Reittherapeutin in der Corona-Krise: Sorgen um den Hof

Schwierige Zeiten für Menschen und Tiere. Mit welchen Problemen eine Münchnerin kämpft, die Reittherapie für Kinder anbietet. Auch die Pferde leiden unter Einsamkeit.
| Ralph Hub
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Nähe ist bei der Reittherapie besonders wichtig.
privat Nähe ist bei der Reittherapie besonders wichtig.

München - Keine lachenden Kinder, keine wiehernden Pferde, kein Hufgetrappel – auf der Koppel von Manuela Neuhofer ist es seit mehr als zwei Wochen gespenstisch still. Das Coronavirus hat ihren kleinen Betrieb im Landkreis München von einem Tag auf den anderen komplett lahmgelegt.

Die 39-Jährige ist Pädagogin und hat sich vor acht Jahren auf die Arbeit mit Kindern spezialisiert. Seit vier Jahren hat sie ihren eigenen Stall mit zehn Pferden in der Nähe von Aying. Auf der grünen Wiese bietet sie therapeutisches Reiten an. Die meisten Kinder sind zwischen fünf und 15 Jahren alt. Manche sind verhaltensauffällig, sind hyperaktiv oder haben Konzentrationsprobleme. Manche der Buben und Mädchen sind aber auch geistig oder körperlich gehandicapt.

Die Ausflüge mit ihren Eltern auf die Koppel sind für sie besonders wichtig. Reiten gibt ihnen Selbstvertrauen und Mut, es macht sie glücklich, wenn sie sich niedergeschlagen und depressiv fühlen. „Die Therapie hilft ihnen, Ängste abzubauen und sich weiterzuentwickeln“, erklärt Manuela Neuhofer, "es fördert ihre Konzentration und steigert das Selbstbewusstsein."

Manuela Neuhofer: "Man kommt man sich unweigerlich sehr nahe"

Manche ihrer kleinen Klienten betreut die studierte Pädagogin bereits seit Jahren. Die Kinder haben Vertrauen zu ihr aufgebaut und vermissen jetzt umso mehr ihre Therapeutin und die Reitstunden. "In meinem Beruf kommt man sich unweigerlich sehr nahe", sagt Manuela Neuhofer, "das ist gerade in Zeiten von Corona aber auch problematisch."

Bekommt ein Kind beim Reiten Angst, verliert den Halt im Sattel, muss die Therapeutin sofort zu Stelle sein. Da bleibt keine Zeit, vorher die Hände zu desinfizieren, einen Mundschutz anzulegen, und erst recht darf man nicht auf Abstand bleiben.

Mediziner und Virologen sind zwar bisher der Meinung, dass Kinder nicht schwer an Corona erkranken. Aber sie könnten das Virus übertragen und andere anstecken – deshalb die Vorsichtsmaßnahmen. Was schwierig zu verstehen ist, wenn man noch sehr jung ist und kaum eine Vorstellung davon hat, was dieses Virus alles anrichten kann. Die Kinder haben über die Jahre hinweg Freundschaft mit "ihrem" Pferd geschlossen. Sie sind wie eigene Haustiere für sie und deshalb ist der Kontakt emotional auch so wichtig für die Buben und Mädchen.

Reittherapeutin Neuhofer: So hoch sind ihre Fixkosten

Manche rufen bei Manuela Neuhofer an und erkundigen sich besorgt, ob es den Pferden auch wirklich gut geht, ob sie ausreichend Bewegung haben, Futter und Wasser. Bei einem Pferd hat Manuela Neuhofer kürzlich eine Strähne der Mähne abgeschnitten. "Ich habe die Haare zusammengebunden und einem Mädchen nach Hause gebracht", erzählt die 39-Jährige. Das kann zwar die Reitstunde nicht ersetzten, doch die Achtjährige hat so das Gefühl, ihrem Liebling ein klein wenig näher zu sein.

Manuela Neuhofer hat zehn Pferde, alte und junge Tiere, große und kleine. Sie alle müssen versorgt werden. Sie brauchen täglich Futter, Wasser und ihre Boxen müssen saubergemacht werden. Eine Menge Arbeit. Dazu kommen Pacht für den Stall und das rund 1,5 Hektar große Gelände, Futter, Heu – das alles kostet eine Menge Geld. "Die Fixkosten liegen in meinem Betrieb monatlich bei rund 4.000 Euro", rechnet die Münchnerin vor.

Zum Glück sind alle Pferde momentan gesund und munter. Würde eines von ihnen krank, wäre das besonders schlimm. Beim Tierarzt können ganz schnell 500 oder 800 Euro für eine Behandlung zusammenkommen, weiß Manuela Neuhofer aus Erfahrung. Es gäbe zwar eine Krankenversicherung für Tiere, doch die Prämien kann sie sich nicht leisten. Alle zehn Pferde müssen noch in diesem Jahr zum "Zahnarzt", als Vorsorge – fast wie bei den Menschen. Pro Pferd fallen beim Veterinär 150 Euro an. Macht zusammen 1.500 Euro. "Zum Glück haben wir erst im Herbst den Termin", sagt Manuela Neuhofer.

Nähe ist bei der Reittherapie besonders wichtig.
Nähe ist bei der Reittherapie besonders wichtig. © privat

Reittherapeutin Neuhofer: Betrieb seit 18. März stillgelegt

Früher, als der Betrieb noch normal lief, war das Finanzielle kein Problem. Die 39-Jährige konnte von der Reittherapie gut leben. Doch seit dem 18. März ist der Betrieb, wie viele andere auch, stillgelegt. Anderen Reiterhöfen geht es momentan nicht besser. Reitstunden darf man nicht mehr geben. Das fällt alles unter die neuen Ausgangsbeschränkungen. Viele Bauern rund um München haben auf ihren Höfen Boxen an Pferdebesitzer verpachtet.

Die Eigentümer übernehmen die Versorgung ihrer Tiere. Dafür darf man bisher noch aufs Land fahren. Manuela Neuhofer trägt für ihre Pferde ganz alleine die Verantwortung. Morgens kurz nach sieben Uhr fängt sie an: Boxen ausmisten, frisches Heu verteilen, Tiere versorgen. Seitdem keine Kinder mehr zur Therapie kommen, ist für sie an manchen Tagen schon nachmittags Feierabend.

"Die Pferde brauchen Pflege, auch wenn ich derzeit nicht mit ihnen arbeiten kann", sagt Manuela Neuhofer. Alles läuft wie die letzten Jahre, nur dass kein Geld mehr hereinkommt. Früher hat sie im Schnitt 30 Kinder in der Woche betreut. Jetzt kein einziges. Finanziell könnte das schon bald zum Problem werden. Momentan lebt die 39-Jährige von Rücklagen. "Das hält noch eine Zeit", hofft sie.

Manuela Neuhofer: Auf ihrem Pferd vergisst sie die Sorgen

Doch was, wenn die Ausgangsbeschränkungen über die Osterferien hinaus verlängert werden, wenn Betriebe wie der ihre weiter geschlossen bleiben müssen? "Das sind Gedanken, die bringe ich nicht aus meinem Kopf", sagt Manuela Neuhofer. Eigentlich wollte sie expandieren, weiteres Land pachten, einen Radlader kaufen und ein weiteres Pferd anschaffen. "Das ist vorerst alles auf Eis gelegt", sagt die Therapeutin, "jetzt ist nicht die Zeit für Investitionen."

Abgelenkt ist sie nur, wenn sie eines ihrer Pferde sattelt und mit ihm ausreitet. Ihre beiden Hunde laufen nebenher. Dann geht es über Feldwege, vorbei an Wiesen und Wäldern. "Das genieße ich, da vergisst man kurz die Sorgen und Probleme", sagt Manuela Neuhofer, "das ist ein Privileg." Das ihr die Leute aber offenbar von Herzen gönnen, schräg angequatscht wurde sie jedenfalls noch nicht von Spaziergängern.

Ihre größte Sorge gilt momentan den Pferden. Manuela Neuhofer: "Was passiert mit ihnen, falls ich mich mit Corona infiziere und ernsthaft krank werde?" Ins Krankenhaus gehen und sich zwei Wochen in Quarantäne legen? Undenkbar. Da haben es andere Selbstständige einfacher, die schalten ihre Maschinen aus und warten das Ende der Krise ab. Die Pferde brauchen in diesen Tagen umso mehr Zuwendung und Liebe, denn sie vermissen die Kinder und deren Streicheleinheiten.

Lesen Sie hier: Pflege in Corona-Zeiten - Wo Abstand halten nicht geht

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