der Theresienwiese wird Josip B. zufällig Zeuge, wie ein Mann ins Gleis stürzt. Ohne zu zögern, springt der 77-jährige Rentner dem 31-Jährigen nach, zerrt ihn von der Schiene.
| Nina Job
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München - Ohne auch nur eine Sekunde an die Gefahr zu denken, in die er sich selber brachte, hat ein Rentner gestern einen Betrunkenen davor bewahrt, von der U-Bahn getötet zu werden. Unerschrocken kletterte der 77-Jährige ins Gleis. Erst im letzten Moment, als die U 4 auf ihn zufuhr, rollte sich der Rentner in den Rettungsschacht.

Der Sonntagmorgen hatte für Josip B. harmlos begonnen – wie ein ganz normaler Sonntag. Seit 46 Jahren lebt der gebürtige Kroate in München. Bis vor zehn Jahren arbeitete er als Maurer. Da seine kleine Rente nicht zum Leben reicht, arbeitet Josip B. seitdem jeden Tag von 6 bis 10 Uhr im Prinzregententheater als Putzhilfe. So auch gestern.

Gegen 5.30 Uhr ging Josip B. im U-Bahnhof Theresienwiese über den Bahnsteig bis zu der Stelle, wo er immer in die U4 einsteigt. „Im Vorbeigehen habe ich den Mann gesehen, wie er an dem Glashäuschen lehnte, in dem zur Wiesn immer die Aufpasser sitzen.“ Josip B. dachte sich nichts und ging weiter. „Als ich stehenblieb und zur Anzeigetafel blickte, sah ich, wie der Mann nach vorne zur Bahnsteigkante ging. Er beugte sich nach vorn, als ob er etwas sucht, dann fiel er runter“, erzählt der Rentner.

Josip B. war sofort hellwach. Er rannte hin, schrie den anderen Wartenden zu: „Kommt helfen! Kommt helfen!“ Dann kletterte er ins Gleis zu dem Verletzten. Eine Krankenschwester (35), die wohl ebenfalls auf dem Weg zur Arbeit war, kam ihm zu Hilfe. „Der Mann blutete am Kopf, er war wie tot. Er lag auf der vorderen Schiene und antwortete nicht.“

Gemeinsam versuchten der Rentner und die Krankenschwester, den bewusstlosen Mann nach oben auf den rettenden Bahnsteig zu ziehen. „Aber er war zu schwer, wir haben es nicht geschafft. Wir hatten nur eine Minute Zeit.“ In welcher Gefahr er war, daran dachte Josip B. nicht. „Ich hatte keine Zeit, Angst zu haben. Ich habe immer nur gedacht: ,Ich muss diesen Mann retten!’“

Der Rentner kniete im Gleisbett, den Verletzten zwischen seinen Beinen. Dann kam die U-Bahn. „Ich sah sie kommen. Ich riss die Arme hoch, schrie ,Halt!, Halt!’“ Doch die U4 stoppte nicht. Josip B. und der Frau war es gerade noch gelungen, den Mann mittig zwischen die Schienen zu zerren, dann kletterte die Frau nach oben, um sich in Sicherheit zu bringen. Josip B. rollte sich seitlich weg in den Rettungsschacht. Dann fuhr der Zug an ihm vorbei und über den Betrunkenen.

„Als der Zug stand, bin ich im Rettungsschacht nach vorn gekrochen und vor der Lok herausgeklettert“, so der Rentner. Erst nachmittags erfuhr er, dass der Verletzte überlebt hat. Die Feuerwehr hatte den Zug mit einem Lkw-Wagenheber und einem Hebekissen angehoben, um den Münchner zu bergen. Der 31-Jährige wurde am Bein verletzt, schwebt aber nicht in Lebensgefahr. Gestern Nachmittag stand Josip B. zum zweiten Mal an diesem Tag im Bahnhof Theresienwiese. Sonntags geht er immer in die Kirche. „Ich werde für den Mann beten, dass er wieder richtig gesund wird.“

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